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VW Passat Variant 1.8 T

WOB und Tadel

VW Passat Variant 1.8 T

Über 100 000 Kilometer, die in 23 Monaten absolviert wurden, hinterließ der VW Passat Variant 1.8 T einen sehr zwiespältigen Eindruck. Zahlreiche gravierende Qualitätsmängel trüben das Bild eine ansonsten guten Kombis.

30.11.1999 Thomas Fischer

Der frische Wind, den der Wechsel von der dritten zur vierten Passat -Generation im Herbst 1996 (Limousine) und im Sommer 1997 (Variant) brachte, wirbelte die Modell- Hierarchie im VW-Konzern ganz schön durcheinander. Denn mit der stilistisch wie technisch verfeinerten und durch eine bessere Qualitätsanmutung im Innenraum aufgewerteten Baureihe blies VW zur Attacke auf das Schwestermodell Audi A4 . Mit dem teilt sich der neue Passat – wie schon in den frühen siebziger Jahren das Urmodell und der Audi 80 – wieder die Plattform.
Im Vergleich zum Audi A4 aber ist der Passat das modernere, geräumigere und um bis zu 5000 Mark preisgünstigere Auto. Er macht, speziell in der von 60 Prozent aller Passat-Käufer bevorzugten Variant-Ausführung, auch dem höher positionierten Audi A6 Avant Konkurrenz. Hier beträgt der Preisvorteil sogar rund 9000 Mark.
Kein Wunder, dass seit der Neuauflage schon mehr als eine Million Passat abgesetzt werden konnten. Allein der Preiswürdigkeit wegen wurden sie allerdings sicher nicht gekauft. Denn mag das Preisniveau im Vergleich zu Audi oder gar Mercedes noch moderat sein, so wurde für Volkswagen- Verhältnisse der Bogen fast schon überspannt (siehe auch Leserbriefe ). Von knapp 40 000 (1,6-Liter-Benziner) bis weit über 60 000 Mark (V6 TDI 4motion) reicht das Preisgefüge beim Variant – die zahlreichen teuren Extras nicht mitgerechnet. Der deutsche Passat-Käufer gibt durchschnittlich 46 800 Mark bei der Neuanschaffung aus – ganz klar, dass mit dem Anstieg der Preise auch die Ansprüche der Kunden wachsen.

Und die werden – so das Leser- Echo – nur unzureichend erfüllt. Auch der Dauertestwagen, ein Variant Highline 1.8 Turbo mit 150 PS und inklusive Extras im November 1997 exakt 60 360 Mark teuer (heutiger Preis 61 830 Mark), blieb über 100 000 Kilometer weit hinter den Erwartungen zurück. Bei neun außerplanmäßigen Werkstattbesuchen (siehe Störungen ) und mehr als 8500 Mark Reparaturkosten, die nur deshalb nicht voll zu Buche schlugen, weil sie während der Garantiezeit anfielen oder auf Kulanz erledigt wurden, drängt sich einmal mehr der Verdacht auf, dass die mit dem Erscheinen des neuen Passat eingeleitete Qualitätsoffensive von VW eine Mogelpackung ist.
So blendet der Passat zunächst mit Showroom-Qualität: Enge Spaltmaße, Scheinwerfer im Klarglas-Look, hochwertig aufbereitete Kunststoff-Oberflächen im Cockpit und bei Nacht bläulich schillernde Instrumente wirken verlockend in einer Autowelt, die sonst mit Nüchternheit glänzt. Doch der schöne Schein verblasst meist schon nach wenigen Wochen. Beim Dauertestwagen hielt der Friede genau 11 118 Kilometer. Von da an gab es Mängel am laufenden Band. Gleich mehrfach versagte die hydraulisch betätigte Kupplung ihren Dienst, worauf der Geberzylinder zwei Mal getauscht werden musste. Zwischendurch stand noch eine Entlüftung des Systems an.
Zu diesen Kupplungsdefekten gesellten sich diverse Mängel an der Bremsanlage (Quietschgeräusche, defekter ABS-Drehzahlgeber, verzögertes Ansprechen unter Tausalzeinfluss), Getriebeprobleme (Schaltgestänge und Schalthebellager), Elektrikdefekte (Fensterheber, Starterbatterie, Fernentriegelung, Antennenkabel), Fahrwerksreklamationen (Teile der Vorderradaufhängung, eine eingerissene Achsmanschette, und die vorderen Radlager mussten erneuert werden) sowie Schwierigkeiten mit der Belüftung des Innenraums durch einen sich viel zu schnell zusetzenden Pollenfilter und defekte Frischluftdüsen. Eine Störung mit Knalleffekt war das Platzen der Heckscheibe auf der Autobahn. Der Grund: Thermospannung wegen eines zu nah an der Heckwischerwelle platzierten Scheibenheizungsdrahts. Bis zur Änderung des Drahtverlaufs in der Serie sahen sich Tausende von Passat-Fahrern mit bröselnden Heckscheiben konfrontiert. Viele Besitzer wissen auch von verzogenen Tank-Schraubverschlüssen zu berichten.

