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Mercedes V 220 CDI

100 000 Kilometer mit Deutschlands Lademeister

Mercedes V 220 CDI

Der Mercedes V 220 CDI erscheint als idealer Van für gut situierte Großfamilien und Geschäftsleute: Er bietet bis zu sieben Sitzplätze, viel Laderaum, einen ebenso kräftigen wie sparsamen Turbodieselmotor und das begehrte Daimler-Image. Doch in puncto Qualität enttäuschte der Dauertestwagen auf der ganzen Linie.

18.03.2001 Thomas Fischer

In der fast 40-jährigen Dauertest-Historie von auto motor und sport ist an Pleiten, Pech und Pannen nahezu alles schon mal dagewesen. Trotzdem war noch Platz für eine unrühmliche Premiere.
Die lieferte im Juni 1999 der Mercedes V220 CDI. Der blaue Dauertestwagen musste bereits nach 219 Kilometern die Werkstatt anlaufen, weil Qualm aus dem Motorraum aufstieg. Ursache: ein im Werk nicht sauber montierter Schlauch für die Kurbelgehäuse-Entlüftung.
Es sollte nicht der einzige unfreiwillige Stopp bleiben. Insgesamt zehn Mal musste der siebensitzige Van außer der Reihe in die Werkstatt. Die Mängelliste (siehe Tabelle Seite 81) ist fast so groß wie das Auto selbst und legt zwei Verdachtsmomente nahe. Entweder ist die Qualität inzwischen auch bei Mercedes nicht mehr das, was sie einmal war, oder es gibt bei Daimler-Chrysler eine Diskrepanz in der Verarbeitung von Personenwagen und Nutzfahrzeugen, was auch ein Armutszeugnis wäre.
Rolf Bartke, Leiter des Geschäftsbereichs MercedesBenz-Transporter, weiß, wo der Hase im Pfeffer liegt: „Im nachhinein war es ein Fehler, aus einem Nutzfahrzeug wie dem Vito eine hochwertige Großraum-Limousine entwickeln zu wollen - da mussten zu viele Kompromisse gemacht werden. Außerdem gab es in der Startphase der V - Klasse 1996/97 im spanischen Transporter-Werk Vitoria Qualitätsprobleme."
Die können aber nicht für das schlechte Abschneiden des Dauertestwagens verantwortlich gemacht werden. Denn der stammte aus der ab Februar 1999 produzierten zweiten V-Klasse-Serie.

Die Modellpflege konnte an den grundsätzlichen Mängeln dieses Autos aber nichts ändern. Mercedes hat daraus gelernt und deshalb Tabula rasa gemacht: Die jetzige V-Klasse, die ursprünglich noch bis 2005 hätte laufen sollen, wird bereits 2003 aus dem Verkehr gezogen und durch einen technisch anders konzipierten Nachfolger (Motor vorn längs statt quer, Hinterrad- statt Frontantrieb) ersetzt.
Recht so, denn mercedeslike sind an der aktuellen V - Klasse bis auf den Kaufpreis - der Testwagen in FashionAusstattung kostete 86 899 Mark, davon entfielen allein 28 000 Mark auf Extras - wirklich nur wenige Dinge: das riesige Raumangebot, die bequemen und strapazierfähigen Sitze mit integrierten Sicherheitsgurten, die komfortable Luftfederung, die ausgezeichnete Rundumsicht, die gemessen an der Karosseriegröße überraschend gute Handlichkeit
und der ebenso sparsame wie durchzugsstarke CDI-Turbodieselmotor mit 2,2 Liter Hubraum, 122 PS und CommonRail-Direkteinspritzung.
Diesen Vorzügen steht eine Batterie von Nachteilen gegenüber: Dazu zählen die lastwagenähnliche Sitzposition mit viel zu flach angeordnetem Lenkrad und den Fußraum stark einengenden Radkästen genauso wie die wenig wirksamen und bei Belastung zu Fading neigenden Bremsen.
Weitere Kritikpunkte: die trotz des serienmäßigen Zuheizers, der einen sehr unangenehmen Geruch verbreitet, extrem schwache und geschwindigkeitsabhängige Heizung, die hakelige und kraftraubende Schaltung, das hohe Innengeräusch-Niveau sowie die billig wirkenden Instrumente.
Wer an die V -Klasse von Mercedes-Personenwagen gewohnte Maßstäbe anlegt, wird herb enttäuscht. Das geht - wie die Leserbriefe auf Seite 84 und Erfahrungsberichte in privaten Internet-Foren (www. gelhaus.de) belegen - meist schon beim Kauf los, wo die auf Komfort geeichten Mercedes-Kunden in vielen Niederlassungen von der Nutzfahrzeug-Verkäufertruppe abgebürstet werden wie ein Vito-Laderaum nach dem Verschütten eines Sacks Zement.
Auch wenn das Verhältnis zwischen Vito- und V-Käufern in Deutschland drei zu eins und in Gesamt-Europa gar fünf zu eins beträgt, haben die Interessenten für die Van-Variante mehr Aufmerksamkeit verdient. Mehr als 50 Prozent aller V Klasse-Kunden werden von der Konkurrenz erobert. Sie fuhren vorher VW Sharan, Ford Galaxy und Chrysler Voyager, aber auch BMW Fünfer Touring. Durchschnittlich geben sie für ihre VKlasse 63 000 Mark aus.
Im Betrieb kann die V - Klasse ihre Vito-Abstammung erst recht nicht verbergen. Die Geräuschdämmung beispielsweise ist unter aller Kanone.
Bei Teillast zischt das Waste-Gate-Ventil des Turboladers wie ein während des Aufpustens entfleuchender Luftballon, bei hohem Tempo pfeift der Fahrtwind wie Orkan Lothar um die Karosserie, und bei nasser Straße trommelt das Spritzwasser gegen den Unterboden, dass man glaubt, in einer Duschkabine zu sitzen. Unangenehm laut sind auch die Zentralverriegelung und der Kompressor für die Niveauregulierung.

