Mercedes F-Cell Roadster Studie

Im Elektroauto auf den Spuren von Bertha Benz

Mercedes F-Cell Roadster

Mit diesem Projekt haben Mercedes-Auszubildende zur Übung Zukunftstechnologien wie die Brennstoffzelle mit den Wurzeln der Marke verknüpft. Im F-Cell Roadster unterwegs auf den Spuren von Bertha Benz.

Trotz einer Eskorte von Technikern ist etwas Nervosität zu spüren. Wird es der F-Cell Roadster bis nach Wiesloch schaffen? "Wir sind noch nie eine so lange Strecke mit dem Modell gefahren", gibt Projektleiter Stefan Elischer zu. 

Die Mercedes-Ingenieure haben Erfahrung mit der Brennstoffzelle

Mit der Brennstoffzelle haben die Mercedes-Ingenieure allerdings reichlich Erfahrung - mehr als mit den altmodischen Speichenrädern, auf denen das Unikat steht. So macht sich Elischer eher Sorgen, dass die dünnen Vollgummireifen Schaden nehmen, als dass die Technik des Roadsters streikt. Aber grau ist alle Theorie, und Bertha Benz konnte sich am 5. August 1888 schließlich auch keineswegs sicher sein, ihr Ziel zu erreichen, als sie ihrem Mann den Zettel mit dem Satz "Wir sind zur Oma nach Pforzheim gefahren" hinterließ und mit dem Patent-Motorwagen losfuhr. Dennoch hat sie die Fahrt gewagt - und Automobilgeschichte geschrieben. Über 120 Jahre später geht alles geräuschlos vonstatten.

Elischer schaltet per Knopfdruck die Brennstoffzelle an und kontrolliert auf dem Display, ob das kleine Kraftwerk korrekt hochfährt. Das Amperemeter zeigt an, dass die Batterien geladen werden. Die Zelle läuft. Ohne sie wäre die Reichweite für die Tour von Mannheim nach Wiesloch zu gering, denn die Bleibatterien reichen nur für wenige Kilometer. Mit der Brennstoffzelle kann der Roadster rund 350 Kilometer weit fahren, fast lautlos. Plötzlich gibt es doch ein Problem: Die Räder wollen den Befehlen des Joystick in der Mittelkonsole nicht folgen, die elektronische Lenkung muss neu gestartet werden.

Mercedes F-Cell mit Lenkung per Joystick

Während der Rechner hochfährt, föhnt die Brennstoffzelle aus dem Heck munter warme, feuchte Luft und sondert das erste Mal ein paar Tropfen Wasser ab. H2O statt CO2 - Faszination alternativer Antrieb schon im Stand. Nach dem zweiten Versuch funktioniert die Lenkung. Ein leichtes Kippen des Joysticks nach vorn, und der Mercedes F-Cell setzt sich sanft in Bewegung. Lediglich beim Anfahren gibt es ein kurzes Ruckeln. Die mechanische Fußbremse ist nur für den Notfall gedacht. Gebremst wird ebenfalls per Joystick, der dafür nur in die Mittelstellung zurückgeführt werden muss. Umgeben von futuristischem Design, geformt aus Carbon und Glasfaser, fühlt sich der Mercedes F-Cell-Fahrer ein bisschen wie Luke Skywalker in Star Wars oder Formel 1-Champion Lewis Hamilton.

Der Mercedes F-Cell beschleunigt kraftvoll

Das Gefährt ohne klassisches Getriebe beschleunigt nach einer kurzen Handbewegung kraftvoll. Daran kann man sich gewöhnen, schießt es einem durch den Kopf, während der Roadster wie ein Raumschiff den Neckar entlanggleitet. Der Asphalt ist neu, deshalb merkt der Fahrer nicht gleich, dass die Federn an Vorder- und Hinterachse, die aus Platzmangel von Montainbikes stammen, nicht besonders komfortabel sind. So im Schwebezustand vergisst er für einen kurzen Moment, dass er im Mercedes F-Cell auf archaischen Vollgummireifen unterwegs ist. Die Rückkehr aus dem Weltraum in die Realität erfolgt nur wenige Minuten später an der ersten engen Kurve.

Für Kurven ist der F-Cell Roadster ungeeignet

Ein Auto per Joystick zu beschleunigen ist eine Sache, es damit um die Ecke zu steuern eine ganz andere. Zur Jagd auf Weltraumschurken oder Ferrari ist der F-Cell wohl doch ungeeignet. Fehlender Grip in Kurven war ein Problem, mit dem sich Bertha Benz mit ihrem 2,5-PS-Gefährt wohl kaum auseinandersetzen musste. Zwar hat der Mercedes F-Cell Roadster auf dem Papier noch weniger Leistung, dafür aber mehr Gewicht und Drehmoment. Wer da nicht langsam in die Kurve steuert, fährt unweigerlich geradeaus - egal in welcher Stellung der Joystick gehalten wird.

Straßenbahnschienen sind eine Herausforderung

In der Mannheimer Innenstadt wartet die nächste Herausforderung: Straßenbahnschienen. Wo moderne Autos einfach drüberrollen, muss der Mercedes F-Cell vorsichtig vorbeimanövriert werden. Denn gerät eines der bei Bentley gefertigten Kutschenräder in eine Schiene, wäre die Fahrt beendet. Auto und Besatzung überstehen den kritischen Moment unbeschadet und erreichen nach 15 Kilometern Ladenburg und das Automuseum Carl Benz. Zeit für einen Plausch mit den Machern. Das sind neben Projektleiter Elischer vor allem die Auszubildenden
von Mercedes. Zwei von rund 150 sind als Eskorte an diesem Tag dabei: Andreas
Weber, angehender Fahrzeugmechatroniker, und Nina Sabrina Elbert, angehende Modellbaumechanikerin.

Die Zahnstangenlenkung stammt vom Smart

Was diente als technische Basis für den Mercedes F-Cell? Hinterachse samt Elektromotor und Differenzial stammen aus einem Elektrowagen, wie er auf Golfplätzen gefahren wird. Die anderen Teile sind entweder eigens hergestellt oder weitgehend aus dem Daimler-Regal. So wird die Zahnstangenlenkung normalerweise im Smart eingebaut, die Motorsteuerung in der Mercedes A-Klasse. "Uns war wichtig, dass die Auszubildenden möglichst praxisnah lernen, mit modernen Werkstoffen und komplizierten Technologien umzugehen“, erläutert Elischer den Sinn des Projekts. Das lief nicht immer ohne Probleme ab: Mit viel Mühe wurde zum Beispiel das harte Teakholz in Form gebracht, die diese aber nach dem Trocknen partout nicht beibehalten wollte.

Nur 15 Monate Bauzeit für den F-Cell

Trotzdem haben es die Azubis nach nur 15 Monaten Bauzeit geschafft - und das mit nur der Hälfte des geplanten  Budgets. Und obwohl ihrer Studie nie ein Serienmodell folgen wird: Alles funktioniert. Der Beweis: Der Mercedes F-Cell erreicht Wiesloch. Die Jungfernfahrt endet, wo die Geschichte von Mercedes einst begonnen hat: an der Apotheke, an der Bertha Benz 1888 als erste Autofahrerin getankt hatte.

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Jens Katemann

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