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Toyota Avensis Kombi 1.8 Linea Sol

Platz-Segen

Toyota Avensis Kombi 1.8 Linea Sol

Wer sich für einen Toyota Avensis Kombi 1.8 Linea Sol entscheidet, erwartet vor allem ein unproblematisches Auto mit guten Reiseeigenschaften. Ob der Avensis dem Klischee des mängelfreien Japaners entspricht, zeigt der 100 000-Kilometer-Test.

19.06.2000

Nein, auffällig ist der Toyota Avensls Kombi nicht. Eher schon auffällig unauffällig. Kein Hingucker oder gar Beau, aber von schlichter Eleganz. So empfand es der Großteil der Redaktion, als der silberne Dauertestwagen am 7. April 1998 zum ersten Mal in der Tiefgarage parkte. Zwischen Sportwagen, Cabrios und Kleinwagen sind geräumige Mittelklasseautos gern gesehene Gäste im Fuhrpark: willkommen als Nutz-Fahrzeuge. Wenn diese dazu noch schön anzuschauen sind - ist es umso besser.
Der japanische Kombi trat den 100 000-Kilometer-Langstreckentest in der Version Linea Sol an, Klimaanlage hat er serienmäßig. Mit Automatikgetriebe betrug der Grundpreis 42 190 Mark. Als Sonderausstattung orderte die Redaktion ein elektrisches Schiebedach (1400 Mark), das Radio TF 4300 (988 Mark), abnehmbare Anhängerkupplung (798 Mark), Alufelgen (1104 Mark), Metallic-Lackierung (680 Mark) und Querträger-Dachreling (208 Mark). Diese Extras ließen den Gesamtpreis auf 47 368 Mark steigen-nicht gerade wenig.
Vor allem Dachreling und Anhängerkupplung tragen jedoch dazu bei, aus dem Avensis ein praktisches Transportmittel werden zu lassen. Doch nicht nur das. Der Toyota entpuppte sich als angenehmes Reiseauto. So lobten Kollegen schon nach ersten Fahrten den Federungskomfort des Avensis.
Reinsetzen und sich heimisch fühlen - wie in einem gemütlichen Wohnzimmer. Etwas angestaubt, aber mit Wohlfühlfaktor. Vor allem bei den Sitzgelegenheiten passt dieser Vergleich. Der Bezug geriet dermaßen flauschig, dass man sich auf Omas Sofa wähnt. Der deutliche Seitenhalt vorn macht aber ganz klar: Dies ist kein Lehnstuhl.

