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Audi A4 1.8

Die glorreiche Vier

Audi A4 1.8

Der Audi A4 ist nicht nur im Verkauf die Nummer eins seiner Klasse, sondern auch in puncto Qualität und Zuverlässigkeit. Der Beweis: eine nahezu makellose Bilanz über 100 000 Kilometer. Allerdings hätte der Audi 80-Nachfolger einen besseren Motor als den zähen und brummigen 1,8 Liter-Fünfventiler mit 125 PS verdient.

14.06.1997 Thomas Fischer

Sollten sich die Verkaufszahlen des A4 genauso gut halten wie der Dauertestwagen, sieht Audi weiterhin goldenen Zeiten entgegen. Schon jetzt ist die Bilanz beeindruckend. Der A4 , im Herbst 1994 als Limousine und ein Jahr später als Avant lanciert, hat die Konkurrenz von BMW (Dreier) und Mercedes (C-Klasse) in den Zulassungszahlen hinter sich gelassen.
1996 war der A4 in Deutschland mit 134 108 abgesetzten Einheiten das meistgekaufte Auto seiner Klasse. Auch im ersten Quartal 1997 hatte der Audi 80 -Nachfolger mit 29 605 Verkäufen die Nase vorn. Rund ein Viertel (26 Prozent) aller deutschen A4-Interessenten greift zu dem Modell, das auto motor und sport im Herbst 1995 für den Dauertest über 100 000 Kilometer wählte: die 1,8 Liter-Version, mit dem zu diesem Zeitpunkt neuen Vierzylinder-Fünfventilmotor und 125 PS. Hinter dem 1,6 Liter-Basismodell (101 PS) mit 42 Prozent Verkaufsanteil ist der 1.8 das zweitpopulärste Modell im sieben Motorisierungsstufen umfassenden A4- Angebot.
Es folgen mit klarem Abstand der 1.9 TDI mit 110 PS (elf Prozent), der 90 PS-TDI (acht Prozent), die 150 PS starken 1.8 Turbo und 2.6 V6 (gleichauf mit jeweils fünf Prozent) und zu guter Letzt das Spitzenmodell 2.8 V6 mit 193 PS (drei Prozent).
Auch wenn ein Dauertest nur eine Stichprobe aus Hunderttausenden produzierter Autos einer Modellreihe sein kann, so haben die auf 100 000 Kilometern gesammelten Erfahrungen doch einen repräsentativen Wert. Denn Stärken und Schwächen eines Automobils bleiben auf solch einer von zwei Dutzend verschiedenen Fahrerinnen und Fahrern in allen Jahreszeiten zurückgelegten Strecke nicht verborgen.

