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Nissan Terrano II 2.7 SGX im Test

Terra Terrano

Nissan Terrano II 2.7 SGX

Der Nissan Terrano II trug seine Passagiere mit unerschütterlicher Robustheit abseits der Autobahnen über die bunte Erde – 100 000 kernige Kilometer lang. Die kleinen Wunden, die der Testalltag dem Geländewagen schlug, hinterließen keine Narben.

25.02.1996

Der Dauertest-Report eines Geländewagens, der in Deutschland stationiert ist, kann kein Buch mit sieben Hügeln sein. Zu dicht das asphaltierte Straßennetz; zu nervenzehrend die Angst vor den juristischen Folgen, die der naive Offroad-Anfänger zu fürchten hat, wenn er klammheimlich die groben Stollen des Profils in eine freie Scholle schlagen will.
Der Nissan Terrano II SGX rollte in seiner fünftürigen Station- Version im Januar 1994 erstmals in die Tiefgarage der Redaktion und erfüllte das Zwischendeck frühmorgens artgemäß mit dem Nageln seines kalten Turbodiesels – als gelte es, die Reise zum Mittelpunkt der Erde genau hier und jetzt anzutreten. Gefahren wurde er dann wie die meisten seiner Artgenossen: überwiegend auf der Straße und nur zu einem verschwindend kleinen Teil, zusammengenommen vielleicht 1000 Kilometer, im leichten und mittleren Gelände. Die Höhen und Tiefen seines Daseins hält eine stattliche Sammlung von immerhin 18 gelben Pappkarten im DIN A4- Format fest, denen die Tester des Terrano nicht nur Name, Kilometerstände und Service- Einzelheiten, sondern auch ihre Erlebnisse in ungefilterter, subjektiver Prosa anvertraut haben.

Mit dem Nissan Terrano auf Reisen

Voller Vergnügen liest es sich da etwa über eine Reise nach Schottland, als der angeregt vom Reifenzustand bisweilen leicht nach rechts ziehende Terrano an den britischen Linksverkehr erst gewöhnt werden wollte – was ein solch hohes Maß an Konzentration erforderte, daß sein Lenker darüber glatt das Tanken vergaß.
Irgendwann auf einem einsamen Strich im Hochmoor verweigerte der Nissan leergefahren den Dienst. Grimmiger Eintrag in der gelben Karte nach einem gesundheitsfördernden Fußmarsch: „Achtung. In den Tank passen maximal 75 Liter und nicht die in der Betriebsanleitung versprochenen 80.“


