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VW Polo 60

Quietschfidel

VW Polo 60

Nur 22 Monate benötigte der Kurze von VW, um die 100 000 Kilometer voll zu machen. An der Motorisierung, dem Platzangebot und der Zuverlässigkeit gab es fast nichts auszusetzen. Allerdings quietschte und klapperte der kleine Spaßmacher über beinahe die gesamte Dauertest-Distanz.

01.11.1997

Knallgelb ist sie und von Pappe: die Bordkarte, die jeden auto motor und sport-Dauertestwagen zeit seines Redaktionsaufenthaltes begleitet. Das wichtige Dokument im A4-Format gibt den Test- und Technik-Kollegen jederzeit Informationen über den aktuellen Kilometerstand, den Benzin- und Ölverbrauch sowie die Befindlichkeit des Probanden.
Angaben zu Laufleistung, Betriebsmittelverbrauch sowie Wartungs- und Reparaturaufenthalten sind für jeden Fahrer Pflicht. Alles andere ist freiwillig und fällt unter die Rubrik Bemerkungen. Diese Bemerkungen sind oft eine erbauliche Lektüre. Vom Volontär bis zum Chefredakteur wird da offen, ungeschönt und manchmal auch recht deftig Kritik geübt. 38 Chancen zum schriftlichen Loben, Lästern oder Leiden bietet jede Bordkarte.
15 Karten verbrauchte der metallicblaue Polo 60 Indianapolis , der am 8. November 1995 seinen Dienst in der Redaktion antrat und am 8. September 1997 zur Abschlußmessung nach Hockenheim rollte. Doch wo sich bei anderen Dauertestkandidaten bereits auf den ersten Seiten der eine oder andere abgeschlossene Kurzroman findet, herrscht beim Polo gähnende Leere: „Winterreifen montiert“, „0,5 Liter Kühlmittel nachgefüllt“ – das war es schon auf den ersten 15 000 Kilometern in der Rubrik Bemerkungen.
Kein Kommentar ist auch ein Kommentar – die auto motor und sport-Belegschaft hatte den VW-Mini von Anfang an als vollwertigen, unkomplizierten und absolut alltagstauglichen Wagen ins Herz geschlossen. Keine Spur von Kleinwagen-Feeling, keine Beschwerden über mangelndes Platzangebot oder Bemerkungen über Unbequemlichkeiten – der Volkswagen lief und lief und lief.

In den 22 Monaten Redaktionszugehörigkeit legte der viertürige Polo 102 300 Kilometer zurück. Das sind durchschnittlich 4650 Kilometer im Monat oder auch 155 Kilometer am Tag. Neunmal ging es mit Kind und Kegel oder großer Fotoausrüstung ins Ausland: Frankreich, Italien und die Schweiz waren die Ziele. Die meisten Kilometer machte der Polo aber im Stuttgarter Berufsverkehr oder bei den Vollgas-Familienheimfahrten der norddeutschen Kollegen Bangemann, Janßen und Herder. 68 verschiedene Personen bewegten den Wagen, und alle fühlten sich auf den 3,72 Meter Gesamtlänge gut untergebracht.
Die dritte Auflage des Polo macht es seiner Besatzung auch leicht. Der Verstellbereich der straff gepolsterten und mit einer ausreichend langen Oberschenkelauflage gesegneten Sitze erlaubt es auch 1,90 Meter- Menschen, genügend Abstand zum Volant zu finden. Die Kopffreiheit reicht zudem auch für Sitzriesen völlig aus. Das Lenkrad ist bereits in der Basisversion höhenverstellbar. Im Vergleich zum Vorgängermodell geriet der Polo III fünf Zentimeter kürzer, legte dafür aber in der Breite um 8,5 und in der Höhe um sieben Zentimeter zu. Dem Raumgefühl auf den Vordersitzen kommt das in kaum für möglich gehaltenem Umfang zugute. Golf- oder Passat-Fahrer fühlen sich kaum besser untergebracht. Auf der Rückbank ist es im Polo naturgemäß etwas enger, doch unter den Vordersitzen bleibt auch für Schuhgröße 45 ausreichend Platz, und der Dachhimmel ist auch bei der Mitnahme normal gebauter Erwachsener immer noch weit genug entfernt.
Es sind auch und gerade die Kleinigkeiten, die den Umgang mit dem Polo so angenehm einfach machen. Die serienmäßige Servolenkung ist ein Musterbeispiel in Sachen Leichtgängigkeit und vermittelt dabei ein ungemein direktes und exaktes Lenkgefühl. Die Tür- und Haltegriffe sind groß und stabil, Zeituhr und Drehzahlmesser sind serienmäßig, Kosmetikspiegel in Fahrer- und Beifahrersonnenblende gehören ebenfalls zur Grundausstattung.