Beim Dauertestwagen deformierte sich gleich zweimal der komplette Tank. Auf Grund von Entlüftungsproblemen ließ der durch die Benzinpumpe verursachte Unterdruck das Kunststoffteil so zusammenschrumpfen, dass statt 62 nur noch 45 Liter hineinpassten. Trotz der langen Störungsliste, die den Passat Variant im auto motor und sport-Mängelindex weit hinter Konkurrenzmodelle wie Audi A4 , Mercedes C-Klasse und Opel Vectra zurückfallen lässt, wartete der Dauerläufer nur mit einem Bruchteil des gängigen Passat-Mängelrepertoires auf. Interne VW-Servicemitteilungen enthüllen, dass das wahre Ausmaß der Ausfallerscheinungen noch viel größer ist. Hier ein kleiner Auszug:
- Sonneneinstrahlung auf der Schalttafel kann Wegfahrsperre aktivieren.
- Zu stramm verlegte Bowdenzüge machen das Öffnen der Türen von innen wie außen unmöglich.
- Nach dem Abschalten der Innenleuchte kann es 70 Minuten später zu Fehlfunktionen der Alarmanlage kommen.
- Turboladerschäden mit Liegenbleiben wegen loser Befestigungsmutter vom Verdichterrad beim 1.8 T-Motor.
- Liegenbleiber beim 1.8 T-Motor wegen Kühlmittel im Zündkerzenschacht (Kerzenbohrung durch Gussfehler in der Zylinderkopf-Fertigung undicht).
- Leistungsmangel wegen loser Druckdose des Turboladers beim gleichen Motortyp.
- Servolenkgetriebe an vier Stellen undicht.
 
