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Ford Focus 2.0i Ghia Turnier

Keine Pannen, aber ein Soundtrack aus Klappern, Knistern und Knacken

Ford Focus 2.0i Ghia Turnier

Im Vergleichstest bezwang er seine Rivalen mit harmonischem Fahrwerk, gutem Komfort und üppigem Raumangebot. Im Dauertest gab er sich geschlagen: Der Ford Focus 2.0i Ghia Turnier lief zwar zuverlässig, nervte aber mit vielen kleinen und ärgerlichen Qualitätsmängeln.

26.05.2001 Christian Steiger

Er ist kein Auto, das sich in die Erinnerung seiner Benutzer gräbt. Wirklich unvergesslich wird der metallicblaue Focus Turnier erst, nachdem-irgendwo in Italien - ein Becher Buttermilch aus dem Cupholder kippt und der Inhalt im Bodenteppich versickert.
Kurz darauf folgt ein dringlicher Werkstatt-Aufenthalt, den der Focus beim besten Willen nicht zu verantworten hat: Ein komplett neuer Bodenbelag wird verlegt.
Zuvor ist der Kölner Kompakt-Kombi im auto motor und sport-Dauertestfuhrpark einfach nur vorhanden, ohne besondere Zuneigung auszulösen. Aber auch Antipathien kann er nicht wecken, weil er seine Schwächen auf dieSchultern von 61 Dienstfahrern verteilt. Sie hören ihn, wie ihre Kommentare auf den gelben Bordkarten verraten, für ein paar Tage klappern oder knacken und reichen ihn dann an den nächsten Kollegen weiter.
Abgerechnet wird zum Schluss. Dann, nach 17 Monaten und 100 000 Kilometern, zeigt sich, dass die Qualitätdes Focus nicht ganz halten kann, was der neue Ford-Slogan „Besser ankommen" verspricht.
Dabei kommt der blaue Turnier immer an sein Ziel. Nie verröchelt er auf der Standspur; keiner seiner Fahrer tritt den nächtlichen Canossagang zur Notrufsäule an. Die Spezialität des Autos, das heute mit allen georderten Extras fast 46 000 Mark kostet, sind die gänzlich banalen, aber alltäglich nervenden Mängel. Sie allein lassen den im Grunde zuverlässigen Focus auf die hinteren Plätze des auto motor und sport-Mängelindex absacken.

So umgibt die gesamte Dauertest-Distanz ein Soundtrack aus Knister-, Knarz- und Klappergeräuschen, die sich nur teilweise lokalisieren lassen. Die Karosserie etwa wirkt bereits zu Testbeginn nicht allzu steif und scheint sich mit steigender Laufleistung immer spürbarer zu verwinden.
Eine klappernde Rücksitzlehne stört bereits bei Tachostand 16 814, der Auspuff stimmt gleich zweifach ein: nach 44 000 Kilometern und noch einmal 11000 km später, mit der Folge, dass jeweils das Abschirmblech des Katalysators befestigt werden muss. Kurz darauf rumort es in Rechtskurven aus dem Fußraum: Schuld daran sind Verspannungen des Pedalbocks.
Die Mechanik der Fensterheber setzt sich erst dezent, dann unüberhörbar gegen die Fahrgeräusche durch. Ruhe herrscht jedenfalls erst, als alle vier Fensterheber auf Kulanz ausgetauscht werden - Gegenwert: fast 2000 Mark. Im Rahmen der Modellpflege hat Ford diese Schwachstelle inzwischen überarbeitet.
Geräuschlos pflegen sich hingegen die Gummileisten auf dem Dach des Focus zu verabschieden: Die erste ergibt sich nach vier Dauertest-Monaten dem warmen Luftstrom einer Autowaschanlage. Das Ersatzteil, immerhin 125 Mark teuer und ebenfalls während der Garantiezeit montiert, löst sich 3000 Kilometer später.
Der Schwerkraft folgen auch die Halterungs-Clips des umständlich zu arretierenden Gepäcknetzes am Dachhimmel: Sie fallen mehrfach aus ihrer Befestigung und lassen sich nicht mehr dauerhaft befestigen, sind im Ford-Ersatzteilprogramm aber nur zusammen mit dem dazugehörigen Netz zu haben - Preis: 256 Mark. Da wirkt es fast schon verzeihlich, dass sich in der Nummernschild-Beleuchtung ständig Wasser sammelt und die Gasdruckfedern der Heckklappe bereits nach 25 000 Kilometern ermüdet sind.
Dabei verfügt der kompakte Kombi durchaus über Talente, die ein gewissenhafteres Finish verdient hätten. Peter Göbel, rallyeerprobter MagazinRedakteur, schwärmt etwa von der „traumhaften und mustergültig exakten Lenkung". Und für Redakteur Marcus Peters ist der Focus erste Wahl, wenn es mit Gepäck auf längere Touren geht: Ihn und viele andere Focus-Chauffeure überzeugt das nahezu perfekt abgestimmte Fahrwerk des Turnier.

