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Volvo V40 2.0

Hin- und hergerissen

Volvo V40 2.0

Beim 100 000 Kilometer-Dauertest konnte der Volvo V40 die hohen Erwartungen, die mit der Marke verbunden werden, nicht erfüllen. Der Langstreckentest brachte einige Mängel an den Tag.

28.08.1998 Birgit Priemer

Mit zwiespältigen Gefühlen tritt man einem Volvo normalerweise nicht entgegen. Schließlich ist das Renommee der Marke im Hinblick auf Zuverlässigkeit, Qualität und Sicherheit seit vielen Jahren sehr hoch, wie auch die auto motor und sport-Umfragen bei der Leserwahl „Die besten Autos “ immer wieder ergeben. Doch Volvo ist nicht gleich Volvo. Das Einstiegsmodell S40 /V40 als Nachfolger des 400 stammt im Gegensatz zu den größeren Baureihen nicht aus Schweden, sondern aus den Niederlanden. Im neu erbauten Werk Born rollt die Mittelklasse- Variante unter den Typbezeichnungen S (Limousine) und V (Kombi) seit 1996 vom Band – gemeinsam mit dem japanischen Pendant Mitsubishi Carisma.
Am laufenden Band gab es zunächst Probleme: Qualität, Komfort, Fahreigenschaften und Antrieb entsprachen nicht den Erwartungen der verwöhnten Volvo-Kundschaft – eine Kritik, die sich auch in den Bordkarten des Dauertestautos V40 2.0 wiederfindet. Es hatte am 30. Dezember 1996 mit Kilometerstand 15 443 seinen Dienst begonnen.
„Auch mit Winterreifen schlechte Traktion auf Schnee“, moniert Test- und Technik-Chef Thomas Fischer bereits in den ersten Tagen des Testbetriebes, und die Kollegen beklagen kurze Zeit später die Stuckerneigung des Fahrwerks auf Querfugen, den schlechten Geradeauslauf, eine schwergängige Schaltung, die schwache Handbremse und Knistergeräusche vom Cockpit. Kaum einer, der nicht auch das Radio kritisiert: „Es ist das empfangsschwächste Radio, das ich kenne“, hält Christian Bangemann nach einer Fahrt in den Norden fest.

Volvo erkennt Handlungsbedarf und veranlaßt bereits im ersten Produktionsjahr eine Modellpflege. Trotz aller Kritik wird der attraktiv gestylte V40 von der Redaktion gern als Urlaubsbegleitung gewählt – vor allem wegen des guten Platzangebots. 413 Liter Kofferraumvolumen, bei Bedarf durch Umklappen von Rücksitzbank und -lehne auf 1421 Liter zu steigern, versprechen Frankreichund Italien-Reisenden viel Platz für Weinkartons. Das Vergnügen schmälern jedoch die weit hereinragenden Radkästen und die mit 418 Kilogramm knappe Zuladung.
Die Ausstattung rangiert dagegen auf einem Niveau, das man von dem schwedischen Hersteller gewohnt ist. Neben Airbags zählten bereits Sidebags zum Serienumfang, genauso wie ABS, Automatik- Sicherheitsgurte auf allen Plätzern, Kindersicherung in den hinteren Türen, Gurtstraffer und ein praktischer Gepäcksicherungsgurt im Kofferraum.
Nützliches Extra für alle, die Nachwuchs haben oder Kinder öfter mitnehmen: die zwei integrierten Kindersitze im Fond, die zusammen 490 Mark Aufpreis kosten und sich mit einem Handgriff aus der Verankerung lösen lassen. Auch auf eine Niveauregulierung sollten Kombi-Fahrer nicht verzichten. Sie kostet als Bestandteil des Kombipakets, also mit Dachreling und Sicherheitstrennetz, 1650 Mark.
Überflüssig ist dagegen die elektronische Traktionskontrolle als Teil des mittlerweile 1700 Mark teuren Winterpakets (inklusive beheizbarer Vordersitze, Nebelscheinwerfer und einer Scheinwerfer-Reinigungsanlage), weil sie gegen schlechte Traktion bei Schnee und Nässe nichts ausrichten kann.
Keinesfalls volvolike erweist sich auch die Bremsanlage. Obwohl sie technisch mit Scheibenbremsen rundum (vorne innenbelüftet) auf dem letzten Stand ist, ist unter hoher Belastung kräftiges Fading festzustellen: Statt 9,5 m/s2 (kalt, erste Bremsung) schafft der V40 nach der zehnten Vollbremsung mit voller Zuladung nur noch 8,4 m/s2. Weniger gibt es an der Dauerhaltbarkeit des V40 auszusetzen. Ausfälle traten in dem eineinhalb Jahre dauernden Zuverlässigkeitstest nicht auf, und auch die über 8000 Kilometer lange Tour von Peter Dalheim (Leserservice) bis nach Marokko absolvierte der Kombi ohne Probleme.