Auch die Hinterbänkler sitzen wie in Plüsch, haben weder Probleme, Füße oder Kopf auszustrecken. Einziger geäußerter Kritikpunkt, der im Bordprotokoll aufgeführt wird: Die Sitzposition ist zu niedrig, stark angewinkelte Beine sind die Folge.
Vom ersten Tag des Dauertests an kennen sich die Piloten im Avensis gut aus. Alle Schalter befinden sich dort, wo die Hand automatisch hingreift. Im Zweifel natürlich an Plastik, das ist in dieser Klasse üblich.
Fast alles erklärt sich von allein, auch das Beladen. Klappe auf, Kopf einziehen, falls man mehr als 1,75 Meter misst, und rein mit dem Gepäck. Nahezu jeden der 530 Liter Volumen des Kofferraums hat Grafiker Jürgen Decker vor seiner großen Fahrt in den Süden Frankreichs ausgenutzt. Und dabei festgestellt: Es geht ein Tick mehr rein als bei der Konkurrenz.
Anders stellt es sich bei wirklich sperrigen Gepäckstücken dar. Die Rückbank ist zwar schnell umgeklappt und verbindet sich mit dem Boden des Kofferraums zu einer weiten Ebene. Wie zwei Monumente stellen sich aber klobige Stoßdämpferdome in den Weg. 1480 Liter maximaler Raum sind für einen Mittelklassekombi ein bescheidener Wert. Andererseits ist er für die Reise mit vier Personen völlig belanglos.
Doch da kommt eine weitere Fußangel ins Spiel: Bei 415 Kilogramm Zuladung ist Schluss. Vier kräftige Passagiere und Gepäck für eine Woche Urlaub - das kann schon Zuviel sein.
Alles verstaut? Los geht's. Leer wie beladen ist das Fahrverhalten völlig unproblematisch, da sind sich Tester wie Leser einig. Mehr noch - das Fahren an sich tritt angenehm in den Hintergrund. Derweil die Aufmerksamkeit dem Gespräch unter den Mitreisenden gilt, gleitet der Kombi dahin. So nervt nicht einmal der Hang des Avensis, auf Wellen nachzuschwingen.
Wer es nicht eilig hat, wird auch den Motor kaum bemerken. Er summt vor sich hin. Unangenehme Frequenzen? Gibt's nicht. Allerdings darf man eines von ihm nicht erwarten: Höchstleistungen. Seine nominell ansehnlichen 110 PS aus 1,8 Liter Hubraum weiß das Triebwerk geflissentlich zu verstecken. Weder tritt der Vierzylinder spontan an, noch beschleunigt er zügig. Und bei der Höchstgeschwindigkeit ist laut Tacho alles von 150 bis 220 km/h möglich - das untere Ende bergauf, das obere bergab.
Schuld daran ist das Getriebe. Zum entspannten Reisen gehört eine gewisse Souveränität im Antrieb. Doch diese verhindert die Automatik gänzlich - sie ist eine von zwei schwerwiegenden Schwächen des Dauertestwagens.
Der gravierende Nachteil der schlechten Getriebeabstimmung machte in der Redaktion schnell die Runde. Redakteur Peter Frey stichpunktartig: „Motor sehr durchzugsschwach, Automatik passt nicht'. Auch deshalb entscheiden sich vielleicht nur etwa zehn Prozent aller Avensis-Käufer für die Getriebeautomatik. Der Rest wählt das Fünfganggetriebe, das besser mit dem Motor harmoniert.

Auch wenn die Kombination aus Vierzylinder und Automatik kein reiner Quell der Freude ist - als zuverlässig erwies sie sich allemal. Über die gesamte Dauertestdistanz von 100 000 Kilometer ist niemand liegen geblieben.
Ein Punkt allerdings bereitet den Fahrern echte Sorge: Die Bremse rubbelt. In Kombination mit dem teigigen Druckpunkt des Pedals weckt sie wenig Vertrauen - zweite gravierende Schwäche des Dauertestwagens. Beim Avensis kein Einzelfall. Schon frühere Tests mit diesem Toyota attestierten deutliches Fading und wenig konkrete Dosiermöglichkeiten.
Die Werkstatt versuchte das Rubbeln durch Abdrehen der mutmaßlich verzogenen Bremsscheiben in den Griff zu bekommen. 30 000 Kilometer später moniert Fotograf Uli Jooß jedoch das gleiche Problem, woraufhin Bremsscheiben und -beläge getauscht werden. Schon nach weiteren 15 000 Kilometer hält Redakteur Malte Jürgens fest: „Bremse vorn vibriert`. Also wiederum ein Fall für die Mechaniker.
Die tauschen diesmal nur Beläge. Allerdings führt auch das nicht zu dauerhafter Besserung. Bis zum Testende rubbelt, vibriert und schlägt es. Mittlerweile hat Toyota auf die Kritik reagiert und rüstet den Avensis seit Februar 2000 an der Hinterachse mit Scheiben- statt Trommelbremsen aus.
Ein weiterer Mangel des Dauertestautos: die Fernbedienung der Zentralverriegelung. Sie ist der Grund für drei der vier außerplanmäßigen Werkstattaufenthalte . Bei Kilometer 6823 quittiert die Fernverriegelung zum ersten Mal ihren Dienst. Der Austausch von Sender und Empfänger auf Garantie bringt keine Besserung. So programmiert Toyota den Sender zweimal neu, wechselt ihn bei Kilometer 75 836 erneut aus - auf Garantie, andernfalls wären laut Werkstatt happige 574 Mark berechnet worden. Ein völlig überzogener Preis, den Toyota schnell auf vertretbare 172 Mark heruntersetzte. Nur bis zum Händler hatte sich das in diesem Fall noch nicht herumgesprochen.