Der A4 löste diese Aufgabe bravourös. Die Vergleichstabelle auf dieser Seite zeigt, daß der Audi in puncto Zuverlässigkeit der beste Dauertestwagen seiner Klasse war. Was die Tabelle nicht verrät: Der dunkelblaue Mittelklasse-Audi war sogar einer der Besten in der mehr als 30jährigen Dauertest-Historie von auto motor und sport. Die Liste der Mängel und Störungen liest sich so kurz und lapidar wie sonst nur bei japanischen Autos à la Toyota Corolla : Windgeräusche, schmierende Scheibenwischer, rubbelnde Bremsen und als einziger Defekt ein durchgebranntes Abblendlicht- Lämpchen.
Daß der Dauertestwagen kein glücklicher Einzelfall war, zeigen die Lesererfahrungen mit dem A4. Der nahezu einhellige Tenor: Spitzenqualität auf Mercedes - Niveau. Allerdings gab es auch einige A4-Besitzer, die Ärger mit der Elektrik (Fensterheber, Schiebedach) und den Türschlössern hatten.
Der auto motor und sport- A4 blieb davon verschont. Er spulte seine Kilometer mit der Zuverlässigkeit einer Schweizer Uhr ab, leistete sich keine Panne, keinen außerplanmäßigen Werkstattaufenthalt, keine Unregelmäßigkeit. Wegen seiner extrem hohen Verläßlichkeit war der A4 unter den Redaktionsmitgliedern ein gefragtes Langstreckenauto – quasi ein Rundum-sorglos-Paket für die Reise.
Das Wohlbehagen, das der A4 bei seinen Passagieren verbreitete, lag aber nicht allein an der Unanfälligkeit gegen mechanische Störungen. Auch die Solidität der vollverzinkten Karosserie, die hohe Qualitätsanmutung der im Innenraum verwendeten Materialien sowie das bis in den letzten Winkel nahezu mustergültige Finish wecken Vertrauen und das Gefühl, einen besonders hohen Gegenwert für das gezahlte Geld zu bekommen.
Allerdings hat diese Qualität ihren Preis, wenngleich – wie viele Leser anmerken – nicht so viele Sterntaler wie bei Mercedes dafür ausgegeben werden müssen. Doch 50 000 Mark wie beim Dauertestwagen inklusive einiger sinnvoller Extras wie Klimaautomatik, Skisack, Schiebedach und Sitzheizung sind schon eine stolze Summe für ein Auto, das sich angesichts der eingeschränkten Platzverhältnisse im Fond und des schlecht zugänglichen Kofferraums nur bedingt als Familien- Limousine eignet.

Und warum muß das Cockpit eines 50 000 Mark-Autos – sofern es nicht zusätzlich mit teuren Holzapplikationen ausstaffiert ist – so keimfrei und nüchtern wie ein frisch gewischter Linoleumboden aussehen? Etwas mehr Innenraum- Flair stünde dem äußerlich gelungenen A4 gut zu Gesicht.
Er – beziehungsweise seine Käufer – hätte auch einen besseren Motor verdient als den 1,8 Liter-Fünfventiler. Denn der ist die einzige echte Enttäuschung am A4, und mit diesem Urteil steht auto motor und sport nicht alleine da. Auch die Leserkritik ist scharf, obwohl man mit dem Motor durchaus über die Runden kommen kann. Doch mit Einführung der Fünfventiltechnik (drei für den Einlaß, zwei für den Auslaß) hat Audi bei den Kunden Erwartungen geweckt, die das Triebwerk nicht erfüllen kann. Mit fünf Ventilen pro Zylinder, wo andere gerade mal vier, drei oder gar nur zwei bieten, assoziiert man Spontanität im Antritt, Drehfreude und hohes Leistungsvermögen. Audi verspricht zudem niedrigeren Benzinverbrauch.
Die Realität sieht anders aus. Der Verbrauch (durchschnittlich zehn Liter pro 100 Kilometer im Dauertest) liegt ähnlich hoch wie bei vergleichbar motorisierten Konkurrenzmodellen. Und obwohl die reinen Fahrleistungen, die mit zunehmender Kilometerleistung besser wurden, keinen Anlaß zu Kritik geben, läßt der subjektive Eindruck keine Freude aufkommen. „Motor hat keinen Biß“, „wirkt zäh“, „nervt mit Brummgeräuschen“, „viel Lärm um nichts“ lauten die Eintragungen in die Bordkarten des Dauertestwagens – von Vorsprung durch Technik kann im Gegensatz zum bahnbrechenden TDI hier keine Rede sein. Woran es am meisten mangelt, ist das, was die Engländer response nennen: das unmittelbare Ansprechen auf den Tritt gegen das Gaspedal.
Beim A4 wird dieses unbefriedigende Ansprechverhalten noch durch ein schwergängiges Gaspedal mit langem Weg verstärkt. Auch die kurze Übersetzung ist zwiespältig: Sie verbessert zwar die Elastizität, läßt den Motor aber auf ebener Autobahn nah an den roten Bereich (6300/min) drehen, was mit einem unangenehm hohen Geräuschpegel verbunden ist. VW -Chef Piëch ließ den schlappen Fünfventiler für den Einsatz im Passat mit Schaltsaugrohr und Nockenwellenverstellung nachrüsten. Auch Audi mußte nacharbeiten: Bei 100 000 A4, die vor Januar 1996 produziert worden waren (darunter auch der Dauertestwagen), mußten im Rahmen des Kundendienstes vorsorglich die Ölpumpen getauscht werden. Der Grund: Ein bisweilen klemmender Steuerkolben im Deckel der Zahnradpumpe ließ den idealen Öldruck im Zylinderkopf (zwei bis vier bar) auf ein Vielfaches ansteigen, was Ventil- und Steuerkettenschäden zur Folge haben konnte.

