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Timo Scheider

Über den Berg

Foto: Sabine Hofmann, Wolfgang Wilhelm 13 Bilder

Aus dem einstigen Mitläufer Timo Scheider wurde 2008 endgültig ein Alpha-Renntier. Nach dem dramatischen Titelgewinn in der DTM wird der Audi-Pilot am Samstag (22.11.) zum ADAC-Motorsportler des Jahres gekürt. In der Karriere des Timo Scheider lief es allerdings nicht immer so rund.

20.11.2008 Claus Mühlberger

Das Finale in Hockenheim war reine Nervensache. Vor dem wichtigsten Rennen seiner Karriere lebte Timo Scheider wie ein Einsiedler. "Ich ging in die Berge, ohne Handy und ohne E-Mails", sagt der 29-Jährige. "Ich habe mich extrem konzentriert." Je näher die Stunde der Entscheidung rückte, umso ruhiger wurde er anscheinend. Sein Raketenstart beim Rennen spricht für außergewöhnliche mentale Stärke.

"Der Start verlief maximal positiv", lobte Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich. "Timo ist ein wahrer Champion. Er hielt dem Druck stand." "Stressige Situationen hatte ich schon oft in meiner Karriere", sagt Scheider. "Da muss man die Erwartungen ausblenden. Seit dem Jahr 2000, seit ich in der DTM fahre, habe ich mich daran gewöhnt, dass die Erwartungen da sind. Mittlerweile kann ich gut damit umgehen."

Langer Weg zum ersten DTM-Sieg

Scheiders Weg zum Erfolg war eine wahre Ochsentour. 2000 kam er nach drei Jahren in der Formel 3 zu Opel in die DTM. "Seither habe ich viele harte Zeiten erlebt", erinnert er sich mit Grausen. Absoluter Tiefpunkt war das Rennen in Zandvoort 2003. Auf dem holländischen Dünenkurs sah er aus wie der sichere Sieger. Doch nach dem Boxenstopp kugelte das rechte Vorderrad seines Vectra davon, weil ein Mechaniker die Radmutter verkantet aufgesetzt hatte.

Scheider war untröstlich. "Das gab Tränen, aber auch ein paar Gegner haben fast geweint. Das hat mich menschlich tief berührt. Ich habe gesehen, dass es Leute gibt, die auf meiner Seite stehen." 2005 stellte Opel die DTM-Aktivitäten ein. Scheider stand ohne Cockpit da. "Fast niemand hat mehr an mich geglaubt." Notgedrungen heuerte er beim Maserati-Team von Michael Bartels für die GT-Meisterschaft an und wurde Vizemeister. "Der Druck, den ich damals hatte, war viel größer als jetzt", sagt er. "Es ging um die Existenz. Das waren wirklich Ängste."

Finanziell musste Scheider 2005 extrem kleine Brötchen backen. "Wir haben von der Substanz gelebt, die ich aus den Zeiten bei Opel hatte. Ich bin ein sparsamer Mensch. Ich habe in diesem Jahr nichts verdient, nur ein Mal gab es eine Prämie: Nach dem 24-Stunden-Rennen von Spa, bei dem ich elfeinhalb Stunden bei sehr schwierigen Verhältnissen im Auto gesessen bin, bekam ich 10.000 Euro als Geste der besonderen Anerkennung."

Lernphase im Monoposto und GT-Sportwagen

Gelohnt hat sich der Abstecher in die GT-Szene trotzdem. "Erstens habe ich sehr viel vom damaligen technischen Direktor Giorgio Ascanelli gelernt", sagt Scheider. Der temperamentvolle Ex-Ferrari-Technikchef hat zwar eine extrem kurze Zündschnur. "Aber in 90 Prozent unserer Streitfälle hatte Giorgio recht." Zum anderen hatte Scheider nach den Erfolgen im Maserati gute Argumente, als er bei den Sportchefs der Hersteller Klinken putzte.

