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Renault Mégane RT 1.6 E

Poltergeist

Renault Mégane RT 1.6 E

Der Mégane entpuppte sich im Dauertest als akustische Nervensäge: Renaults Bestseller schüttelte und rüttelte sich über 100 000 Kilometer, blieb aber nie liegen.

27.04.1998

Unter der programmatischen Überschrift „Qualität über alles“ verrät die anläßlich der Mégane-Präsentation Ende 1995 herausgegebene Renault- Pressemappe etwas Erstaunliches: „Durch die rigorose Vorausplanung der Produkt-Prozeß- Logik, die wissenschaftlich analysierte Kapitalisierung der Errungenschaften des Renault 19, die generelle Einführung von ebenso präzisen wie strengen, ebenso spezifischen wie effizienten Indikatoren und Tools in der Qualitätssicherung gelang es Renault, den Mégane nach Qualitäts- und Zuverlässigkeitsnormen zu konstruieren, die die besten Referenzen erreichen beziehungsweise übertreffen.“
Das klingt alles sehr wichtig und sagt doch nicht mehr, als daß der Mégane seinen erfolgreichen Vorgänger qualitätsmäßig übertrumpfen sollte.
Doch das hehre Ziel haben die Franzosen bisher nicht erreicht. Zumindest nicht, wenn man den von auto motor und sport innerhalb von 20 Monaten über exakt 100 129 Kilometer gefahrenen Dauertest-Mégane als Maßstab nimmt. Der in der Golf-Klasse beheimatete Kompaktwagen ist gegenüber anderen neueren Renault-Modellen qualitativ ein Rückschritt. Über die gesamte Dauertestdistanz sind in den Bordkarten Einträge zu finden, bei denen von Poltern, Scheppern, Klappern und Quietschen die Rede ist. Ein Teil der Geräusche konnte bis zum Dauertestende trotz intensiver Ursachenforschung nicht abgestellt werden. Mehrfach losvibrierte Wärmeabschirmbleche, gelöste Auspuffgummis, quietschende Pedale und ähnliche Kleinigkeiten gehörten zum Alltag und wurden mehr schlecht als recht anläßlich der alle 15 000 Kilometer anstehenden Wartungstermine kuriert.
Fünfmal rollte der Mégane sogar außerplanmäßig in die Werkstatt . Die auto motor und sport-Tester mußten dabei nur die zeitliche Verzögerung verschmerzen, denn die Schäden wurden von Renault alle auf dem Garantie- oder Kulanzweg reguliert. Den Privatkunden hätte es allerdings um so härter getroffen, denn die Schäden traten ab einer Kilometerleistung auf, zu der das Auto eines Normalfahrers schon längst aus der Garantiezeit heraus ist. Die Schäden im einzelnen: Bei Kilometerstand 45 423 ließen Klappergeräusche von der Fahrzeugunterseite zunächst wieder auf ein loses Abschirmblech schließen, entpuppten sich dann aber als zerbröselte Katalysator-Innenreien. Der Privatkunde hätte für den Austausch 1181,05 Mark beim Renault-Händler gelassen Noch dicker kam es nach 74 000 Kilometern. Langstrekkenpilot Ralph Alex notierte mahlende Geräusche aus dem Getriebebereich. Parallel dazu konnte er die Gänge nur noch mit erhöhtem Kraftaufwand wechseln. Die Diagnose nach der Heimkehr in Stuttgart lautete auf Getriebeschaden, der Wechsel hätte die Haushaltskasse mit 3352 Mark belastet.

