Smart ED mit reinem E-Antrieb: Strom-Tankstellen-Suche mit dem Smart ED

Wie geht es weiter, wenn man noch Weg übrig hat, obwohl die Batterie am Ende ist? Wir prüfen das nach, stromern mit dem Elektro-Smart neckarabwärts, suchen unterwegs nach Kilowattstunden und einer Antwort auf die Frage: Wie nah liegt zu weit?

Der Satz "Jetzt gibt es kein Zurück mehr" passt zu abgelegenen Gegenden fern jeder Zivilisation und dramatischen Situationen - wenn auf halbem Weg durch die Sahara/ das Death Valley/zum Nordpol die Wasservorräte/Benzinreserven/Schlittenhunde knapp werden - und eher nicht zu Pleidelsheim am Neckar.

Den allzu nahe liegenden Witz über die Zivilisationsferne erspare ich uns. Aber als die Ladestandsanzeige des Smart ED kurz nach dem Ortseingang unter die 50-Prozent- Marke zuckt, heißt das: Wenn ich keinen Strom finde, komme ich heute statt nach Hause sonst wohin. Wobei ich ja genau da hinwill - ans Ende der Reichweite. Wo auch immer das sein wird, dauert es acht Stunden, bis der Natrium-Nickel-Chlorid-Akku sich an einer 220-Volt-Steckdose wieder komplett aufgeladen hat.

ED basiert auf der ersten Smart Generation

Wann hat man sich bei einem Auto zuletzt um die Reichweite gesorgt? Wenn der Tank leer ist, kippt man eben ein paar Liter Sprit nach, weiter geht’s. Das hat schon Bertha Benz vor 123 Jahren so gemacht - an Apotheken zwar und nicht wie heute an einer von 14.500 Tankstellen, aber sie kam einfacher an Treibstoff als an den Wagen ihres Gatten Carl. Heute klappt das mit dem Auto leichter. Trotz des Sturms. Der tobt, lässt Lastwagen torkeln, Flugzeuge trudeln, Wälder taumeln - eher ein Tag der Windkraft als für eine Reise ins Ungewisse im rechtsgelenkten E-Smart. Der ED (Electric Drive) basiert noch auf der ersten Fortwo-Generation.

Obwohl der Smart ED zur Reihe der 100 Prototypen für den Großversuch in London gehört, haftet ihm nichts Provisorisches an. Er wirkt reif wie aus der Großserie. Die startet 2012 mit dem aktuellen Modell zu Preisen ab rund 25.000 Euro. Mein ED steht in der Daimler-Zentrale in Möhringen auf dem gepflasterten Areal, das hier mit großer Ernsthaftigkeit Piazza genannt wird. Drei Presseherren geben wertvolle Informationen, gute Wünsche sowie ein ausgewogenes Lunchpaket mit auf den Weg. Und die unausgesprochene, aber sehr nachdrückliche Erwartung, den Wagen unbeschadet zurückzubringen. Der leistet 30 kW - oder 41 PS in alter Währung - und zeigt nach dem Start nur durch die auf 100 Prozent schnellende Ladeanzeige, dass es losgehen kann. 

Autoscooter mit 120 Newtonmeter

Wählhebel auf D, Fuß aufs Wattpedal, und der Smart Fortwo zischt so einfach los wie ein Autoscooter. Aus dem Stand schieben ihn 120 Newtonmeter an. Wegen des hohen Drehmoments und der großen Drehzahlspanne des E-Motors genügt der arretierte zweite Gang des Seriengetriebes als einzige Fahrstufe. Ab Tempo 50 transponiert der Fahrklang das Zwitschern in leises Motorsurren und Reifensummen. Nach fünf Kilometern ist klar: Die Elektrifizierung perfektioniert den Smart. Kaum lauter als eine Mikrowelle, surft er ohne nerviges Schaltruckeln durch die abebbende Rushhour. Stattdessen gibt es geschmeidige, homogene Kraft, dazu eine strammere Straßenlage und sogar einen Hauch von Handling, weil die 135 Kilogramm schwere Batterie tief im Unterboden sitzt und den Schwerpunkt senkt.

Nach fünf Kilometern ist aber auch klar, dass das hier ein kurzes Vergnügen werden könnte. Zehn Prozent Ladung sind schon weg. Schnell umlernen und den Smart bewegen, als sei er ein Fahrrad: immer den Schwung nutzen, rollen lassen und sanft bremsen. Dann verzögert er nicht mit den Bremsen, sondern mit dem Motor. Der fungiert dabei als Generator und speist die Energie wieder in die Batterie ein. Die futtert die ganze Weinsteige hinunter. Weil es auf jedes Prozentpünktchen ankommt, darf sie im Rathaus-Parkhaus kurz an der Stromtanke aus der Steckdose mümmeln. Tagsüber nutzt kaum jemand die drei Stellplätze mit Gratis-Strom, weil eine Stunde Parken zwei Euro kostet - der Smart zieht derweil nur Energie für 25 Cent.

