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Jaguar XJ 6 Sovereign 4.0

Es lebe der Lord

Jaguar XJ 6 Sovereign 4.0

Katzen haben sieben Leben, sagt man, doch die Marke Jaguar wäre fast an der englischen Krankheit verschieden. Über 100 000 Kilometer zeigte die Neuauflage der Edelkatze, daß die Milliardeninvestitionen von Ford Früchte tragen.

24.05.1997 Bernd Stegemann

Wer tief in die Tasche greift, hat mit Recht hohe Ansprüche. Obwohl die Hersteller von Luxuswagen in dieser Hinsicht kaum etwas schuldig bleiben, sehen sie sich gelegentlich ausgefallenen Wünschen gegenüber.
So bemängelte der Besitzer eines Mercedes 600, daß die Aschenbecher zu klein seien. Ob er denn so schwere Zigarren rauche, fragte ihn daraufhin der Verkäufer mit erlesener Höflichkeit. Nein, lautete die Antwort, Wasserpfeife. Auch Reiche haben ihre Sorgen.
Bei Autos jenseits von 100 000 Mark ist das eben anders. Üppige Platzverhältnisse, solide Technik, beste Verarbeitungsqualität sowie gediegener Komfort werden in dieser Klasse genauso selbstverständlich erwartet wie eine akzeptable Zuverlässigkeit. Weil Jaguar hier aber lange einen Nachholbedarf hatte und damit auch in Deutschland viele Liebhaber vergraulte, steht der britische Hersteller inzwischen drei Jahre für seine Autos und Hilfe bei Pannen ein.
Der kritischste Käufer der Marke kommt indes aus Amerika. Für 2,5 Milliarden Dollar übernahm Ford Ende 1989 die ganze Firma, nur um wenig später festzustellen, daß noch einmal ein ähnlicher Betrag fällig sein würde, um die maroden Produktionsanlagen und die Qualität der XJ-Baureihe zu sanieren. Rund 2500 Schwachpunkte machten die Techniker damals an der Limousine aus, von denen aus ihrer Sicht nur noch 120 geblieben sind. Als entscheidenden Schritt nach vorn verzeichnen die Annalen die Einführung des intern X300 genannten Modells, das im Herbst 1994 die seit acht Jahren gebaute Modellreihe ablöste. Um eine komplette Neuentwicklung handelt es sich dabei freilich nicht, denn der fünf Meter lange Viertürer basiert in wesentlichen Teilen noch auf dem Vorgänger.

Bei seinem Debüt wurde besonders die verfeinerte Optik gelobt, die mit betörender Eleganz an den Ur-XJ erinnert, während Firmenchef Nicholas Scheele mit Genugtuung darauf verwies, daß Jaguar laut dem amerikanischen Power-Report in der Kundenzufriedenheit bereits BMW und Mercedes überholt habe.
Um den Beweis zu erbringen, ob die vollmundigen Sprüche des Managers der Wirklichkeit standhalten, trat vor knapp zwei Jahren ein Vierliter-Modell mit Automatikgetriebe zum Dauertest in der Redaktion an. Erstes Fazit: Der Sovereign blieb kein einziges Mal liegen. Zweitens: Trotz allgemeiner Teuerung lagen die Unterhaltskosten (ohne Wertverlust) sogar niedriger als beim acht Jahre zuvor getesteten Modell. Hier macht sich zum einen die erweiterte Garantie, zum anderen aber auch die bessere Qualität bemerkbar.
Denn nicht nur im Vergleich zum Vorgänger nimmt sich die Störungsliste recht bescheiden aus. Einen geringeren Mängelindex weist in dieser Klasse allein der Lexus LS 400 auf , der zudem als einziger ohne außerplanmäßigen Werkstattaufenthalt auskam. Der Jaguar mußte hingegen fünfmal außerhalb der vorgesehenen Wartungsintervalle (16 000 Kilometer) wegen diverser Defekte zum Service.
Es handelte sich aber durchweg um Kleinigkeiten ohne gravierende Beeinträchtigung. So hatte zunächst das Gaspedal zu viel Spiel, später ging es nicht ganz in Leerlaufstellung zurück, was jeweils durch Nachstellen behoben werden konnte. Auch das im Laufe der Zeit zunehmende Pfeifen, das die Pumpe der Servolenkung bei vollem Lenkeinschlag von sich gab, trat nach Befestigen der Druckleitung bei Kilometerstand 13 800 nicht wieder auf.
Der Austausch der hinteren Stoßdämpfer, die schon im Vorgänger ihrer Aufgabe nur unzureichend nachgekommen waren, erwies sich jedoch als untauglicher Versuch, dem Sovereign mehr Ruhe auf schlechten Straßen anzuerziehen. Im Serientrimm wirkt das aktuelle Modell noch immer etwas unterdämpft, was es hinten zu viel nachschwingen und gelegentlich versetzen läßt. Beim aufpreispflichtigen Sportfahrwerk tritt dies erheblich gemildert in Erscheinung, ohne daß der Komfort übermäßig leidet.

