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Mercedes SLK 230 Kompressor

Unter Dach und Fach

Mercedes SLK 230 Kompressor

Über 100 000 Kilometer offenbarte der Mercedes SLK 230 Kompressor mehr Licht als Schatten - nicht zuletzt wegen seines überzeugenden Dachkonzepts.

12.04.1999 Bernd Stegemann

Der Dauertest des Mercedes SLK geriet zum Dauernd- Test seiner Fahrer. Dauernd die gleiche Frage, egal, wo der keilförmige Zweisitzer auch einlief: Wie funktioniert das Vario- Dach? Und dauernd das gleiche Entzücken, wenn man es nicht mit der eiligen Antwort „sehr gut und sehr schnell, in 25 Sekunden“ bewenden ließ, sondern zur roten Zaubertaste auf der Mittelkonsole griff.
Auf Knopfdruck setzt umgehend jene Verwandlung vom Coupé zum Cabrio ein, die den SLK weit über unvollkommene Vorläufer dieses Dachkonzepts erhebt und im aktuellen Auto- Angebot einzigartig macht. Zuerst verschwinden leise surrend die Seitenscheiben in den Türen, dann öffnet sich der Kofferraumdeckel nach hinten, um wenig später das zweiteilige Blechdach zu verbergen, nachdem es sich vollautomatisch im Heck zusammengefaltet hat.
Bei soviel Perfektion bleibt eigentlich nur noch die Frage, wieso es dieses System nicht schon früher gab. Schließlich liegen die praktischen Vorzüge auf der Hand: wintertauglich ohne zusätzliches Hardtop, geringes Innengeräuschniveau, keine Angst vor Verdeckschlitzern. Die Nachteile beschränken sich auf den reduzierten Gepäckraum in geöffnetem Zustand und auf den komplizierten, möglicherweise störanfälligen Dachmechanismus.
Ersteres bereitete auch auf Urlaubsreisen nur wenigen Benutzern Probleme, selbst wenn sie schon die Anfahrt offen absolvierten. Mit weichen Taschen und etwas Geschick beim Verstauen reicht das Volumen (145 Liter) notfalls sogar für den Zwei-Wochen-Trip. In geschlossenem Zustand passen selbst die obligatorischen Golfbags und diverse Mitbringsel hinein, denn dann faßt der SLK-Kofferraum mehr als alle vergleichbaren Cabrios (348 Liter).

Zweifel an der Alltagstauglichkeit des elektro-hydraulischen Dachs scheinen ebenso wenig angebracht. Dessen Problemlosigkeit beim Dauertestwagen wird von den Besitzern bestätigt, die der Konstruktion eine hohe Zuverlässigkeit attestieren. Mercedes verbürgt sich mit 20 000 Testläufen für fehlerfreie Funktion, wozu nicht zuletzt gehört, daß sich das Dach nur öffnen läßt, wenn kein Gepäck im Wege ist.
Auch die Steifigkeit der Karosserie verdient Anerkennung, wenngleich sie besonders bei niedrigen Temperaturen bisweilen durch Knarz- und Knistergeräusche ihre Veranlagung zum Cabrio zu erkennen gab. Bauartbedingt muß man auf eine Regenrinne verzichten, wes halb es sich kaum vermeiden läßt, daß Wasser oder Schnee beim Öffnen der Türen auf die Sitze tropft.
Im Innenraum des SLK stellt man zudem fest, daß die Sparwelle auch bei Mercedes ihre Spuren hinterlassen hat. Billige Folienattrappen im Karbon-Look passen ebensowenig zu einem 70 000 Mark- Auto wie die schmutzanfälligen Kunststoff-Verkleidungen oder das fummelige, sichtbehindernde Windschott, das über die beiden Überrollbügel gespannt wird. Schon bei Kilometerstand 16 947 brach eine Befestigungsklammer ab und mußte ersetzt werden.
Immerhin trägt es mit dazu bei, daß man selbst bei forciertem Tempo fast zugfrei offen fahren kann. Wer nicht mehr als 1,90 Meter mißt, sitzt dann geschützt hinter der Frontscheibe und findet insgesamt genügend Lebensraum vor. Für längere Personen wird es allerdings besonders unter dem geschlossenem Dach eng, zumal die nahe Rückwand der Lehnenverstellung wenig Spielraum läßt.