Park-/Lade-Flatrate für drei Euro

Nächstes Mal bleibt er über Nacht: Zwischen sieben Uhr abends und sechs Uhr früh gilt die Park-/Lade-Flatrate für drei Euro. Der Smart Fortwo wuselt rüber nach Cannstatt, trifft dort den Neckar. An ihm entlang geht es weiter, immer mit dem Strom. Der dürfte beim ED früher enden als beim Fluss. Den Neckar heute die ganzen 185 Kilometer begleiten, bis ihn in Mannheim der Rhein verschluckt? Utopisch. 130 bis Eberbach? Keine Chance.

Der Akku bestimmt das Ziel, vielleicht erlaubt er 65 bis Heilbronn. Aber nur bei Verzicht. Zwar stromert der Smart entspannt mit Tempo 70 über die Landstraße, doch alle Nebenverbraucher saugen mit an der Batterie. Also Heizung abstellen, Radio aus, nie die elektrischen Fensterheber nutzen, aufs Licht verzichten, sparsam mit dem Scheibenwischen sein und ausnahmsweise, wenn niemand in der Nähe ist, beim Abbiegen auch mal aufs Blinken verzichten.

Viel bringt das nicht. Bei Pleidelsheim steht die Ladungsanzeige auf halb. Da ist es gerade mal viertel nach elf, es wäre also noch viel Tag zum Fahren übrig. Der Smart ED braucht Energie. Weil es keine Stromtanke gibt, frage ich direkt beim Erzeuger nach. In Besigheim steht das zwölfte der 26 Neckar-Wasserkraftwerke zwischen Deizisau und Mannheim. Sie nutzen die 160 Meter Höhenunterschied auf den 200 Kilometer Strecke zur CO2-freien Energiegewinnung. 5,75 Meter tief stürzt sich der Fluss in Besigheim und treibt so zwei Kaplan-Turbinen an, die in jeder Sekunde eine Kilowattstunde Strom produzieren - in zwölf Sekunden genügend für 100 Kilometer im Smart. Dieter Breymaier, Betriebsleiter der Neckar-Aktiengesellschaft, ist auf seiner Check-Rundreise gerade in Besigheim.

Lange Ladezeiten

Bisher habe noch nie jemand nach Strom fürs Auto gefragt, aber klar könne ich welchen haben, meint Breymaier, und holt ein Verlängerungskabel. Während der nächsten zwei Stunden, in denen der Smart frischen Strom nuckelt, fließt viel Wasser den Neckar hinunter - etwa 46,8 Millionen Liter - genug, um die Energie für 60.000 Kilometer mit dem E-Smart zu gewinnen. Theoretisch zumindest, denn nach der Mittagspause hat sich der Akku nur von 40 auf 65 Prozent berappelt. Der Regen ist nun stärker, der Sturm noch wilder.

Schon ein paar Orte weiter fällt die Kapazität erneut unter 55. Der ED kämpft sich im Gegenwind den steilen Anstieg vor Neckarwestheim hinauf. Es kostet ihn fünf Ladepunkte. Die möchte ich gern im Atomkraftwerk wieder auffüllen. Dort haben sie so unglaublich viel Strom: Was der Reaktor in einer Sekunde produziert, würde dem Fortwo für 4.300 Kilometer reichen. Draußen fegt der eisige Wind die Dampfwolke der Kühltürme nach Norden. Drinnen gibt es für Besucher heißen Kaffee und warme Worte gegen die Sorge vor der Kernkraft. Aber ohne schriftliche Genehmigung keinen Strom für den Smart. Etwas ermattet kraxelt dieser über die nächsten Hügel.

Kein Strom an der Tankstelle

Es geht weiter am Neckar, aber kaum mehr weit. An einer Tankstelle frage ich nach Strom, doch es gibt nur Benzin und Diesel. Dann kommt die Nacht. Die Scheinwerfer zehren an der Batterie. Mit 15 Prozent Restladung erreicht der Smart das Heilbronner Wärmekraftwerk mit seinen 1.050 Megawatt Maximalleistung. "Sie machen doch Strom?", frage ich den Pförtner. "Ja"“ "Kann ich davon etwas für mein Elektro-Auto haben?" "Soll das ein Witz sein?" Er hat dann doch ein bisschen Sympathie und Strom für den ED übrig. Damit schleppt sich der Fortwo zurück ans Neckarufer. Dort stehen wir dann, der Smart und ich. 88 Kilometer haben wir heute geschafft und wissen, dass es jetzt kein Weiter und erst recht kein Zurück mehr gibt.

Der Sturm fegt ein paar Wolkenfetzen vor dem Mond weg, der sich nun auf dem dunkel dahintreibenden Wasser spiegelt. 90 Kilometer flussaufwärts wäre ich zu Hause. So nah liegt zu weit.

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Sebastian Renz

Autor:

auto motor und sport, Heft 08 / 2009

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