Auch andere Details erweisen sich in der Praxis als wenig benutzerfreundlich. Der Stift im Instrumentenboard zum Hin- und Herschalten zwischen Außentemperatur und Uhrzeit - warum eigentlich wird beides nicht parallel angezeigt? - ist so hart und spitz, dass er beim Drücken den Finger zu durchbohren droht. Und warum reicht der Tageskilometerzähler nur bis 999, wenn die Reichweite pro Tankfüllung mehr als 1000 Kilometer beträgt?
Unschön auch die Fernentriegelung nach Klappmesser-Art und die Rändelräder an den Luftausströmern, die bei Kälte so schwergängig sind, dass man denkt, sie seien festgefroren.
In Wirklichkeit kann dies den Passagieren passieren, die sich winters mit Eisbeinen herumplagen müssen, weil die Heizung nur ein laues Lüftchen liefert. Im Sommer ist die Klimaanlage bei hohen Außentemperaturen überfordert. Linderung bringen hier die elektrischen Ausstellfenster hinten, die das Entlüften des Innenraums erleichtern.
Wo wir gerade beim Meckern sind: Die Fensterheberschalter reagieren viel zu sensibel, der CD-Spieler lässt sich schon durch geringfügige Karosserie-Erschütterungen aus dem Takt bringen, die Lenkung wirkt sehr indirekt, und wegen Überhöhe der Karosserie passt die VKlasse nicht in jede Waschstraße.
Trotz all dieser Schwächen wird der V 220 CDI im Dauertestfuhrpark eine nicht zu schließende Lücke hinterlassen. Denn so ein geräumiges Auto gibt es in Deutschland kein zweites Mal. Die Transportkapazität wurde von den Redaktionsmitgliedern denn auch weidlich ausgenutzt.
Christian Bangemann verstaute 85 Flaschen Wein, zwei Mountainbikes und vier große Reisetaschen im Heck und musste dafür nicht einmal alle Sitze ausbauen. Die Demontage hätte auch mehr Mühe als das Verstauen des Gepäcks erfordert, denn jeder Sitz wiegt 38 Kilogramm - nach der jüngsten Modellpflege immerhin noch 27 Kilogramm.
Rainer Herrmann tourte mit dem für Langstrecken wie geschaffenen Jumbo-Mercedes durch Schottland. Mit einer ins Heck gelegten großen Spanplatte und zwei Luftmatratzen drauf diente die V - Klasse nachts als Schlafwagen. Die - laut wummernde - Standheizung sorgte für wohlige Wärme.
Peter Frey wickelte mit dem Dauertestwagen auf einen Rutsch den Umzug eines Zwei-Zimmer-Appartements ab, und Johannes Riegsinger reiste mit weiteren fünf Mann kommod bis nach Griechenland. Einziger Wermutstropfen: Kondenswasser der Klimaanlage im Fußraum, was innen bei 40 Grad Außentemperatur tropische Regenwaldatmosphäre aufkommen ließ.
Das Raumangebot ist also ebenso wenig zu schlagen wie die Zugänglichkeit über zwei Schiebetüren (nur eine serienmäßig), dennoch bleibt genügend Platz für Verbesserungen: Es mangelt nämlich an Haken und Ösen zum Verzurren von Transportgut, und das ab Werk mitgelieferte Trennnetz springt viel zu leicht aus seiner Verankerung.