Über eine andere typische Eigenheit des Geländewagens berichtet eine Eintragung aus dem Norwegischen. Bei zugeschaltetem Allradantrieb weist der Terrano II starren Durchtrieb zu den Vorderrädern auf, was wiederum bei Bremsmanövern auf Schnee – der Terrano II hat kein ABS – mangels Seitenführung der beim Verzögern entlasteten Hinterachse zu Drehern führen kann. In Folge dieser Eigenheit und der wirklich nicht zufriedenstellenden Haftung der zu diesem Zeitpunkt montierten Bridgestone Dueler RD 610-Reifen wurde ein neues Kapitel skandinavischer Folklore geschrieben.
Ein ob seines Stils und seiner seelischen Noblesse in der Redaktion hochgeschätzter Kollege vollführte beim Anbremsen der letzten Schikane vor dem postolympischen Touristenstützpunkt Lillehammer mit aktiviertem Vorgelege eine kunstvolle Pirouette und pflügte dabei eine so gewaltige Schneise in den frisch gefallenen Schnee, daß die ältesten Frauen des Dorfes ein Kreuz schlugen und die Meinung vertraten, der Faustkeil des alten Asengottes Thor habe plötzlich die Gestalt eines blaugrünen Nissan Terrano II angenommen. Eintrag in die gelbe Karte: „Beim Anbremsen rutscht der Terrano dahin wie ein Eisstock.“ Doch weder schottisches Hochmoor noch norwegisches Olympia-Gelände waren die Biotope, in denen sich der Nissan Terrano II am heroischsten profilieren konnte. Der Daseinszweck von Geländewagen im Deutschland des ausgehenden 20. Jahrhunderts liegt eindeutig in den Straßenverhältnissen der neuen Bundesländer. Wer je etwa von Brandenburg nach Mecklenburg-Vorpommern gereist ist und hinter Neuruppin rechts nach Rheinsberg abbog, weiß, was gemeint ist. Die Senke hinter dem Bahnübergang kommt hart und trocken wie die linke Gerade Henry Maskes, und die Narben im Asphalt künden wie das stets frisch aufwehende Bindemittel vom plötzlichen Hinscheiden ungezählter zu tief liegender Ölwannen.
Der Nissan Terrano II geht selbst bei zügiger Fahrweise hier noch nicht einmal annähernd in die Knie. Diese Nehmerqualitäten allein sind schon ein großer Vorteil im Vergleich zu konventionellen Personenwagen.
Übertroffen wird diese Wahl der Vernunft aber noch von der süßen Lust, auf den zahlreichen unbefestigten Pfaden der neuen Länder zu reisen. Dort stecken die festgefahrenen Wohnmobile der Uneingeweihten, und das schönste Lob für den Terrano II waren die dankbaren Blicke ihrer Beifahrerinnen, wenn sich der Offroad- Pilot mit der lässigen Eleganz etwa eines John Wayne aus dem Afrika-Film „Hatari“ vor den aufgelaufenen Camper spannte und ihn barg. Soweit die menschliche Seite im knapp zweijährigen Umgang mit dem japanischen Geländewagen. Zurück zur Technik, über die in komprimierter Form die Tabelle Auskunft gibt. Der Vierzylinder-Diesel läßt nach 100 000 Kilometern keine Konditionsmängel erkennen: Beschleunigung und auch Höchstgeschwindigkeit übertreffen am Ende des Tests sogar noch um eine Winzigkeit die zu Beginn gemessenen Werte. Der Testverbrauch liegt mit durchschnittlich 12,8 Litern pro 100 Kilometer angesichts der gebotenen Fahrleistungen, des Gewichts und der großen Stirnfläche des Autos in einem angemessenen Rahmen. Der bei Kilometer 20 855 aufgetretene leichte Ölverlust ging auf das Konto eines Zulieferers: Der Ölfilter tränte durch einen Haarriß den Schmierstoff nach außen.

Ein bisschen schwach auf der Brust

Der Einschätzung der Redaktion gemäß könnte der Motor lediglich etwas mehr Leistung vertragen. Nissan hat verstanden – und liefert den Geländewagen ab Frühjahr 1996 serienmäßig mit einem von 100 auf 125 PS erstarkten Selbstzünder aus, dessen Hubraum unverändert bleibt, der aber einen Ladeluftkühler erhält.
Das Laufgeräusch des getesteten 100 PS-Aggregats hielt sich für einen Geländewagen stets in dezenten Grenzen, auch auf der Autobahn, wo sich die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h als angenehmes Reisetempo herauskristallisierte. Nur der bei etwa 2000/min erst recht spät einsetzende volle Ladedruck mauserte sich zu einem Punkt, in dem die gebotene Motorcharakteristik nicht ganz mit den gebotenen Daten des Nissan Terrano II harmoniert. Immerhin darf der Nissan 2580 Kilogramm Anhängelast schleppen, und da er als Zugwagen vollgepackt mit Mensch und Material selbst schon diesen Wert erreichen kann, ist im Extremfall eine Fuhre mit mehr als fünf Tonnen Gesamtgewicht unterwegs.
Das Anfahren etwa im tiefen Geläuf einer taufeuchten Seewiese erfordert dann mit Allradantrieb und eingeschaltetem Reduktionsgetriebe so hohe Motordrehzahlen, daß die Kupplung mitunter über Gebühr strapaziert wird. Der Austausch von Reibscheibe und Druckplatte bei Kilometers 98 232 deutet jedoch nicht unbedingt auf einen übermäßigen Verschleiß hin.
Das Getriebe des Geländegängers ließ sich speziell in kaltem Zustand etwas hakelig schalten, zeigte sich bei Erwärmung jedoch zunehmend gesitteter und hinterließ über die 100 000 Kilometer einen gesunden, auch zum Ende des Tests hin noch voll synchronisierten Eindruck.
Fahrwerk und Bremsen glänzen ebenfalls mit unspektakulären Marathon-Eigenschaften. Die Stoßdämpfer standen während des gesamten Tests nicht zum Wechseln an und ließen erst gegen Ende der Distanz in ihrer Wirkung leicht nach. Die offensichtlich auch auf hohe Zuglasten ausgelegten, üppig dimensionierten vorderen Bremsscheiben liefen leicht ein und spürten bei Kilometerstand 32 900 den scharfen Stahl der Drehbank, verrichteten dann aber im Verein mit neuen Belägen ihren Dienst bis zum Testende anstandslos. Als problematischer erwies sich dagegen die richtige Reifenwahl. Wie viele Geländewagen reagiert auch der Terrano II auf asphaltierter Strecke etwa in Sachen Geradeauslauf ausgesprochen sensibel auf Profile.
Die zum Testbeginn montierten Michelin XPC 4T4 M+S hielten rund 41 000 Kilometer bei einer Restprofiltiefe von vier Millimetern. Bei steigender Abnutzung verschlechterte sich der Geradeauslauf leicht; Abhilfe brachte jedoch das Tauschen der Räder zwischen Vorder- und Hinterachse. Die danach aufgezogenen Bridgestone Dueler RD 610 zeigten sich auf dem Terrano II als der problematischste Set: Schon nach rund 22 000 Kilometern mußten sie erneuert werden; Naßgriff und Traktion auf Schnee ließen noch Wünsche offen.
Am harmonischsten paßte der Fulda Tramp 4T4 Mix zum Dauertest-Terrano. Angenehme Laufruhe, guter Geradeauslauf, mäßiger Verschleiß und zufriedenstellender Grip bei Nässe und Schnee zählen zu seinen Vorzügen. Die Empfehlung lautet deswegen: Für das Bereifen des Terrano II sollte ein straßenbetontes Profil gewählt werden, da die geländebetonten Varianten mit ihrem höheren Anteil von Negativ-Profil beim Fahren auf ganz normalen Straßen nicht zufriedenstellen. Und die Karosserie? Der selbsttragende Aufbau des Nissan ist über 100 000 Kilometer weder fühlbar weicher geworden, noch hängen etwa die Türen – was insgesamt als ein Gütesiegel der Konstruktion gewertet werden darf. Störend nur, daß bei höherem Tempo die dann nicht mehr ganz korrekt anliegenden vorderen Scheibenrahmen Windgeräusche produzieren.

