Alfa Romeo Giulietta im Test: Alfas Golf-Gegner mit agilem Handling

Alfa Romeo Giulietta

Mit dem Alfa Romeo Giulietta will Alfa den Glauben an Traditionsmarke wiederbringen, denn die Alfa-Fans wünschen sich nichts mehr, als ein Fahrerlebnis wie von gestern. Für alle Anderen will die Giulietta eher mit hoher Qualität und gutem Raumangebot überzeugen. Schafft die Alfa Romeo Giulietta im Test von auto moto rund sport das Spagat?

Kaum ein Gespräch unter italophilen Autointeressierten kommt ohne einen sentimentalen Diskurs über Alfa Romeo aus - über die grandios gezeichneten Modelle, über das brilliante Fahrverhalten einiger Baureihen, aber auch über den sinkenden Reiz der Marke.

Der Giulietta mangelt es nicht an individueller Optik

Vom Alfa Romeo Mito nur mäßig abgebremst, soll nun die Giulietta diese Entwicklung stoppen. Vorbei mit den "Ja, aber er sieht doch gut aus"-Argumenten, die Übergewicht, lässige Verarbeitung und träge Motoren zu entschuldigen versuchen - zu oft blieb es beim Versuch. Jedenfalls mangelt es dem neuen Alfa Romeo Giulietta der Italiener nicht an individueller Optik, die tatsächlich nur durch ein Detail gestört wird: dem Kennzeichen. Wie ein Balken über den Augen eines Ganoven kleistert es die Rundungen der Front zu.

Wirklich entscheidend ist jedoch, was sich dahinter abspielt. Zum Alfa Romeo Giulietta-Test tritt der 170 PS starke Diesel mit zwei Liter Hubraum an. Der Vierzylinder arbeitet nach dem Common-Rail-Prinzip, das den Kraftstoff mit 1.600 bar Druck verteilt - und das bleibt den Insassen nicht verborgen, speziell beim Kaltstart.

Alfa Giulietta: Dieselmotor mit gutem Ansprechverhalten

Ebenso kräftig wie das Nageln, aber weit erfreulicher erweist sich das Ansprechverhalten des Motors. Als ob das Gaspedal den rechten Fuß ansaugt, wird jeder Arbeitsbefehl vom drehfreudigen Triebwerk unmittelbar ausgeführt, noch bevor ein Turboloch den Tatendrang ausbremsen kann. Bereits bei 1.500 Umdrehungen liegen 320 Newtonmeter an, eine Overboost-Funktion packt nochmals 30 darauf. Frontantriebs-Geschädigte Alfisti hören jetzt schon, wie sich die Vorderräder quälen, was das Electronic Q2 genannte Sperrdifferenzial selbst bei großen Lenkwinkeln und nasser Fahrbahn aber zuverlässig unterbindet. Obwohl also genügend Traktion beim Alfa Romeo Giulietta vorhanden ist, bleibt der Testwagen bei den Beschleunigungswerten zum Teil deutlich hinter den Werksangaben zurück.

Testverbrauch bleibt mit 7,1 L / 100 km im Rahmen

Beim Spurt von null auf 100 km/h wurde das Ziel von acht Sekunden um acht Zehntel verfehlt. Gefühlt geht es dagegen im Alfa Romeo Giulietta immer einen Tick schneller voran, besonders dann, wenn Gas, Lenkung und ESP von der Fahrdynamik-Regelung D.N.A. den Dynamik-Befehl erteilt bekommen. Das hat unter anderem zur Folge, dass bei Autobahntempo die Servounterstützung in Urlaub geschickt wird - für manchen Fahrer etwas zu viel des Guten. Das gilt nicht für den Testverbrauch, der mit 7,1 L/100 km angesichts der genossenen Dynamik im Rahmen bleibt. Noch besser: das Einlenkverhalten. Auch wenn die Rückmeldung etwas synthetisch wirkt, stürzt sich die Giulietta mit jenem Elan vergangener Tage in jede sich bietende Biegung.

Dazu trägt auch das optionale Sportfahrwerk mit 18-Zoll-Rädern bei, das zudem die Seitenneigung wirkungsvoll im Test unterbindet - bei den Alfisti steigt bereits jetzt der Freudentränen-Pegel, Fahrer anderer sportlicher Kompakt-Modelle werden allmählich hellhörig. Minimales Untersteuern am Kurveneingang bringt den schweren Diesel kurzzeitig in Erinnerung, danach folgt der Alfa stur wie Antonio aus dem Wunderland der Ideallinie. Ebenso erfolgreich wie der Romanheld ignoriert der Alfa Romeo Giulietta Provokationen, Lastwechselreaktionen lassen sich schwer herbeiführen.

Alfa Romeo Giulietta mit voluminös klingender Bose-Anlage

Dem grundsätzlich sicheren Fahrverhalten des Alfa Romeo Giulietta im Test können auch größere Verwerfungen im Asphalt nichts anhaben. Trotz der unmissverständlichen Straffheit erdreistet sich der Viertürer nicht, zu versetzen. Selbst ordentlicher Komfort findet sich noch in den Federn und Dämpfern, der einzig bei dicht aufeinanderfolgenden kurzen Bodenwellen verloren geht. Alles andere wird verbindlich wippend weggefedert, wobei die Karosserie einen steifen Eindruck hinterlässt. Offenbar zahlen sich die Investitionen in die neue Kompaktwagen-Architektur aus.