Und da man gerade so schön am Reparieren war, wurden gleich noch das defekte Radiogerät und Display ausgetauscht – machte 1013 Mark extra. Eine unnötige Aktion, denn rund 2000 Kilometer später tauchte der Kostenfaktor Radio noch mal auf. 333 Mark für die Reparatur des unterbrochenen Kabelstrangs waren aber fast schon ein Sonderangebot.
Denn besonders günstig ging es in der Werkstatt kaum zu. Die Wartungskosten liegen bei Renault im oberen Mittelfeld. Günstiger zwar als bei Mercedes oder BMW , aber teurer als bei den direkten Mitbewerbern wie Opel und Ford . Die Kilometerkosten von 18,3 Pfennig liegen damit auch relativ hoch – und dabei sind die Reparaturkosten noch gar nicht berücksichtigt. Warum in den Lesererfahrungen von kapitalen und teuren Schäden keine Rede ist, hat vermutlich einen ganz simplen Grund: Praktisch keiner der in Privathand befindlichen Mégane hat bisher mehr als 40 000 Kilometer auf dem Buckel. Von Klapper- und Dröhngeräuschen ist zwar schon vereinzelt die Rede, doch größere Schäden blieben bei den Leserfahrzeugen bislang aus.
Und so haben die Renault- Fahrer womöglich noch etwas länger Zeit, sich an den unbestreitbaren Qualitäten des rundlich gestylten Franzosen zu erfreuen. Da ist zum Beispiel das gute Platzangebot. Die Rückbank taugt nicht nur zum Kindertransport, Opa oder Tante sind im Fond ebenfalls bequem untergebracht.
Über Dreipunkt-Automatikgurte freuen sich auf der Mégane-Rückbank nicht nur die Links- und Rechtsaußen. Der Mittelstürmer ist ebenfalls komplett gesichert. In puncto Sicherheit erreicht der Renault durchaus das angestrebte Qualitätsniveau. Der auto motor und sport- Crashtest (Heft 15/96) attestierte dem serienmäßig mit zwei Airbags, Gurtstraffern und Gurtkraftbegrenzern vorn sowie ABS ausgestatteten Mégane ein hohes Sicherheitspotential. Das Verletzungsrisiko ist laut Crashergebnis niedrig. Nicht dazu passen wollen allerdings die schlechten Ergebnisse bei Bremsentests. Verzögert der Mégane im kalten Zustand noch durchschnittlich, so läßt bei heißer Bremse die Wirkung dramatisch nach. Renault hielt es bislang allerding noch nicht für nötig, die Fading-Empfindlichkeit abzustellen. Sollte man sich dann doch irgendwann einmal zu Modellpflegemaßnahmen durchringen, dürfen sich die Renault-Techniker auch noch gern dem Innenraum widmen. Besonders dem Gestühl täte eine heilende Hand ganz gut.

Natürlich sind französische Sitze immer etwas weicher als teutonische, doch die laschen und frei von jedem Seitenhalt gestalteten Weichteile des Mégane sind für Langstreckenfahrer eine Zumutung. Der altgediente Testkollege Michael Mehlin bringt es auf den Punkt, indem er sie als „weich wie Torfmull“ bezeichnet. So ganz abwegig ist der Vergleich auch in anderer Hinsicht nicht. Die schweißtreibenden Sitzpolster sind auch sehr schmutzempfindlich. Die Türeinstiege ziehen den Dreck ebenfalls magisch an. Der Innenraum machte nach Dauertestende einen ziemlich verwohnten Eindruck. Die über die gleiche Distanz gescheuchten Ford Fiesta und VW Polo sahen im Vergleich mit dem Mégane geradezu neuwertig aus.
Von den Sitzen einmal abgesehen ist der Aufenthalt im Mégane aber eine durchaus angenehme Angelegenheit. So ist zum Beispiel die Radiobedienung das Beste, was den auto motor und sport-Testern jemals unter die Finger gekommen ist. Der rechts neben dem Lenkrad liegende Bedienungssatellit macht Lautstärkeregelung, Sendersuche und Stummschaltung zum Kinderspiel, die Hände können jederzeit bequem am Lenkrad bleiben. Der linke Lenkstockschalter bedient sämtliche Leucht- und Blinkfunktionen und mag im ersten Moment etwas überladen wirken. Doch keiner der insgesamt 50 Dauertestfahrer hatte etwas daran auszusetzen, der Gewöhnungsprozeß geht schnell. Bei vermeintlichen Kleinigkeiten haben die Renault-Techniker intensiv mitgedacht. Der linke Außenspiegel ist asphärisch gestaltet, es gibt keinen toten Winkel. Die Scheibenwischer arbeiten geschwindigkeitsabhängig und schalten bei Stillstand des Fahrzeugs automatisch eine Stufe zurück.
Nach dem Anlassen informiert eine genaue Ölstandsanzeige über den Schmiermittel-Vorrat – Mégane-Fahrer brauchen nie den Ölpeilstab zu ziehen. Das vollwertige Ersatzrad ist unter einer Abdeckung verborgen, die beim Anheben in eine Öse eingehakt werden kann. Die Heizleistung war gut, vorausgesetzt, das sechsstufige Gebläse unterstützte in der Aufwärmphase kräftig. Die Hupentasten sitzen auf Wunsch der deutschen Kundschaft tatsächlich auf dem Lenkrad und nicht mehr im Lenkstock – das grenzt fast schon an französische Revolution.