Obwohl Audi nach eigenem Bekunden mit dem A4 eher auf BMW- als auf Mercedes-Kunden zielt, ähnelt das gesamte Fahrgefühl mehr der behäbigen C-Klasse als dem agilen Dreier. Dazu trägt die solide Karosserie ebenso bei wie der nur zögerlich beschleunigende Motor. Auch das Handling wirkt wegen der strammen Lenkung etwas schwerfällig.
Die Bremsen sprechen so spontan an, wie man sich das vom Motor wünschen würde – ihr giftiges Zupacken ist gewöhnungsbedürftig, aber an der Wirkung der Bremsanlage (vier Scheiben mit ABS) gibt es ebenso wenig auszusetzen wie an ihrer Standfestigkeit.
Das Fahrverhalten ist auch ohne Quattro-Antrieb über jeden Zweifel erhaben. Mit Winterreifen, von denen der Semperit Direction mit sehr guten Schnee- und Nässeeigenschaften besser zu gefallen wußte als der Pirelli Winter 190, erklomm der frontgetriebene A4 mühelos jede Steigung. Im Sommer rollte der Audi abwechslungsweise auf den sehr komfortablen Michelin Pilot HX und den etwas lauteren Goodyear Eagle NCT. Ein Leisetreter ist der A4 ohnehin nicht. Fahrwerks- und Poltergeräusche dringen ziemlich unverblümt zu den Passagieren durch und schmälern den ansonsten guten Federungs- und Sitzkomfort. Unverzichtbar für das Wohlbefinden an Bord ist eine Klimaanlage, weil sich der enge Innenraum bei Sonnenschein unerträglich aufheizt.
Was sonst noch auffiel: Die Karosserie ist wie die meisten modernen Windkanal-Kreationen sehr unübersichtlich, Türen und Schiebedach verursachten starke Windgeräusche, und das ab Werk gelieferte Cassetten- Radio (Typ Gamma) nervte im RDS-Betrieb beim Wechseln der Alternativ-Frequenzen mit kurzen, aber lästigen Empfangsunterbrechungen. Ansonsten überwog Freude über nicht meßbaren Ölverbrauch, geringen Reifen- und Bremsenverschleiß sowie niedrige Werkstattkosten von rund 170 Mark für eine kleine und 350 bis 500 Mark für eine große Inspektion – in dieser Beziehung ist Audi erfreulicherweise noch weit vom Mercedes- Niveau entfernt.
Allerdings auch in der Wertstabilität. Im Vergleich zum 1996 getesteten Mercedes C 180, der im gleichen Zeitraum nur 46 Prozent seines Neuwerts einbüßte, verlor der A4 nach Schätzungen der Experten (DAT, Dekra) 49 Prozent. Die Gebrauchtwagenkäufer wird es freuen, die Erstbesitzer weniger.

Technische Daten
Audi A4 1.8
Grundpreis21.832 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4479 x 1733 x 1415 mm
KofferraumvolumenVDA440 L
Hubraum / Motor1781 cm³ / 4-Zylinder
Leistung92 kW / 125 PS (168 Nm)
Höchstgeschwindigkeit205 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h10,5 s
Verbrauch8,5 L/100 km
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