Bei der Geräuschdämmung wurde dagegen geknausert, da nicht nur das Triebwerk über den gesamten Drehzahlbereich präsent bleibt, sondern von dominanten Windgeräuschen aus dem Bereich der A-Säule Unterstützung bekommt.

Dagegen hilft nur eines: mit der voluminös klingenden Bose-Anlage dagegenhalten. Um die Lautstärke zu justieren, muss der Fahrer des Alfa Romeo Giulietta noch nicht einmal das herrlich griffige, mit Leder und Alcantara bezogene Sportlenkrad loslassen. Er hat weiter die vier Rundinstrumente im Blick und kann überlegen, wie er die dort abzulesenden Vokabeln "Giri" und "Aqua" beim nächsten Restaurant-Besuch effektvoll anbringt.

Bequeme Sitze und ordentliches Platzangebot

Obwohl das Lenkrad des Alfa Romeo Giulietta weit genug in Länge und Höhe verstellbar ist, wird es nicht für jeden leicht, dahinter eine passende Position zu finden - dazu fehlt es vor allem an Oberschenkelauflage.

Zudem hält Alfa Romeo Seitenhalt wohl für entbehrlich, was angesichts der möglichen Querdynamik der Giulietta einem Konstruktionsfehler gleichkommt. Die bequeme, angenehme straffe Polsterung der Sitze stellt immerhin einen guten Anfang dar, ebenso wie das ordentliche Platzangebot. Davon bleibt auf der Rückbank allerdings nicht mehr viel übrig, hier können sich große Passagiere mit Hilfe des Dachhimmels den Kopf kraulen lassen. Überhaupt dorthin zu gelangen, gestaltet sich ebenfalls schwierig, doch das gelingt bei einigen Konkurrenten auch nicht einfacher.

Bedienung des Alfa Romeo Giulietta ist deutlich misslungen

Nahezu jeder Wettbewerber lässt sich dafür einfacher bedienen als der Alfa Romeo Giulietta. Schon die Grundfunktionen des Radios müssen über fummelige Tasten in der Mittelkonsole in diversen Programm-Untermenüs aufgespürt werden, ganz zu schweigen von den Navigationseinstellungen. Ein Mobiltelefon mit der Freisprecheinrichtung zu koppeln gelingt nur nach intensivem Studium der Betriebsanleitung, verzweifeltem Drücken von Knöpfen am Lenkrad und unerschrockenem Eingeben von geratenen Sprachbefehlen - auch eine Art von Entertainment. Doch das Schöne an der Alfa Romeo Giulietta ist: Um diesen Fauxpas zu entschuldigen, finden sich weit mehr Gründe als das flotte Design - endlich.

4 5 1
Kommentare
Bild vergrößern
Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 13 / 2010

Aus dem Alfa Romeo Milano wurde Alfa Romeo Giulietta - was halten Sie von dem neuen Namen?
Anzeige
Thema
100 Jahre Alfa Romeo: Weitere Artikel zu diesem Thema
Alfa Romeo Giulietta SW: Kompakter kommt 2013 als Kombi

Alfa Romeo will von seinem eleganten Modell Giulietta im Jahr 2013 eine Kombi-Version auf den Markt bringen.

Alfa Romeo Giulietta Sportwagon
Sondermodell Giulietta: Exklusiver Alfa für Maserati-Kunden

Maserati-Werkstattkunden erhalten einen Alfa Romeo Giulietta als Ersatz. Die Sonderserie von 100 Modellen ist den Kunden vorbehalten

Alfa Romeo Giulietta for Maserati, Heck
Top Artikel
Alfa Romeo Giulietta: Julias kleine Schwester ist zurück

Alfa Romeo Giulietta klingt nach Sexappeal. Und das neue Kompaktmodell lockt nicht nur Romeos mit Tradition, sondern glänzt aus technischer Sicht auch mit Moderne.

Alfa Romeo Giulietta
Alfa Romeo: Leckerlis unter der Alfa-Haube

Transaxle, Commonrail, MultiAir: Alfa Romeo war schon immer ein Innovationsträger. Die sportliche Marke brachte viele technische Leckerbissen in die Großserie.

Alfa-Innovation
Newsletter
Neuwagen suchen

Neuwagen zu Internet-Preisen

Konfigurieren Sie jetzt Ihr Wunschfahrzeug zu besonders günstigen Konditionen!

Aktuelle Ausgabe
auto motor und sport - Heft 5/2012
Ab jetzt im Handel auto motor und sport - Heft 05/2012
Sportauto
Tuner 0-300-0 km/h 2011: Tuning-Elite beim High-Speed-Test

Acht getunte Sportmodelle mit 5.481 PS nahmen beim Beschleunigungs- und Bremsentest 0-300-0 km/h teil.

Tuning-Elite beim High-Speed-Test
Motor Klassik
Opel Diplomat B V8: Groß-Projekt - Aufbau statt Schrottplatz

Ein schleudernder Mercedes verwandelt Steffen Exners Opel Diplomat in einen Totalschaden. Doch Exner baut ihn wieder auf.

Groß-Projekt - Aufbau statt Schrottplatz
4WheelFun
Kälte-Chaos für Dieselfahrer: Was tun, wenn der Diesel streikt?

Eiseskälte in Deutschland, und immer mehr Diesel-Fahrzeuge bleiben liegen. Woher kommt das und was lässt sich dagegen tun?

Was tun, wenn der Diesel streikt?
Alle Autos von A-Z
  • Loading...
  • Loading...