Mit einem großen Drehschalter werden alle Lichtfunktionen geschaltet. Nebelscheinwerfer und -schlußleuchte können nicht langfristig vergessen werden, da sie mit der Zündung automatisch ausgeschaltet werden. Ein akustisches Signal erinnert beim Abziehen des Zündschlüssels an das noch eingeschaltete Licht. Doch wo Abblend- und Fernlicht ist, gibt es auch Ausstattungs- Schatten: ABS und zwei Airbags sind mittlerweile zwar serienmäßig, doch der Beifahrerluftsack ist so ungünstig plaziert, daß kein Platz für ein normal großes Handschuhfach bleibt. Das winzige Ersatz- Kästchen auf der Fahrerseite nehmen Polo-Besitzer nicht ernst und beklagen den Mangel an großzügig dimensionierten Ablagemöglichkeiten.
Die Zeiten der Tachowelle sind dank Elektronik zwar vorbei, doch daß zwischen Gesamt- und Tageskilometeranzeige hin- und hergeschaltet werden muß, hat wohl eher kaufmännische als technische Gründe. Die Innenleuchte ist groß und hell, nur leider bleibt sie beim Öffnen der hinteren Türen dunkel – die Türkontaktschalter sparte VW ein. Das gilt auch für einen Umluftschalter der Belüftung.
Der Kofferraum ist für Kleinwagenverhältnisse ausreichen groß und sogar vollständig verkleidet, nur ist der Abstand zwischen Koferraumboden und Ladekante viel zu groß. In Sachen Qualität der Laderaumabdeckung befindet sich der Polo in schlechter Kleinwagen-Gesellschaft: billig, billiger, am billigsten. Die Preßpappe ist eines ansonsten doch so gar nicht kleinwagenmäßig wirkenden Autos unwürdig.
Fahrwerk, Antrieb, Bremsen – diese Baugruppen funktionierten im Dauertest nicht nur tadellos, sie sorgten auch für eine gehörige Portion Fahrspaß. Die 60 PS-Maschine ist drehfreudig und durchzugstark, dabei kultiviert und leise. Das Fünfganggetriebe ist perfekt gestuft, und die Bremsen sind wirkungsvoll und standfest. Doch der Dauertest-Teufel steckte beim Polo im Detail – im Verarbeitungsqualitäts-Detail. Erstmalig zeigte er sich nach rund 15 000 Kilometern: „Schwirrgeräusche im Motorraum.“ Nach 23 000 Kilometern lautete der Kommentar „Klappern in der Fahrertür.“ Es ging mit „Knarrgeräusche an Lautsprecher und Frontscheibenrahmen“ weiter.
Die hintere linke Tür ließ sich nach 27 000 Kilometern nur noch schwer schließen, das kleine Handschuhfach klapperte, ein Auspuffblech schepperte, und der Sicherheitsgurt auf der Fahrerseite rollte nicht mehr vollständig auf. Später quietschte es beim Kuppeln und Bremsen, und das komplette Armaturenbrett schloß sich dem Konzert mit Klappern an. Keiner der Mängel erforderte einen außerplanmäßigen Werkstattaufenthalt, der Polo blieb nie liegen und verweigerte auch nie die Arbeitsaufnahme. Alle Beanstandungen wurden bei den Kundendienstterminen auf Garantie oder Kulanz behoben.

Nur: Zum einen ist der Polo kein Fernost-Billigheimer für 15 000 Mark, dem man solche vermeintlichen Kleinigkeiten noch nachsehen mag – der Dauertestwagen kostete immerhin über 30 000 Mark –, zum anderen fährt der durchschnittliche Polo-Besitzer keine 50 000 Kilometer im Jahr. Ob nämlich das nervige Klappern, Scheppern und Quietschen im vierten oder fünften Jahr auch noch so kulant abgestellt werden kann, ist fraglich.
Daß die beim auto motor und sport-Dauertestwagen aufgetretenen Verarbeitungsmängel keine Einzelfälle sind, beweisen zahlreiche Leserzuschriften. Hakelige Schaltungen, knarzende Armaturenbretter und scheppernde Auspuffanlagen ziehen sich durch einen Großteil der Berichte. Das fehlende Handschuhfach, der zu niedrig liegende Kofferraumboden und die mäßige Empfangsqualität der ab Werk eingebauten Radiogeräte sind weitere, öfter genannte Kritikpunkte. Die happigen Einstandspreise und die Paket-Aufpreispolitik – einige Ausstattungsextras gibt es nur in Verbindung mit anderen Features – fielen den Polo-Fahrern unter den Lesern ebenfalls negativ auf.
Die Werte für den Durchschnittsverbrauch schwanken bei ihren Fahrzeugen zwischen 6,5 und acht Litern. Das Gros liegt in der Größenordnung des auto motor und sport-Wertes: 7,8 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer, was für einen Kleinwagen etwas zu viel ist.
Im Verbrauch gängiger Verschleißteile hielt sich der Dauertest- Polo dagegen zurück. Die Abschlußmessungen absolvierte er auf den gleichen Michelin- Sommerreifen, auf denen er vor rund zwei Jahren das Werk verließ. Für die beiden ausgedehnten Winter benötigte er je einen Satz Winterreifen. Ein Satz Wischerblätter, zwei Sätze Bremsbeläge und ein Paar Bremsscheiben vorn – das ist für einen hart rangenommenen Dauertestwagen ein sehr gutes Ergebnis. Nur ein Liter Öl mußte auf der gesamten Dauertestdistanz nachgefüllt werden. Das spricht neben den guten Werten bei den Fahrleistungs-Messungen am Testende für die mechanische Gesundheit des Polo.
Im Fazit fast aller Leserzuschriften kommt dann wieder regelmäßig Begeisterung auf. Trotz der vielen kleinen Mängel loben die Polo-Besitzer ihr Fahrzeug über den grünen Klee und betonen, daß sie sich den Wagen wieder kaufen würden. Dieses Gefühl deckt sich mit der Einschätzung der zahlreichen auto motor und sport-Dauertestfahrer. Die Kollegen haben den großen Kleinwagen in guter Erinnerung behalten. Der Wagen hat sehr viel Spaß gemacht und war dabei nun mal quietschfidel.

Technische Daten
VW Polo 60
Grundpreis13.304 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe3715 x 1655 x 1420 mm
KofferraumvolumenVDA245 bis 975 L
Hubraum / Motor1390 cm³ / 4-Zylinder
Leistung44 kW / 60 PS (116 Nm)
Höchstgeschwindigkeit160 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h14,9 s
Verbrauch6,5 L/100 km
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