Toyota RAV4 Zoom

Toyota RAV4: Jung-Geselle

Toyotas kleiner Allradler, ein Trendauto für junge Leute, erwies sich wegen seiner Problemlosigkeit als beliebter Dauertestkandidat. Ganz frei von Mängeln war aber auch der RAV4 nicht.

Als der Toyota RAV4, ausgerüstet mit ABS, Leichtmetallfelgen, Differentialsperre, Klimaanlage und Radio, seinen Dauertest im November 1996 antrat, wurde er zunächst mit einer gewissen Ratlosigkeit aufgenommen. Denn trotz seiner Hochbeinigkeit und seines permanenten Allradantriebs ließ er sich nicht in eine der bekannten Schubladen einordnen.
Redakteur Franz-Peter Hudek brachte seine Irritationen auf einer der gelben Karten unter, welche die Dauertest-Autos über die 100 000 Kilometer begleiten: „Sachlich ist gegen den RAV4 nichts einzuwenden. Aber er ist weder Fisch noch Fleisch, für einen Geländewagen zu putzig, und für einen Kombi hat er einen zu kleinen Kofferraum.“
Toyota selbst bezeichnet den RAV4 als Funcruiser – ein Auto also, das Spaß machen soll, sich aber auch für das gemütliche Fahren eignet. Gemütlichkeit im Auto kommt selbstverständlich nur dann auf, wenn man sich auf die Technik verlassen kann. Und genau da zeigte sich der Toyota zunächst von seiner besten Seite. Eine Werkstatt sah er nur zu den Inspektionen.
Mit rund 300 Mark für die 15 000 Kilometer-Inspektion und 500 bis 600 Mark für den großen Wartungsdienst alle 30 000 Kilometer ist der RAV4 allerdings kein billiges Auto. Zumal die Service-Intervalle kurz ausfallen.
Einem beim Einkuppeln auftretenden Klacken im Antriebsstrang wurde im Rahmen des 30 000 Kilometer-Checks auf den Grund gegangen. Einen Mangel konnte die Werkstatt jedoch nicht feststellen. Das Geräusch war schlichtweg auf zuviel Spiel im Differential des Allradlers zurückzuführen. Auf einen kostspieligen Austausch wurde aber verzichtet. Bei dem Auto von Leser Joachim Klatt ist allerdings ein ähnliches Phänomen zu beobachten. Es scheint sich also nicht um einen Einzelfall zu handeln.

Als schlichte Fehlkonstruktion muß die Position des Ölmeßstabs bezeichnet werden. Er liegt direkt neben dem Auspuffkrümmer, und so führt die Ölstandkontrolle zwangsläufig zu verbrannten Fingern. Redakteur Frank Warrings vermerkte dazu auf der Bordkarte: „Toyota macht es einem leicht, sich über ein ansonsten ordentliches Auto zu ärgern.“ Viele Fahrer des RAV4 sehen in ihm aber mehr als nur ein ordentliches Auto. So bekommt das Raumangebot auf den Vordersitzen viel Lob – sowohl von den kleineren wie von den großgewachsenen Kollegen, sofern sie 190 Zentimeter Länge nicht überschreiten. Für letztere sind die Sitzlehnen und Kopfstützen deutlich zu kurz.
Eine große Heckklappe gibt ein Gepäckabteil frei, in das sich viel Urlaubsgepäck oder Sportgeräte stapeln lassen. Aber Vorsicht: Beim Öffnen der Klappe fällt der Kofferrauminhalt leicht heraus. Durch die niedrige Ladekante lassen sich schwere Gepäckstücke jedoch bequem einladen.
Ein weiterer Kritikpunkt: Die Heckklappe öffnet zur falschen Seite, was mit der Konstruktion als Rechtslenkerauto zusammenhängt. Aber das Gepäck läßt sich deswegen vom Bürgersteig aus nicht vernünftig verstauen. Trotzdem wurde der RAV4 gern als Urlaubsauto genutzt. Mit den 128 PS, die er aus zwei Liter Hubraum mobilisiert, kann man flott und mit viel Fahrspaß unterwegs sein. Auch die Höchstgeschwindigkeit von knapp 170 km/h – der Tacho zeigt gar bis zu 190 km/h an – nimmt langen Strecken auf der Autobahn den Schrecken. Hohe Geschwindigkeiten fordern allerdings ihren Tribut. Denn der Motor ist nicht nur drehfreudig und durchzugsstark, er wird auch ausgesprochen laut und konsumiert viel. 13 Liter/100 km sind auf der Autobahn die Regel, und unter Ausnutzung des vollen Leistungspotentials können es sogar bis zu 16 Liter/100 km sein. Weil der Tank nur 58 Liter faßt, sind kurze Reichweiten die Folge. Auf der Autobahn lassen sich kaum einmal 400 Kilometer am Stück realisieren, auch, weil die voreilende Tankuhr vorsichtige Fahrer zu früh an die Zapfsäule zwingt.