Die Wahl der Reifen ist hier offenbar von größerer Bedeutung. Zumindest die auf gutes Handling ausgelegten Pirelli- Typen P 4000 (Erstausrüstung) und P 6000 kamen mit Querfugen nicht sonderlich gut zurecht und rollten ungebührlich hart ab. Obwohl auch die Winterreifen von Goodyear Laufgeräusche entwickelten, harmonierten sie ungleich besser mit dem komfortablen XJ-Fahrwerk. Hier liegt zweifellos die Domäne des Jaguar. Bodenunebenheiten absorbiert die weich abgestimmte Federung mit wiegender Sanftheit, und immer wieder zeigen sich Insassen tief beeindruckt von seinem geschmeidigen Langsamfahrkomfort. Dadurch entsteht in Verbindung mit den geringen Abroll- und Windgeräuschen eine Atmosphäre höchster Fahrkultur, solange der Jaguar in gemessener Gangart bewegt wird.
Sie ist zugleich die einzig angemessene, denn bei forciertem Tempo fühlt man sich nicht ganz so behaglich. Mit stabilem Geradeauslauf, sanftem Untersteuern und frühzeitiger Ankündigung des Kurvengrenzbereichs birgt der XJ 6 zwar keine tückischen Überraschungen, im Vergleich zur Präzision des Fahrens, mit der sich beispielsweise ein großer BMW dirigieren läßt, wirkt er aber spürbar indifferenter. Obwohl die geschwindigkeitsabhängige Servolenkung mehr Fahrbahnkontakt als frühere Ausführungen vermittelt, gelingt es ihr nicht, den Wagen sauber auf Kurs zu halten. Der Jaguar braucht Platz beim Schnellfahren.
Besserung tut not und läßt nicht mehr lange auf sich warten: Mit Einführung des Vierliter- V8-Motors im Herbst dieses Jahres hält auch die völlig neu entwickelte Doppelquerlenker- Vorderachse mit Aluminium- Fahrschemel aus dem XK8 Einzug in die Limousine. Eine nennenswerte Verringerung des Wendekreises, der mit fast 13 Metern die ansonsten gute Handlichkeit beeinträchtigt, darf man sich davon aber nicht versprechen.
Bei aller Freude über den kommenden Achtzylinder, mit dem die Engländer zum Standard der Luxusklasse aufschließen, ist freilich ein wenig Wehmut angebracht. In seiner 14jährigen Bauzeit mutierte der Vierventil-Reihensechszylinder von einer zumindest in höheren Drehzahlbereichen rauh laufenden zu einer kultivierten, angenehmen Antriebsquelle. Sie bescherte dem leer 1805 Kilogramm wiegenden Sovereign klassenübliche Fahrleistungen, die am Ende des Dauertests sogar etwas besser ausfielen.
Probleme gab es während der gesamten Distanz nur mit gelegentlich schwankendem Öldruck im Leerlauf und Motorklingeln unter Vollast, das von minderer Treibstoffqualität herrührte. Von Undichtigkeiten im Kühlsystem wie beim früheren 3,6 Liter-Modell blieb der Vierliter gänzlich verschont. Erfreulicherweise hat er auch dessen Trinksitten abgelegt, denn der Benzinverbrauch sank von 15 auf 13,1 Liter/100 Kilometer und die Ölnachfüllmenge von 30,5 auf 26 Liter.
Mit anderen Eigenarten muß der Jaguar-Fahrer hingegen weiterhin leben. Vor allem die Funktionalität der Karosserie läßt zu wünschen übrig: Der Einarmwischer bestreicht nach wie vor ein viel zu kleines Feld, liegt nie sauber auf der Windschutzscheibe und schafft selbst bei häufigem Wechsel des Wischerblattes keine befriedigende Sicht. Aus dem gleichen Grund ist von der heizbaren Frontscheibe (Extra) abzuraten, denn die Heizdrähte machen die Scheibe kaum schneller frei als das Gebläse, stören aber bei Sonne und Dämmerlicht mit unangenehmen Reflexionen.