Unverständlich, dass eine Marke wie VW, die mit dem 18-Zylinder für Bugatti und dem V10-TDI für den Concept D technische Kompetenz darzustellen versucht, stets daran scheitert, Fehler vor Serienanlauf abzustellen. Was die Kunden dennoch bei der Stange hält und sogar noch von der Konkurrenz zu VW überlaufen lässt, ist die Konzeption der Autos. Der Passat Variant erweist sich speziell in der 1.8 T-Highline-Ausführung als Universalgenie – eine Kreuzung zwischen Kombi und Sportwagen.
Für Passagiere und Gepäck hält er mehr Platz bereit als viele größere Autos, die Bedienung ist bis auf die bei VW immer noch fehlende Radiofernbetätigung weitgehend funktional und die Ausstattung bis auf die nicht lieferbare Niveauregulierung praxisgerecht. Die straff gepolsterten Sportsitze vermitteln viel Seitenhalt und eine hohe Langstrecken-Tauglichkeit – selbst 1300 Kilometer an einem Stück nimmt der Rücken nicht krumm. Die Federung ist angenehm straff, nur der Abrollkomfort mit den serienmäßigen 205/55-16-Reifen dürfte geschmeidiger sein.
Der Fahrfreude tut das keinen Abbruch. Der 150 PS starke 1,8-Liter-Turbomotor beschleunigt den knapp 1,4 Tonnen schweren Kombi in 9,8 Sekunden von null auf 100 km/h und scheinbar mühelos auf über 200 km/h. Verblüffend auch die Handlichkeit, die der Variant selbst voll beladen an den Tag legt. Die Lenkung ist allerdings so direkt ausgelegt, dass sie fast schon ein wenig nervös wirkt und bei Längsrillen auf der Autobahn keinen sauberen Geradeauslauf erlaubt.
Auch der Motor hat Schattenseiten. Die dunkelste ist sein turbotypisch verzögertes Ansprechen im unteren Drehzahlbereich, lästig sein Brummen bei hohen Drehzahlern und unzeitgemäß seine ungezügelten Trinksitten bei Ausnutzung der Leistungsreserven (14 Liter/ 100 km). Kein Wunder, dass ihn nur fünf Prozent aller Passat- Käufer wählen.
50 Prozent entscheiden sich für einen TDI, weitere 40 Prozent für den Basis-Benziner mit 1,6 Liter Hubraum und 100 PS. Um den Verbrauch von 10,9 L/100 km richtig zu bewerten, lohnt ein Blick auf den leistungsgleichen Mercedes E 230 , der trotz Automatik nur 9,9 L/100 km verbrauchte. Selbst der sechszylindrige BMW 523i war über 100 000 Kilometer sparsamer (10,5 L/100 km).
Mit Öl, Bremsbelägen und Reifen ging der Dauertest-Passat hingegen ökonomisch um. Die Traktion auf schneeglatter Fahrbahn war übrigens trotz Frontantrieb, Winterreifen und elektronischer Differenzialsperre (EDS) nicht überwältigend. Kein Wintermärchen auch die Sitzheizung, die zwar fünf Dosierungsstufen aufweist, aber viel zu langsam anspricht. Reaktionsschnell hingegen das Navigationssystem mit fixer Routenberechnung, verlässlicher Zielführung und verständlicher Bedienung.

Auf den ersten Blick stand der silberne Dauertestwagen nach 23 Monaten noch gut da. Der Lack wirkte fast noch neuwertig, die mit Leder und Alcantara bezogenen Sitze waren bis auf ein paar Kratzer kaum verschlissen. Nur die Armaturentafel sah auf der Beifahrerseite ein wenig fleckig aus. Mehr als ein Schönheitsfehler waren die Karosseriegeräusche, die zum Testende hin zunahmen. Anfangs klapperten nur die wackelnden Vordersitze, zuletzt wiesen auch Geräusche von den Türen und der Heckklappe auf mangelnde Passgenauigkeit hin.
Klares Fazit also: Ein tolles Auto, das auf Dauer nicht hält, was der schöne Schein verspricht. Zuverlässigkeit und Langlebigkeit sind eben wichtiger als stilistisches Blendwerk. Wenn sich Qualität in Oberflächlichkeiten wie Spaltmaßen erschöpft, läuft bei VW etwas aus den Fugen.  

Vor- und Nachteile

  • gutes Raumangebot für Passagiere und Gepäck
  • geringer Reifen- und Bremsenverschleiß
  • sehr gute Fahrleistungen
  • pflegeleichte und strapazierfähige Inneneinrichtung
  • Sitze mit sehr guter Seitenführung
  • sehr gute Handlichkeit
  • hoher Benzinverbrauch
  • hohe Defektanfälligkeit
  • Klappergeräusche von Karosserie und Innenausstattung
  • Eingeschränkter Abrollkomfort
Technische Daten
VW Passat 1.8 5V Turbo
Grundpreis25.750 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4675 x 1740 x 1459 mm
KofferraumvolumenVDA475 bis 745 L
Hubraum / Motor1781 cm³ / 4-Zylinder
Leistung110 kW / 150 PS (210 Nm)
Höchstgeschwindigkeit223 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h8,9 s
Verbrauch7,9 L/100 km
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