100.000 Testkilometer steckt der Nissan Terrano ohne sichtbare Spuren weg

Die Lackqualität erfreut, und nur im vorderen Bereich des Dachs können sich durch die Füße des Gepäckträgers seichte Dellen bilden, wenn die zulässigen 100 Kilogramm Dachlast ausgenutzt werden und schlechte Wegstrecken außerdem hohe Vertikalbeschleunigungen in den Aufbau einleiten.

Der Innenraum des Nissan Terrano II überstand den Dauertest praktisch unbeeindruckt. Weder Sitze noch Polsterstoffe geben sich qualitative Blößen, und die japanische Kunststoff-Ausstattung scheint ohnehin für die Ewigkeit geschäumt. Die Tester lobten einhellig den personenwagenähnlichen Sitzkomfort, und die dritte Sitzbank fand Anklang wegen ihrer praxisgerechten Bedienbarkeit.

Klimaanlage und Heizung funktionierten unauffällig und ausreichend effektiv. Das gute Bild wurde nur vom undicht gewordenen Wärmetauscher der Heizung getrübt, der bei Kilometerstand 100 305 das Wasser nicht mehr halten mochte. Kritikpunkte handelten sich darüber hinaus der für Gutsherren-Figuren recht knappe Gurt auf dem Fahrersitz ein, die sich bisweilen lösenden Türdichtungen – und der Heckscheibenwischer. Auf japanischen Linksverkehr ausgelegt, paßt sein Wischerfeld beim Blick in den Rückspiegel nicht zum deutschen Straßenalltag. Entsprechend den nachgewiesenen Eigenschaften des Nissan fällt das Dauertest-Fazit jedoch schlank und simpel aus: In Sachen Qualität, gebotener Einsatzmöglichkeiten und Zuverlässigkeit blieb der Terrano II kein Buch mit sieben Siegeln. Die Redaktion hat ihn gemocht. Er darf wiederkommen, ab dem Frühjahr gerne auch modellgepflegt, mit stärker gewordenem Dieselmotor, Doppelscheinwerfern und mit ABS.

Technische Daten
Nissan Terrano II 2.7 SGX
Grundpreis22.341 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4105 x 1735 x 1805 mm
KofferraumvolumenVDA335 bis 1650 L
Hubraum / Motor2663 cm³ / 4-Zylinder
Leistung74 kW / 100 PS (221 Nm)
Höchstgeschwindigkeit145 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h19,0 s
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