Selbst auf furchigen Pisten liegt er perfekt, federt auch voll beladen weder zu trocken noch zu weich, gibt in schnell gefahrenen Kurven den sanften Untersteurer und meistert kurze Fugen so gut wie lange Bodenwellen. So, darüber herrscht Einigkeit, muss sich ein fahraktiver Kompaktwagen anfühlen.
Auch die Bremsen des Ford können überzeugen, obwohl während des Test-Marathons die vorderen Scheiben schwächeln: Dafür lässt sich die Bremsanlage gefühlvoll dosieren und vermittelt auch bei schneller Autobahnfahrt den Eindruck angemessener Verzögerung.
Die Schaltung hingegen könnte sich etwas konkreter anfassen, mit kürzeren Wegen und etwas festerer Führung. Aber allzu viel an Schaltarbeit gibt es nicht: Der 130 PS starke Zweilitermotor, den derzeit nur 2,1 Prozent aller Focus-Käufer wählen, wirkt durchzugsstark genug, um auch ausgeprägt schaltfaule Fahrer zufrieden zu stellen.
Unangenehm fällt er dagegen durch ein stetiges Teillastruckeln auf, das die Werk statt trotz mehrerer Eingriffe in die Steuerelektronik nicht abstellen kann. Rasche Benutzer notieren außerdem, dass das Triebwerk drehfreudiger sein könnte und für seine Nennleistung generell etwas zäh wirke.
Tatsächlich bestraft es engagierte Gangart nicht nur mit brummigem Protest, so bald der Drehzahlmesser die 4000er-Markierung überschritten hat, sondern auch mit völlig inakzeptablen Verbrauchswerten, die ältere Ford-Benutzer an längst verblasste Granada-Zeiten erinnern: Über 13 Liter dürfen es bei forcierter Gangart sein; zehn sind es auch bei bürgerlicher Fahrweise. Das erklärt, warum die meisten Focus-Käufer zum zahmeren 1,6-Liter-Triebwerk mit 100 PS greifen.
Fast 60 Prozent entscheiden sich für den Turnier und dessen ebenen, großzügigen Gepäckraum: Er lässt sich über eine niedrige Ladekante gut erreichen und ermöglicht während der Testdauer das Verstauen von Kommoden, Waschmaschinen und von dem kompletten Werkzeug-Zubehör einer Ferienhaus-Renovierung. Störend ist nur, dass sich zwar die Rückenlehne teilen lässt, nicht aber die Sitzfläche. Zum Modelljahr 2002 bessert Ford diese Schwachstelle nach.
Ordentlich untergebracht fühlen sich auch die Focus-Passagiere. Vorne wie hinten steht ausreichend Sitzraum zur Verfügung; die Sessel sind bequem und großzügig dimensioniert, zeigen keine Alterungserscheinungen und stellen selbst Fahrer mit sensiblen Bandscheiben zufrieden.
Ebenso kann die Übersichtlichkeit des Focus überzeugen. Und trotz des zerklüftet wirkenden Cockpit-Designs gibt der Kombi keine ergonomischen Rätsel auf.