Die Karosserie präsentiert sich in ordentlicher Verfassung, und der Lack zeigt kaum Alterserscheinungen. Den an sich bequemen Sitzen merkt man die Strapaze jedoch an: Die Polster sind mittlerweile sehr weich und nachgiebig geworden. Außerplanmäßige Werkstattaufenthalte waren nur zwei zu verzeichnen: einmal wegen des defekten Tempomatschalters und zum anderen wegen des gerissenen Wärmedämmblechs über der rechten Antriebswelle. Aber die Störungsliste ist ohnehin lang (siehe Tabelle auf Seite 62), denn die vielen Kleinigkeiten, die den Betrieb immer wieder behinderten, wurden im Rahmen der alle 15 000 Kilometer fälligen Inspektion behoben.
Die meisten der notwendigen Reparaturen nahm Volvo im Rahmen der Garantie vor. Privat-Kunden, die für die 100 000 Kilometer-Distanz wesentlich mehr Zeit benötigen, hätten dagegen tief in die Tasche greifen müssen: 770 Mark kostete der Ersatz für den zerrissenen Rücksitzbankbezug, 232 Mark der Austausch des defekten Tempomatschalters. Teuer sind auch die Verschleißteile: Ein Satz neuer Scheibenwischerblätter kostet rund 100 Mark, über 800 Mark sind für neue Bremsbeläge rundum und neue Bremsscheiben vorne fällig. Dazu kommen die Kosten für die Inspektion, die mit 350 bis 480 Mark zu Buche schlagen.
Der Unterhalt für den Volvo blieb trotzdem in einem vertretbaren Rahmen, weil er bei Bremsen und Reifen keinen nennenswerten Verschleiß zeigte. Die Sommerreifen Uniroyal RTT2 wiesen nach 30 000 Kilometer Laufleistung noch eine Profiltiefe von sechs Millimetern auf, bevor sie gegen Winterreifen getauscht wurden. Kein Kraut war gegen das hakelige Getriebe gewachsen, das in den Bordkarten immer wieder kritisiert wurde. Vollsynthetisches Getriebeöl (nach 46 431 Kilometern) brachte hier ebensowenig Abhilfe wie eine Überprüfung der Schalteinstellung (Kilometerstand 60 628) oder die Instandsetzung des Schaltgestänges (106 088 Kilometer).

Auch der Motor stand immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik. Geringste Anstrengungen entlockten ihm bereits Dröhngeräusche. Die lange Übersetzung im fünften Gang verlangt entweder viel Schaltarbeit oder Geduld bei Überholvorgängen auf der Landstraße. Subjektiv fühlt sich der 136 PS starke Zweiliter eher wie ein 115 PS-Triebwerk an – ein Eindruck, den die Meßwerte nach Abschluß des Dauertests bestätigen. Für die Beschleunigung von null auf 100 km/h benötigt der Volvo V40, der über die 100 000 Kilometer- Distanz deutlich an Leistung verloren hat, jetzt eine Sekunde mehr als vorher und rangiert damit auf dem Niveau eines 115 PS starken BMW Dreier Touring.
Mangelndes Temperament führt dazu, daß der Kombi oft im oberen Drehzahlbereich gefahren wird, was sich auch auf den Verbrauch auswirkt: Mit 9,8 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer zählt der Volvo nicht zu den Sparmeistern.
Addiert man die hohen Werkstattkosten dazu, kommt der V40 auf einen Kilometerpreis von 21 Pfennig – mehr als beim Mercedes C 180 . Der Volvo kontert aber mit geringerem Wertverlust und einem Anschaffungspreis, der um einige 1000 Mark unter der Kombi-Konkurrenz von BMW , Audi und Mercedes liegt.
Ärgerlich ist allerdings, daß auch hier die Kunden durch eine unsinnige Paketpolitik gezwungen werden, Extras zu ordern, die sie gar nicht brauchen. Wer zum Beispiel eine Klimaanlage möchte, muß 2950 Mark bezahlen, weil in diesem sogenannten Komfortpaket zusätzlich eine fernbedienbare Zentralverriegelung, eine Leselampe vorne und eine Mittelarmlehne hinten enthalten sind. Der Abschluß fällt demnach zwiespältig aus. Der V40 hat in der Langstreckenerprobung zwar keine gravierenden Schwächen an den Tag gelegt. Viele Probleme wie schlechter Komfort, ein hakeliges und zu lang übersetztes Getriebe, den brummigen Motor sowie die schlechte Traktion hat er aber von Anfang an mitgebracht.
Vor den Modekombis BMW Dreier Touring und Audi A4 Avant rangiert der Volvo mit attraktivem, sportlichem Design und gutem Platzangebot. Im Hinblick auf Fahreigenschaften und Komfort gehört er jedoch nur ins Mittelfeld.

Vor- und Nachteile

  • Günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Geringer Bremsen- und Reifenverschleiß
  • Umfangreiche Sicherheitsausstattung mit Sidebags, integrierte Kindersitze gegen 490 Mark Aufpreis lieferbar
  • Gutes Raumangebot im Fond und im Gepäckabteil, bei umgeklappten Lehnen durchgehend ebener Ladeboden
  • Unbefriedigendes Qualitätsniveau (Knistergeräusche im Armaturenbrett, knarzender Sitz, laute Windgeräusche)
  • Motor mit unbefriedigender Laufkultur, Getriebe zu lang übersetzt
  • Maximale Zuladung mit 418 Kilogramm gemessen an der Größe des Laderaumes zu gering
  • Schlechter Federungskomfort, speziell auf Querfugen
  • Wartungs- und Reparaturkosten auf vergleichsweise hohem Niveau
Technische Daten
Volvo V40 2.0
Grundpreis21.679 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4483 x 1717 x 1413 mm
KofferraumvolumenVDA413 bis 1421 L
Hubraum / Motor1948 cm³ / 4-Zylinder
Leistung103 kW / 140 PS (183 Nm)
Höchstgeschwindigkeit205 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h9,7 s
Verbrauch9,0 L/100 km
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