Trotz kleinem Hubraum und nur 122 PS hat der Turbodieselmotor mit dem beladen bis zu 2,7 Tonnen schweren Cargo-Mercedes leichtes Spiel. Auf der Landstraße kann dank üppiger Durchzugskraft risikolos überholt werden, auf der Autobahn ist wegen des schwergängigen Gaspedals der aufpreispflichtige Tempomat ein Segen.
Der Verbrauch pendelte je nach Fahrweise zwischen 7,0 und 12,9 L/100 km, als Durchschnitt wurden 9,6 L/100 km ermittelt- für ein Auto dieses Zuschnitts ein sensationell günstiger Wert. Kein Wunder, dass 92 Prozent aller V -Käufer zum Diesel greifen.
Auch die übrigen Kosten halten sich im Rahmen. Inspektionspreise zwischen 233 und 764 Mark sind für Mercedes-Verhältnisse moderat. Ölverbrauch war praktisch nicht feststellbar, und auch mit den Reifen ging der Fronttriebler schonend um. Zwei Sätze Sommer- (Continental Eco Contact, Michelin MXM) und ein Satz Winterreifen (Bridgestone M 723) genügten.
Die Gesamtkosten (siehe Tabelle Seite 81) liegen auch deshalb niedrig, weil nahezu alle Reparaturen auf Garantie oder Kulanz abgewickelt wurden - sonst wären 2500 Mark mehr aufzubringen gewesen.
Manche Werkstattbesuche waren nur wegen Bagatellschäden nötig (lose Scharnierschraube an Schiebetür, falsche Scheinwerfer-Einstellung), andere wegen gravierender Probleme mit dem Getriebe (Schaltzug erneuert), undichter Dieselleitungen oder dem mehrfach Fehlalarm signalisierenden Sensor für die Kühlmittelstands-Anzeige.
Wer je um zwei Uhr früh mit Kind und Kegel an Bord auf französischer Autobahn
das Kühlmittel-Warnlämpchen aufflackern sah, vorsichtig die nächste Raststätte ansteuerte, um im fahlen Licht einer Taschenlampe Kühlflüssigkeit in einen Behälter ohne erkennbare Min./Max.-Markierung zu gießen und dann mit bangem Herzen (hat das System nun ein Leck oder nicht?) noch 800 Kilometer heimreisen musste, kann nachfühlen, welche Adrenalin-Ausstöße solch ein Fehlalarm verursacht.
Und das ausgerechnet bei einem Mercedes. Der sollte doch eigentlich nur Glückshormone ausschütten.

Vor- und Nachteile

  • unerreicht großer Innenraum
  • hohe Zuladekapazität
  • bequeme und strapazierfähige Sitze
  • übersichtliche Karosserie
  • sparsamer Dieselmotor
  • große Reichweite
  • günstige Unterhaltskosten
  • gute Scheinwerfer
  • hohe Defektanfälligkeit
  • schlechte Detailverarbeitung
  • sehr schwache Heizung
  • hakelige Schaltung
  • hohes Innengeräuschniveau
  • schwache Bremsen
  • enger Fußraum vorn
  • teilweise unpraktische Bedienung
  • zu schwere Sitze
Technische Daten
Mercedes V 220 CDI
Grundpreis33.526 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4660 x 1880 x 1844 mm
KofferraumvolumenVDA581 bis 4564 L
Hubraum / Motor2151 cm³ / 4-Zylinder
Leistung90 kW / 122 PS (300 Nm)
Höchstgeschwindigkeit164 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h14,9 s
Verbrauch8,4 L/100 km
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