Im Winter bildete er sich obendrein fahrerisch in der A1-GPSerie fort. Seine Bilanz im 600-PS-Monoposto: "Viele Rennen, viele Flugmeilen, ein bisschen Geld verdient sowie ein zweiter Platz in Laguna Seca." Nach einem Jahr, in dem er "sehr, sehr viel Angst hatte, dass es nicht weitergeht", war Scheider froh, dass ihm Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich einen Jahreswagen zuteilte. Weil er sich als loyaler Teamplayer bewährte, bekam er 2007 ein neues Auto anvertraut.

Scheider hatte Anlaufschwierigkeiten: "Es dauerte etwas, bis die Jungs wussten, was ich will, und bis ich wusste, was die Jungs wollen." Bei einer Stallregie zu seinen Ungunsten machte Scheider brav Platz. "Aber mit geballter Faust in der Tasche." 2008 hatte das lange Warten auf den Erfolg ein Ende: "Ein grandioses Jahr. Der neue Audi A4 hat auf Anhieb eingeschlagen wie eine Granate. Das kann man von einem neu entwickelten Auto nicht unbedingt erwarten." Beim zweiten Rennen des Jahres in Oschersleben holte Scheider seinen ersten DTM-Sieg. Damit eroberte er die Führung in der Meisterschaft - und er definierte sich neu.

Neues Selbstbewusstsein

Sein Image wandelte sich - aus dem Mitläufer wurde ein Alpha-Renntier. "Durch den Sieg fiel eine riesige Last von mir", sagt er. Selbstzweifel waren wie weggeblasen. "Hallo Leute, schaut mal her, ich kann’s" war sein neues Lebensmotto. Der ehemals brave Mitläufer hatte sich emanzipiert. Zwei Mal kam jedoch eine empfindliche Unwucht in den Scheider-Express in Richtung DTM-Titel. Unglückliche Taktikentscheidungen des Audi-Kommandostands bei den Regenrennen auf dem Nürburgring und beim vorletzten Rennen des Jahres in Le Mans kosteten Scheider mindestens zehn Punkte.

Aber auch Scheider agierte nicht wie ein absolut fehlerfrei arbeitender Roboter. Sein Frühstart beim dritten Rennen in Mugello machte aus der Pole-Position Makulatur: Platz zehn, keine Punkte, tiefer Frust. Es war Scheiders einziger Fahrfehler in einer Saison: Nach elf Rennen standen drei Siege, vier Trainingsbestzeiten und acht Podiumsplatzierungen zu Buche. Im Durchschnitt holte Scheider fast sieben Punkte pro Rennen. Der entthronte Titelverteidiger Mattias Ekström hatte 2007 durchschnittlich nur fünf Zähler eingeheimst.

Privates Familienglück

Timo Scheider stammt aus Lahnstein, 30 Kilometer rheinabwärts von Koblenz gelegen. Doch er lebt seit langem im österreichischen Vorarlberg. Am Fuße des Bergs Pfänder bezog Familie Scheider kürzlich ein neues Haus. Der Blick von der Terrasse reicht weit über den Bodensee - fast bis nach Friedrichshafen auf der deutschen Seite. Dort ist Jasmin Rubatto geboren, Scheiders Lebenspartnerin und Mutter des fünfjährigen Sohns Loris. Die Tochter des Ex-Motorrad-Champions Peter Rubatto sorgte gleich für klare Verhältnisse: "Als wir uns kennen lernten, machte sie mir klar, dass sie niemals nach Koblenz ziehen will. Also blieb mir nichts anders übrig, als in den Süden zu gehen."

Das sieben Kilometer schmale Bergsträßchen, das auf den Gipfel des Pfänders führt, gehört zu Scheiders liebsten Trainingsstrecken mit dem Mountainbike. "Der Rekord wird von Jan Ullrich gehalten. 21 Minuten für 600 Höhenmeter. Da bin ich Lichtjahre davon entfernt. Meine Bestzeit liegt bei 32 Minuten und 50 Sekunden." Ein wichtiger Motivator ist Sohn Loris. "Als er ganz klein war, war es kein Problem für ihn, wenn ich zum Rennen ging", erzählt Scheider. "Später hat er gejammert: Papa, du sollst nicht gehen. Und jetzt sind wir in der Phase drei. Jetzt fordert Loris: Bring einen Pokal mit." Auftrag erfüllt: Der Papa von Loris holte die größte Trophäe, die die DTM zu vergeben hat.

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