Auch an der Bedienung gibt es einiges auszusetzen. Die elektrische Verstellung der Vordersitze ist zwar nun an den Außenseiten der Sitze besser zu erreichen, allerdings muß man dazu bei geschlossener Tür die Hand in einen engen Schacht einführen. Zudem wirkt die Programmierung der Memory- Funktion schwierig und unlogisch, und für große Fahrer reicht der Verstellbereich in Längsrichtung nicht aus. Während man sich mit dem ungünstig plazierten Lichtschalter, dem erst später installierten, viel zu kleinen Handschuhfach und den wenig ergonomischen, zum Teil unbeleuchteten Schaltern noch arrangieren kann, fällt dies bei der Sitzposition schwer. Kaum ein Fahrer fand eine befriedigende Haltung am Steuer, was auch an den Sitzen selbst liegt. Sie sind zu kurz, der Rücken erfährt wenig Unterstützung, und der Wulst unter den Oberschenkeln ist zu stark aufgepolstert. Hier bieten alle wichtigen Konkurrenten deutlich mehr.
Das gilt erst recht für das Raumangebot, das nicht einmal an den kleineren BMW Fünfer heranreicht. Zur Freude der Enthusiasten hat der klassische, verschwenderische Jaguar-Stil erneut über den Zeitgeist größtmöglichen Nutzwerts gesiegt, und solange der Innenraum mit poliertem Walnußholz und üppig verarbeitetem Connolly-Leder glänzt, scheint ihre Welt in Ordnung. Daran kann auch der Jaguar-Kopf aus billigem Blech auf dem Lenkrad nicht rütteln. Er bleibt der einzige Ausrutscher, denn ansonsten zeigt sich die Karosserie von einer Qualität, wie man sie bisher bei den Briten nicht kannte. Am Ende des Dauerlaufs gab es keine durchgesessenen Sitze, kein Quietschen und keine hängenden Türen, nur eine Lackablösung auf der Motorhaube. Das Finish wirkt insgesamt deutlich gereift, wenn auch nicht ganz so perfekt wie bei Audi oder Mercedes .
Es fällt schwer, ihm solche Kleinigkeiten wirklich übelzunehmen, denn zu köstlich sind die Gaben, die der XJ 6 für wirkliche Liebhaber bereithält. Die französische Schriftstellerin Françoise Sagan gehörte offensichtlich dazu: „Wenn ich unglücklich bin, ziehe ich es vor, anstatt in einem Autobus in einem Jaguar zu weinen.“

Technische Daten
Jaguar XJ6 Classic 4.0 Sovereign lang
Grundpreis64.678 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe5149 x 1798 x 1314 mm
KofferraumvolumenVDA430 L
Hubraum / Motor3980 cm³ / 6-Zylinder
Leistung177 kW / 241 PS (375 Nm)
Höchstgeschwindigkeit232 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h8,2 s
Verbrauch12,6 L/100 km
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