Elektroantrieb: Neue Materialien machen Karriere

Nicht erst der Rohstoffhunger aufstrebender Wirtschaftsnationen schärft den Blick für die Endlichkeit der Ressourcen. Und ein E-Auto-Boom könnte weiter an der Preisschraube drehen.

Auch wenn die Preise für klassische Rohstoffe jüngst infolge der Wirtschaftskrise verfallen sind, sehen Marktbeobachter mittelfristig eine möglicherweise andauernde Hausse. Besonders Elektro- und Hybridautos sind dabei Gegenstand hochfliegender Fantasien. Denn sie werden nach Einschätzung von Experten einen völlig neuen Markt mit eigenem Rohstoffbedarf begründen.

Batteriegeschäft boomt

Nach einer Studie des internationalen Marktforschungsinstituts Freedonia verheißt der Batterie- und Akku-Sektor bis 2012 weltweit stabile jährliche Wachstumsraten von 4,8 Prozent von derzeit 71 auf 90 Milliarden US-Dollar. Lithium, der Stoff, aus dem die Träume der Elektroauto-Zukunft sind, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Das Leichtmetall aus der Gruppe der Alkalimetalle kommt, da es sehr reaktionsfreudig ist, in der Natur nicht als reines Element vor. Schon die Berührung mit feuchter Haut führt zu massiven Verätzungen. Lithium ist zwar Bestandteil einiger Mineralien, doch sind die Lagerstätten nicht sonderlich ergiebig. Die Gewinnung wäre wirtschaftlich daher nicht lohnend.

Sehr viel häufiger kommt Lithium als Verbindung in Salzen vor, auch in Meersalz, wo es rein mengenmäßig kaum begrenzt wäre. Es gibt auf der Erde mehr Lithium als zum Beispiel Blei, Nickel oder Kupfer, weiß ein Experte. Der Haken ist allerdings, dass die Gewinnung aus Meersalz ebenfalls kaum wirtschaftlich umsetzbar ist. Deutlich einfacher ist sie dort, wo die Salzkonzentration viel höher ist. Ein geologischer Glücksfall sind die südamerikanischen Anden, wo sich aus einem früheren Binnenmeer eine Vielzahl heutiger Salzseen entwickelte. Allen voran der Salar de Atacama in Chile und der Salar de Uyuni in Bolivien bergen in ihrem Lithium-Carbonat mehr als 80 Prozent der weltweiten Lithium-Vorkommen. Gefördert werden jährlich gut 20.000 Tonnen Lithium, entsprechend einem Bruttoumsatz von rund 90.000 Tonnen. Die Weltvorräte an Lithium-Carbonat werden derzeit auf 58 Millionen Tonnen geschätzt, entsprechend rund elf Mio. Tonnen reines Lithium. Würde die gesamte Jahresförderung in die Produktion von Batterien gesteckt, könnte man Schätzungen zufolge damit rund zehn Mio. Hybridautos und eine Mio. Elektroautos bestücken.

Lithium-Engpässe sind möglich

Klar wird dabei: Ein Engpass wird erst mit Produktionszahlen entstehen, die erst nach 2015 erwartet werden. Doch auch der Bedarf für mobile elektronische Kleingeräte wird weiter steigen. Daher sehen Unternehmen wie Lux Research mittelfristig durchaus die Gefahr möglicher Lithium-Engpässe - und damit eines steigenden Preises. Denn der ist nicht nur Folge der Nachfrage, sondern auch der Spekulation. Steigender Lithium-Bedarf wird also auch Recycling erzwingen. Kein Wunder, dass sich der Lithium-Preis seit 2006 nahezu verdreifacht hat.

Unter den einschlägigen Empfehlungen für potenzielle Anleger macht sich daher geradezu Goldgräber- Stimmung breit. "Profitieren Sie von der weltweit explodierenden Nachfrage nach Hybridautos", empfiehlt zum Beispiel der Investor-Verlag seinen Kunden im Internet. Nach dem New Economy-Hype nun also ein neuer Rohstoff-Hype? Es gibt mittlerweile Anzeichen, die dafür sprechen und zumindest mittelfristig weitere Preissteigerungen erwarten lassen. Das gilt ebenso für andere Werkstoffe, die künftig beim Bau von Elektroautos und Hybriden eine Rolle spielen werden. Hier sind es vor allem Werkstoffe für wirkungsstarke und langzeitstabile Permanentmagnete, die in Elektromotoren eingesetzt werden. Dabei geht es weniger um Eisen-Werkstoffe als Basis für Magnete, sondern vor allem um zusätzliche Komponenten, Elemente, die aus der Rohstoffgruppe der Seltenen Erden stammen. Ein gutes Dutzend gehört zu dieser Gruppe, das nicht in reiner Form in der Natur vorkommt, sondern nur in Mineralien. Trotz ihres Familiennamens handelt es sich global gesehen nicht wirklich um seltene Elemente, dennoch ist ihre Trennung ein aufwendiges und daher teures Verfahren.

Magnetwerkstoffe kommen hauptsächlich aus China

Vorkommen und Herstellungspreis prädestinieren vor allem Neodym und Dysprosium für Legierungen zur Herstellung stärkster Magnete. Üblicherweise enthalten sie etwa fünf Prozent Dysprosium und 27 Prozent Neodym. Lagerstätten in den USA sind heute weitgehend erschöpft, die derzeit bekannten Vorkommen konzentrieren sich fast ausschließlich in China. Mit dem Niedergang der Förderung in den USA, einst nahezu Selbstversorger in Sachen Seltene-Erde-Metalle, stieg sie dort seit Mitte der achtziger Jahre sprunghaft an und deckt derzeit über 93 Prozent des Weltbedarfs. Dort finden sich auch die einzigen namhaften Betriebe zur industriellen Trennung dieser Metalle aus ihrem Erz-Verbund. Die fast monopolistische Situation und die stark gestiegene Nachfrage führte in den letzten fünf Jahren zu einem stetigen Preisanstieg, "und das bei oft stark schwankenden Preisen, die oft der Willkür unterliegen", wie Bernd Schleede vom europäischen Marktführer, der Vacuumschmelze in Hanau, weiß. Während sich in den USA kein Hersteller solcher Magnetwerkstoffe mehr findet, in Europa gerade mal zwei, sind es in China 250 - Tendenz steigend.

Diese Mono-Struktur und der steigende Preis machen das Erschließen neuer Lagerstätten zunehmend interessant. Vor allem Australien investiert kräftig. Aber auch in den USA will man den Risiken einer Abhängigkeit von China entgegenwirken und sucht nach Möglichkeiten zur Reaktivierung bisher nicht rentabler Lagerstätten. Das ist auch notwendig, denn das Trennen der Seltene- Erden-Metalle aus vorhandenen Werkstoffen und damit ein Recycling ist praktisch kaum möglich. "Im Prinzip", sagt ein Insider, "ist das Material nur einmal verwendbar."

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Klaus-Ulrich Blumenstock

Autor:

auto motor und sport, Heft 03 / 2009

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