VW Golf City-Stromer: Der lädt und lädt und lädt

Elektro Golf

2010 soll der neue Elektro-Golf in einer Testflotte erprobt werden. Horst Schultz hat das längst hinter sich. Sein elektrischer Golf III fährt seit tausenden Kilometern ohne nennenswerte Probleme. Und wenn mit Sonnenenergie getankt wird, gehen die Treibstoffkosten gegen Null.

Wer bei der letzten IAA den Worten von VW-Chef Martin Winterkorn gelauscht hat, dem wurde eins schnell klar: Europas bedeutendster Automobilkonzern hat es nicht besonders eilig mit dem Elektroauto. Der VW E-Up wurde als unverbindlicher Ausblick auf eine elektrische Zukunft gezeigt. Anfang des kommenden Jahres soll immerhin der Golf TwinDrive auf den Straßen rollen. Hinter dem als Großversuch bezeichneten Projekt verbirgt sich eine Testflotte mit 20 Fahrzeugen, die VW acht Kooperationspartnern aus Forschung und Wirtschaft zur Verfügung stellt. Die Reichweite des Elektro-Golf beträgt 50 Kilometer, danach muss ein Verbrennungsmotor den Strom zum Weiterfahren produzieren.

50 Kilometer Reichweite - darüber kann Horst Schultz nur schmunzeln. Sein 13 Jahre alter Stromer nämlich kommt locker 20 Kilometer weiter. Der Leiter des Museums Autovision in Altlußheim bei Hockenheim zeigt stolz den Golf City-Stromer, der sich seit vier Jahren im Fuhrpark des Museums befindet. Auf den ersten Blick sieht der Wagen wie ein normaler Golf der dritten Generation aus. Auch im Cockpit wirkt alles vertraut: Gangschaltung, drei Pedale, Zündschlüssel. Doch gezündelt wird unter der Haube des Wolfsburgers nicht.

VW Golf III mit Elektroantrieb


Völlig lautlos beginnt der 20 kW starke Drehstrom-Synchronmotor nach dem Schlüsseldreh seine Arbeit. Man legt den ersten Gang und muss sich zunächst mit der zähen Kupplung anfreunden - es gibt nur wenige Stromer mit Schaltgetriebe, die meisten haben eine stufenlose Kraftübertragung. Nach ein paar Runden um den Block hat man sich jedoch schnell an das Getriebe gewöhnt und wechselt die Gänge nach Gefühl so, wie man es von einem Benzinfahrzeug her kennt.

Der City-Stromer ist nicht etwa Marke Eigenbau, sondern stammt aus der berühmten Versuchsflotte des Volkswagen-Konzerns und wurde 1996 zugelassen. Rund 100 City-Stromer wurden in Kooperation mit Siemens gebaut. Der Golf ist ein normaler Viersitzer, die 16 Batterieblöcke finden teils im Motorraum, teils unter dem Fahrzeug Platz. Vorteil: Der Kofferraum bleibt vollständig erhalten. Beim Mini E (Fahrbericht) zum Beispiel ist der Laderaum durch Batterien arg eingeschränkt. Mit 1,5 Tonnen Leergewicht ist der Elektro-Golf zudem kaum schwerer als ein aktueller Golf mit Benzinmotor. Der City-Stromer gehörte zum Fuhrpark eines pfälzischen Energieunternehmens und fand vor vier Jahren den Weg in die Autovision.

Elektro-Golf mit bis zu 90 Kilometer Reichweite
 
Die Kapazität der Blei-Gel-Batterien beträgt 180 Amperestunden bei einer Spannung von 96 Volt. "Im Stadtverkehr kommen wir damit rund 70 bis 90 Kilometer weit", berichtet Schultz. Besonders flott ist der alte Elektro-Golf zwar nicht, doch für das Mitschwimmen in der City reicht es allemal - und langsamer als beim aktuellen Basis-Golf fühlt sich die Beschleunigung auch nicht an. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt rund 110 Km/h. "Mit modernen Lithium-Ionen-Akkus hätte der Wagen eine viermal so hohe Reichweite", sagt Elektroingenieur Schultz. Abgesehen von den Akkus gehöre die Technik des Golf übrigens keinesfalls zum alten Eisen: "Der VW E-Up nutzt einen vergleichbaren Drehstrommotor mit Drehstrom-Umrichter", so Schultz.
 
Der City-Stromer hat rund 34.000 Kilometer auf dem Tacho und wird fast täglich bewegt. "Meine Frau fährt damit zum Beispiel zum Einkaufen“, erzählt Horst Schultz. Bis auf eine Panne, die auf korrodierte Kontakte zurückzuführen war, habe der Wagen noch nie Probleme bereitet. Für Strecken außerhalb der Stadt ist aber schon eine gewisse Planung vonnöten. An die beschränkte Reichweite hat Schultz sich gewöhnt und kennt die Eigenheiten des Wagens aus dem Effeff. "Wenn die Batteriestandsanzeige bei einem Drittel ist, darf man sich nicht mehr zu weit von der nächsten Steckdose entfernen - die Energiereserven gehen dann schnell zur Neige", erzählt er. Einmal habe seine Tochter die väterlichen Ermahnungen missachtet und bekam die Quittung: Sie blieb mit dem City-Stromer nachts um zwei ohne Saft auf einer Landstraße liegen.
 
Und die Treibstoffkosten?

"Bei einem Strompreis von 18 Cent pro Kilowattstunde zahlt man pro 100 gefahrenen Kilometern etwas mehr als einen Euro", sagt der Elektroingenieur. An einer normalen Steckdose dauert es rund 1,5 Stunden, bis die Akkus zu 80 Prozent geladen ist - für die letzten 20 Prozent zieht sich die Ladezeit dann allerdings in die Länge. An sonnigen Tagen gehen die Treibstoffkosten sogar gegen Null, denn dann kann sich der Golf bei der Museums-eigenen Solartankstelle bedienen. Zudem darf jeder Besucher, der mit einem Elektroauto zur Autovision anreist, sein Fahrzeug kostenlos an der Solartankstelle aufladen.
 
Das ungewöhnliche Lehrmuseum in Altlußheim soll vor allem junge Menschen dazu ermuntern, sich für technische Berufe zu interessieren, und zeigt in mehreren Ausstellungen die Entwicklung der Mobilität vom ersten Holz-Fahrrad bis zu den Antrieben der Zukunft. Den Durchbruch der Elektromobilität allerdings sieht Horst Schultz trotz der aktuellen Stromer-Renaissance noch nicht: "Solange die Allianz der Öl- und Automobilindustrie immer wieder Argumente für den Verbrennungsmotor findet, wird sich da nicht viel bewegen. Die Automobilindustrie fühlt sich durch die Elektromobilität gestört", glaubt Schultz.

Leser-Umfrage: Elektroautos
Antwortmöglichkeiten Zustimmung
Ab einer Reichweite von 200 km 64 Prozent
Ab einer Reichweite von 150 km 18 Prozent
Ab einer Reichweite von 100 km 13 Prozent
Ab einer Reichweite von 60 km 3 Prozent
Ab einer Reichweite von 30 km 2 Prozent
Kommentare
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Sebastian Viehmann

Autor:

Können die deutschen Automobilhersteller in Sachen Elektroantrieb zu den Japanern aufholen?
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