Unabhängig von der Körpergröße sorgen die Sitze auf Langstrecken für Verdruß. Ihre Schaumstoff-Füllung gewährt wenig Seitenhalt und Unterstützung, so daß man oft schon nach zwei Stunden Fahrt über Rückenschmerzen klagt. Darüber hinaus verursachte der Fahrersitz in der Anfangszeit beständig Knarzgeräusche, die erst bei der routinemäßigen 45 000 Kilometer-Durchsicht abgestellt werden konnten. Ansonsten zeigte der SLK die sprichwörtlichen Mercedes- Qualitäten wie Funktionalität, Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit. Bis auf den Austausch der defekten Kupplung sah er nur alle 15 000 Kilometer die Werkstatt, abwechselnd zum kleinen Kundendienst oder zur großen Inspektion. Die Kosten dafür liegen auf einem heute üblichen Niveau (330 Mark bis 679 Mark), und in der Vollkasko- Versicherung ist der Zweisitzer sogar günstiger als die gleichmotorisierte Limousine C 230 Kompressor .
In Anbetracht der hohen Fahrleistungen hält sich auch der Verbrauch in vertretbaren Grenzen. Der im täglichen Umgang problemlose Vierzylinder- Kompressormotor begnügte sich im Schnitt mit 10,4 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer, bei verhaltener Fahrweise kommt man mit acht Litern aus. Öl mußte über die gesamte Distanz nicht nachgefüllt werden. Weniger überzeugend setzte sich das Triebwerk hinsichtlich Klang und Drehfreude in Szene. „Mehr Geräusch als Sound“ lautete eine noch schmeichelhafte Eintragung ins Fahrtenbuch, und der schmale nutzbare Drehzahlbereich wird den Erwartungen an einen Sportwagen kaum gerecht. Aber man muß dem Vierzylinder zugute halten, daß er wegen seines kräftigen Durchzugvermögens keine hohe Touren braucht.
Die leichte Anfahrschwäche verleitet allerdings dazu, mit zuviel Gas einzukuppeln, weshalb die ohnehin schwach dimensionierte Kupplung am Ende des Dauertests verschlissen war und ausgetauscht werden mußte. Vom mechanischen Mercedes-Getriebe ist man Kummer längst gewöhnt, und so bereitete es mit seiner Hakeligkeit und fehlenden Präzision auch im SLK wenig Freude. Ganz anders die Fahreigenschaften, wo der SLK mit neutralem Kurvenverhalten, ausgeprägter Handlichkeit und hervorragenden Bremsen alle Erwartungen befriedigt. Die serienmäßige Antriebsschlupfregelung (ASR) verhindert, daß der Wagen bei Leistungsüberschuß ausbricht, verbessert aber nicht die Traktion beim Anfahren. Hier wirkt sich besonders bei Nässe oder Schneeglätte das geringe Gewicht auf der Hinterachse negativ aus.

Folglich unterliegen die Winterreifen einem weit höheren Verschleiß als die Sommerreifen, und besonders der traktionsstarke Conti TS 790 entwickelt dabei – anders als der TS 770 und mit Einschränkungen der Michelin X M+S 330 – kräftige Laufgeräusche. Auch die Dunlop-Sommerreifen (SP Sport 2000 E) waren relativ laut und auf Nässe bei hoher Geschwindigkeit nicht unproblematisch. Ein finanzieller Nachteil der Mischbereifung (hinten breiter als vorne): Die Räder können zur gleichmäßigen Abnutzung nicht achsweise getauscht werden.
Auf das Konto des kurzen Radstands geht die Anfälligkeit für Spurrillen und Querfugen. Weil die Insassen nahe der Hinterachse sitzen, bleiben ihnen Kanaldeckel und Schlaglöcher kaum verborgen. Doch für diese Schwäche, die der SLK mit anderen Artgenossen teilt, entschädigt er mit geringem Geräuschniveau, gutem Gesamtkomfort und einer wirksamen Heizung, die Offenfahrten auch bei kühlen Außentemperaturen erlaubt.
Neben dem überzeugenden Konzept sind es vor allem die mercedestypische Zuverlässigkeit und Problemlosigkeit, welche die Sonderstellung des SLK ausmachen. Der Zweisitzer absolvierte die 100 000 Kilometer wie eine bürgerliche Limousine der soli den Sorte, und trotz des ermatteten Lacks, den kein Wachs verwöhnte, steht der SLK am Ende des Dauerlaufs glänzend da.
Mit Betriebskosten von 24,3 Pfennig pro Kilometer hielt sich der Aufwand im Rahmen, und der ungewöhnlich niedrige Wertverlust von 30 Prozent belegt, daß die Lust am Cabrio kein unwirtschaftliches Vergnügen sein muß. Alles perfekt also? Im Prinzip ja, denn auch der Mängelindex von nur 3,5 sieht den kleinen Zweisitzer noch vor dem Musterknaben Mazda MX-5 und weit vor dem großen und teuren Bruder SL . Die Mercedes-Qualität scheint zwar nicht immer bei der Anmutung, aber zumindest in der Substanz fortzubestehen.

Vor- und Nachteile

  • überzeugend funktionierendes Dachkonzept
  • wenig Windgeräusche
  • angemessener Verbrauch
  • reisetauglicher Kofferraum
  • hohe Fahrleistung
  • gute Handlichkeit
  • geringer Wertverlust
  • zu kleiner Tank
  • unexakte Schaltung
  • Kupplung unterdimensioniert
  • schlechte Traktion auf rutschiger Fahrbahn
  • eingeschränkter Federungskomfort auf Querfugen
  • teilweise billige Materialanmutung
  • Sitze unkomfortabel
Technische Daten
Mercedes SLK 230 Kompressor
Grundpreis31.163 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe3995 x 1715 x 1289 mm
KofferraumvolumenVDA348 L
Hubraum / Motor2295 cm³ / 4-Zylinder
Leistung142 kW / 193 PS (280 Nm)
Höchstgeschwindigkeit231 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h7,4 s
Verbrauch9,3 L/100 km
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