Mercedes-Benz SLS AMG E-Drive: Der Strom-Flügeltürer geht ins Rennen

Mercedes SLS AMG E-Drive

Auch wenn er seinem V8-befeuerten Bruder den Vortritt lässt: Der Mercedes SLS AMG E-Drive kommt gewaltig. Ab 2015 macht er mit vier Elektromotoren Flügeltüren-Supersportlern und einer Höchstgeschwindigkeit von über 200 km/h Konkurrenz.

Um ein Elektroauto kommt kein Hersteller mehr herum - zumindest in Form einer Studie. Alternative Antriebskonzepte spielen mittlerweile auch bei der Markenpositionierung eine entscheidende Rolle, da Umweltfreundlichkeit ein wichtiges Marketinginstrument geworden ist. Diese Bestrebungen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch ein langer Weg ist, bis Elektroautos großserientauglich sind. Noch gibt es viele Fragen rund um die Lithium-Ionen-Batterie, was Reichweite, Kosten, Sicherheit und Aufl adekonzepte angeht. Immerhin: Selbst Sportwagen werden jetzt elektrifiziert.


Jetzt ist es passiert: Bei der ersten Vorstellung des SLS E-Drive beginnt AMG-Chef Volker Mornhinweg mit leuchtenden Augen und raumgreifenden Gesten über die Faszination bassigen Transformatorbrummens und hochfrequent sirrender Elektromotoren zu referieren. Und das, obwohl man eben noch inmitten einer Rotte knisternd abkühlender SLS-Benziner stand. Sie durften auf dem Sachsenring Ansprechverhalten und Drehvermögen ihrer 571 PS starken Hochdrehzahl- V8 beweisen.

Doch AMG kann auch anders, will sich nicht vor der Zukunft verschließen. Und die bedeutet nun mal Elektroantrieb. Vorbei die Zeit ungebremsten Wachstums mit stets prall gefüllten Brennräumen, ganz gleich ob über Kompressor, Turbo oder besoners freizügige Ansaugung. Doch keine Sorge: AMG trägt auch in Zukunft Ventil und Nocken im Signet statt Rotor und Stator. Lumpen lässt man sich dennoch nicht. Mit 392 Kilowatt Leistung und einem Drehmoment von 880 Newtonmetern dürfte der voll elektrifizierte SLS ab 2015 weiche Fahrbahndecken ruck zuck in Wellen legen.

Vier E-Motoren bedeuten mehr als Allradantrieb

Traktion wird für den Elektro-Supersportler dabei kein Problem sein, denn jede Achse besitzt einen separaten Motor (Gewicht rund 50 Kilogramm) mit eigener Steuerung, der das Rad über je ein Getriebe pro Achse und eine kurze Welle antreibt. Das bedeutet nicht nur simplen Allradantrieb, sondern eine besonders situationsgerechte Regelung der Kraftverteilung im Stil eines Torque-Vectoring. Feinfühlig und schnell, denn die Kraft steht elektromotortypisch jederzeit quasi ansatzlos zur Verfügung. Weder Niedrigdrehzahl-Zaudern noch Ansprechverzögern oder Turboloch bremsen den Schwung. Die Power-Klatsche kommt unmittelbar, ein tiefer Karosserieschwerpunkt erleichtert deren Umsetzung.

Da die Elektro-Komponenten von Anfang an ins SLS-Konzept eingeplant waren, rücken sie ohne Veränderungen am Chassis an strategisch günstige Stellen. Damit vermeiden die Ingenieure Einbußen bei Crashsicherheit und Platzangebot. Der konventionelle Antriebsstrang fliegt raus und macht Platz für insgesamt drei Batterie-Container, von denen der größte schwerpunktgünstig auf Höhe des Mitteltunnels liegt, die anderen zwei sitzen auf Vorder- und Hinterachse. Die aktiv gekühlten Lithium- Ionen-Akkus (400 V, 40 Ah, 16 kWh) bestehen aus jeweils 108 Zellen und wiegen 140 Kilogramm pro Stück. Insgesamt vier der von Mercedes und Evonik gemeinsam entwickelten Akkus sichern eine angemessene Reichweite von rund 150 Kilometern.

Das SLS-Fahrwerk verführt zum lustvollen Kurven

Wer allerdings ständig das Potenzial auskostet - Beschleunigung null auf 100 in vier Sekunden, Höchstgeschwindigkeit über 200 km/h -, muss früher an die Dose. In fünf bis sechs Stunden sind 80 Prozent geladen, eine volle Ladung soll rund acht Stunden dauern. Durch Rekuperation im Schiebebetrieb und beim Bremsen lässt sich ebenfalls Energie zurückholen. Aber wer möchte an Bord des Flügeltürers schon bremsen? Schließlich soll das aufwendige SLS-Fahrwerk eher zum lustvollen Kurven verführen, seine Pushrod-Vorderradaufhängung zur gefühlvollen Umsetzung von Lenkwünschen beitragen. Als wir wieder an den noch immer vor Hitze flimmernden V8-SLS stehen, legt Mornhinweg noch einmal die Hand auf die Motorhaube und versichert mit fester Stimme: "Verbrenner wird es auch noch in 20 Jahren geben. Mindestens." Und während der Satz noch in der Luft steht, hat er sich seinen Helm übergestülpt, die SLS-Flügeltür zugezogen und die Boxengasse mit einem Gasstoß des 6,2-Liter-V8 hinter sich gelassen. Ein letztes Aufbäumen?

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Jörn Thomas

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