An anderer Stelle täte dem Mégane etwas Umsturz ebenfalls ganz gut. So sind einige Kontrolleuchten bei Sonnenschein kaum zu erkennen, Ablagen fehlen weitgehend oder sind zu klein, und der Lenkradkranz ist wenig griffig. Nachtfahrten sind im Mégane kein großer Genuß, denn das Licht ist unterdurchschnittlich. Die Fahrwerksabstimmung ist gelungen. Über lange Wellen bügelt der Renault komfortabel hinweg, kurze Unebenheiten kommen spürbar, aber nicht brutal durch. Das Fahrverhalten bleibt auch bei forscher Gangart jederzeit gut berechenbar. Der Mégane ist ungemein gutmütig und verzeiht weitgehend selbst grobe Fahrfehler. Der Motor hat zwei Gesichter. Bis zur Autobahnrichtgeschwindigkeit von 130 km/h arbeitete er laufruhig und leise, darüber wird er sehr laut und dröhnig. Wem die Geräuschentwicklung nichts ausmacht, kann mit dem 90 PS-Motor durchaus Fahrspaß haben. Der Vierzylinder mag Drehzahlen und hängt gut am Gas. Neun Liter als Dauertest- Durchschnittsverbrauch sind gutes Mittelmaß. Die von den Lesern ermittelten Verbrauchswerte liegen meist deutlich darunter, acht Liter werden fast nie überschritten. Die Reichweite ist in jedem Fall sehr groß, der 60 Liter-Tank erlaubt in Verbindung mit den guten Fahrleistungen hohe Reiseschnitte. Der als Basismotorisierung erhältliche 75 PS-Motor ist der im Dauertest-Mégane steckenden 90 PS-Version übrigens in fast allen Belangen überlegen. Der kleinere Benziner verbraucht weniger Sprit, arbeitet laufruhiger und steht seinem großen Bruder bei den Fahrleistungen kaum nach. Die Leistung der 75 PS-Maschine streut in der Praxis meist nach oben, dem 90 PS-Motor geht es oft umgekehrt.
Der Renault Mégane bewältigte die Dauertestdistanz, ohne einmal liegenzubleiben. Der Motor ist kerngesund, Karosserie und Lack überstanden die 100 000 Kilometer klaglos. Ölverbrauch war nicht meßbar. Mit Reifen und Bremsbelägen ging der Mégane ebenfalls sparsam um.
Trotzdem hinterläßt der Renault einen zwiespältigen Eindruck, denn der attraktiven Form, dem guten Platzangebot, dem ordentlichen Fahrkomfort und den sicheren Fahreigenschaften stehen Mängel gegenüber, die nicht nur ärgerlich und nervig, sondern zumindest außerhalb der Garantiezeit auch richtig teuer sind. Renault-Kunden ist die gegen Aufpreis erhältliche Garantieverlängerung jedenfalls dringend zu empfehlen.
Noch zehrt der Mégane von Renaults gutem Zuverlässigkeits- und Qualitätsimage, für das maßgeblich das Vorgängermodell gesorgt hat. Doch die Dauertest-Erfahrungen erfüllten die hohen Qualitätserwartungen nicht. Mit behutsamer Modellpflege kann aus dem Mégane aber durchaus noch ein Auto werden, daß den vom R 19 begründeten positiven Trend fortsetzt. Noch jedenfalls scheint das Vertrauen der Kundschaft grenzenlos zu sein. Der Mégane war im vergangenen Jahr der erfolgreichste Importwagen in Deutschland.
Doch nicht nur die deutschen Autofaher mögen ihn. Den deutschen Mardern geht es offensichtlich nicht anders, denn der auto motor und sport- Dauertestwagen wurde von den Beißern an vier verschiedenen Orten heimgesucht. Ob dafür ein besonders ausgeprägtes Geschmacksbewußtsein verantwortlich war, entzieht sich der Kenntnis der Redaktion.

Technische Daten
Renault Mégane 1.6e
Grundpreis14.265 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4129 x 1699 x 1420 mm
KofferraumvolumenVDA348 bis 1210 L
Hubraum / Motor1598 cm³ / 4-Zylinder
Leistung66 kW / 90 PS (137 Nm)
Höchstgeschwindigkeit184 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h11,5 s
Verbrauch7,2 L/100 km
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