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Schlimmer fällt die unter hoher Belastung nachlassende Bremswirkung ins Gewicht, ein von früheren Tests bekanntes Problem bei Toyota, das auch beim Dauertestwagen auftrat. Wie ein roter Faden ziehen sich außerdem Klagen über das Radio durch die Unterlagen, das die Sender trotz RDS nicht halten kann. Für viel Ärger sorgte auch die Klimaanlage, die zwar sehr effektiv agiert und den Innenraum schnell abkühlt, aber wie die Lüftung in keiner Stellung zugfrei arbeitet. Nach 47 144 Kilometern legte der RAV4 erste gravierende Schwächen an den Tag. Auf einer Fahrt von Kiel nach Stuttgart sprang bei Hannover der fünfte Gang heraus. Er ließ sich zwar wieder einlegen, mußte dann aber auf den restlichen 500 Kilometern bis Stuttgart krampfhaft festgehalten werden. Ein Getriebetausch wurde fällig und wurde beim 45 000 Kilometer-Check erledigt. Toyota sind fünf derartige Schäden bekannt, geänderte Gangräder könnten das Problem lösen. Ob diese Modifikationen in die Serienproduktion einfließen, ist derzeit aber noch nicht entschieden.
Die am Testwagen entstandenen Reparaturkosten wurden von Toyota auf Garantie komplett übernommen. Weniger Glück hatte Leserin Brigitte Wasik, bei deren Auto der gleiche Schaden während einer Auslandsreise auftrat. Sie bekam zwar die Teile ersetzt, aber nicht die Arbeitskosten. Nach dem Getriebetausch bei 47 144 Kilometern verhielt sich der RAV4 dann wieder unauffällig. Nur undichte Auspuff- und Schiebedachdichtungen wurden im Rahmen der Garantie behoben. Über die gesamte Distanz mußten außerhalb der Inspektionen lediglich vier Liter Öl nachgefüllt werden, mit den Reifen ging der Toyota auch pfleglich um. Am Ende der Testdistanz steht der RAV4 auf dem fünften Satz Gummis. Dabei wiesen die Reifen des Toyota jeweils eine Restprofiltiefe von gut vier Millimetern auf.

Wenig positiv wurde die Verarbeitung im Innenraum beurteilt: Schlecht eingepaßte Kunststoffteile, die bei bestimmten Drehzahlen Geräusche verursachen, und rutschende Teppiche, deren Befestigungsklammern schon nach der halben Testdistanz stark verrostet waren, fielen negativ auf. Die ständige Nutzung mit viel Gepäck ließ das Toyota- Interieur zudem sichtbar altern. Trotz regelmäßiger Reinigung wirkte er zunehmend schmuddelig, und die Kunststoffteile erwiesen sich als wenig resistent gegen Kratzer. Außen präsentierte sich der RAV4 aber glänzend. Häufiges Waschen in verschiedensten Waschstraßen konnte dem Lack kaum etwas anhaben. Völlig unspektakulär näherte sich der Toyota dem Testende, doch dann passierte noch etwas: Bei Kilometerstand 93 441 konnte das Getriebe wieder den fünften Gang nicht halten und erzwang so den einzigen außerplanmäßigen Werkstattaufenthalt. Diesmal hatte sich eine Verschraubung gelöst und für zuviel Spiel im Getriebe gesorgt. Zu diesem Zeitpunkt war das zweite Getriebe acht Monate und 46 297 Kilometer alt. So bleibt trotz hoher Zuverlässigkeit, die durch die Leserzuschriften bestätigt wird, ein schaler Nachgeschmack am Ende. Er wird durch den mit über 50 Prozent sehr hohen Wertverlust verstärkt. Für die Probleme beim abschließenden Abgastest ist aber vermutlich nicht die Toyota- Technik verantwortlich, sondern eine Reihe von Marderbissen, von denen Kabel der Zündanlage und der Lambda-Sonde betroffen waren.
Immerhin glänzt der Allradler mit niedrigen Kilometerkosten, aber nur wenn der Verbrauch unberücksichtigt bleibt. Fließt er in die Berechnung mit ein, erweist sich der Toyota als RAV-gierig.

Christian Bangemann

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Datum

7. Dezember 1998
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