Im Zuge der dreijährigen Garantie tauschte die Werkstatt das durchgesessene Polster ebenfalls aus. Zum ersten Mal moniert bei Kilometerstand 36 351, verschlechterte sich der Zustand des Polsters, bis es nach etwas mehr als der Hälfte der Testzeit nicht einmal mehr als weich bezeichnet werden konnte. Die übrigen Sitze hinterlassen auch gegen Testende einen passablen Eindruck.
Was gibt es sonst noch am Dauertestwagen zu kritisieren? Geräusche. Etwa das Knarren von Sitzen und Fensterhebern. Mehr Wirkung zeigte bei den Mechanikern allerdings ein Knacken an der Vorderachse. Die Werkstatt ersetzte daraufhin auf Kulanz einen Querträger. Danach schwieg die Achse.
Während 100 000 Kilometern in zwei Jahren war der Lack zahlreichen Einflüssen ausgesetzt - der Avensis parkte meist im Freien. Geschadet hat es ihm nicht; die Oberfläche glänzt noch immer. Das Laternenparken zeigte eine andere Wirkung: Marder bissen dreimal diverse Zündkabel durch.
Bestandsaufnahme Innenraum: Auf die lange Nutzung weisen im Fahrgastraum weder übermäßig viele Kratzer noch Schrammen am Armaturenbrett hin. Allerdings litten einige Drehregler unter häufigem Gebrauch. Sie lassen sich in manchen Positionen nur noch mit Nachdruck arretieren.
Wollte man den zwei Jahre alten Testwagen nach dem 100 000-Kilometer-Marathon verkaufen, so brächte er nicht einmal mehr die Hälfte seines Anschaffungspreises. Durchschnittlich hoch sind die Gesamtkosten von 21,6 Pfennig pro Kilometer. Hohe Aufwendungen für Inspektionen und Reparaturen tragen nicht gerade zu niedrigem Unterhalt bei, andererseits hält sich der Verschleiß etwa von Reifen im Rahmen. Der Avensis verbraucht im Schnitt 9,6 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer; nicht wenig - doch die Konkurrenz ist auch nicht sparsamer.
Apropos Vergleich: Gemessen am hohen Niveau anderer japanischer Dauertestkandidaten, welche die 100000-Kilometer-Distanz fast problemlos absolvierten, rangiert der Avensis nur im Mittelfeld. Auch hier ragt er nicht aus der Masse heraus. Eben auffällig unauffällig.

Vor- und Nachteile

  • Komfortable Sitze
  • Hohe Reisetauglichkeit
  • Kultivierter Motor
  • Solider Gesamteindruck
  • Ausgewogenes Fahrwerk
  • Viel Stauraum
  • Motor harmoniert nicht mit Automatik
  • Funkfernbedienung sehr empfindlich
  • Bremsen rubbeln
  • Mäßige Fahrleistungen
  • Fahrersitz durchgesessen
  • Marderschäden
  • Knacken an Vorderachse
  • Außenspiegel vibrieren
  • Fensterheber knarren
  • Sehr hoher Wertverlust
  • Hohe Reparaturkosten
  • Niedrige Zuladung
Technische Daten
Toyota Avensis 1.8
Grundpreis20.580 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4490 x 1710 x 1425 mm
KofferraumvolumenVDA500 L
Hubraum / Motor1762 cm³ / 4-Zylinder
Leistung81 kW / 110 PS (155 Nm)
Höchstgeschwindigkeit185 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h12,2 s
Verbrauch8,5 L/100 km
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