Für engagierte Diskussionen sorgt dagegen die beheizbare Frontscheibe: Ihre Gegner stören die sichtbaren Heizdrähte und das Gefühl, bei ungünstigem Lichteinfall durch ungeputztes Glas zu peilen.
Und wenn das Gespräch schon auf die funktionelle Seite des Focus kommt, wird meist auch die Schließanlage kritisiert: Zahlreiche Benutzer finden es lästig, den Motorraum ebenso mit dem Schlüssel öffnen zu müssen wie den Tankdeckel und die Heckklappe, die beide nicht mit der Zentralverriegelung verbunden sind.
Es ist eine Frage der Gewöhnung, wie auch das NewEdge-Design des Kombis mit seinem provokanten Kontrast aus scharfen Kanten und betonten Rundungen. Auf den Wiederverkauf wirkt es sich allerdings nicht nachteilig aus: Der Wertverlust liegt mit 54,58 Prozent unter dem volkstümlicher gestylten Opel Astra Caravan.
Tatsächlich wäre der Focus ein durchaus empfehlenswertes Auto, wenn ihn nicht die kleinen, aber zahlreichen Mängel heimsuchen würden. Er verbraucht kaum 01 (Nachfüllmenge 1,75 Liter) und geht schonend mit den Reifen um. Die erste Garnitur Pirelli P 6000 etwa bringt es nach 40 000 Kilometern noch auf 4,5 Millimeter Restprofil. Die Pirelli-Reifen sind etwas standfester als ihre Nachfolger vom Typ Bridgestone Potenza RE 88, die dazu durch schlechtere Nässe-Eigenschaften auffallen.
Durch und durch bürgerlich bleiben letztlich auch die Inspektionskosten: Der teuerste Wartungsaufenthalt bei Tachostand 60 000 kommt auf ganze 398 Mark.
Mehr als zehn Mal so teuer sind allerdings die Garantie und Kulanz-Arbeiten. Vor allem: Die meisten von ihnen fallen bei Kilometerständen an, die Normalfahrer erst nach drei oder vier Jahren erreichen.
Beim Dauertest-Focus kostet nur der neue Bodenteppich extra. Danach riecht der Turnier nicht mehr unangenehm, sondern klappert nur noch.

Vor- und Nachteile

  • Sehr gut abgestimmtes Fahrwerk
  • Präzise und leichtgängige Lenkung
  • Gute Bremswirkung
  • Sehr gutes Raumangebot
  • Komfortable Sitze
  • Gute Zuverlässigkeit
  • Günstige Inspektionen
  • Geringer Reifenverschleiß
  • Zum Teil mäßige Verarbeitung
  • Hoher Verbrauch
  • Motor neigt zum Ruckeln im Teillastbereich
  • Bei höheren Drehzahlen brummiges Laufgeräusch
  • Störende Wingeräusche bei schneller Fahrt
  • Schwaches Abblendlicht
  • Nicht ganz befriedigende Heizleistung
  • Zu geringe Kühlleistung der Klimaanlage
  • Zum Teil unpraktische Bedienung
  • Störende Drähte der Frontscheiben-Heizung
Technische Daten
Ford Focus 2.0 16V Turnier
Grundpreis20.125 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4465 x 1702 x 1532 mm
KofferraumvolumenVDA520 bis 1580 L
Hubraum / Motor1988 cm³ / 4-Zylinder
Leistung96 kW / 130 PS (178 Nm)
Höchstgeschwindigkeit201 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h9,6 s
Verbrauch8,7 L/100 km
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