Alfa Romeo GT 3.2 im Test: Sinnlich-feuriges Italo-Coupé

Mit Bertone-Design und einem heißblütigen V6 knüpft der Alfa Romeo GT 3.2 an die Tradition der sinnlich-feurigen Italo-Coupés an.

Coupés und Alfa Romeo – das ist ein Dream-Team wie Dolce & Gabbana oder Don Camillo und Peppone. In den heißblütigen Zweitürern wie dem 1900 SS oder Giulietta Sprint schlug das Herz der Marke stets besonders wild, das der Fahrer und Betrachter auch. Aber weil heute schon die Limousinen und Kombis von Alfa wie Coupés aussehen, blieb lange unbemerkt, dass neben dem GTV ein klassischer Gran Turismo mit echten Rücksitzen im Programm fehlte. Diesen Faden nimmt nun der GT mit einer Selbstverständlichkeit wieder auf, als ob es nie eine Identitätskrise der Mailänder Firma gegeben hätte.

Unter Mithilfe von Altmeister Bertone entstand ein eigenwilliges Coupé, das traditionelle Stilelemente aufgreift, ohne in Retro-Nostalgie zu verfallen. Mit seiner hohen Gürtellinie, der breiten C Säule und dem schlichten, bulligen Heck steht der Zweitürer ausgesprochen kraftvoll da, das Wechselspiel aus sanft modellierten Flächen und scharfen Kanten verleiht dem Design eine muskulöse Spannung. Der Innenraum führt die Verdichtung optischer Reize überzeugend weiter. Weiße Zifferblätter, Alublenden und in tiefen Höhlen sitzende Rundinstrumente zeigen den typischen Alfa-Stil, garniert vom griffigen Dreispeichen-Lenkrad und wunderbar bequemen Sportsitzen vorn. Über die üppige Grundausstattung der Vierzylinder-Modelle hinaus schmückt sich der GT 3.2 V6 serienmäßig mit dem Distinctive-Paket (Leder, Bose-Soundsystem), dessen luxuriöser Charakter durch eine handvernähte Vollleder- Auskleidung noch gesteigert werden kann.

Für Coupé-Maßstäbe sind sogar die Platzverhältnisse großzügig, von beklemmender Enge keine Spur. Bodengruppe und Radstand des 156 erlauben trotz des flacheren Dachs zumindest in der ersten Reihe ein luftiges Raumgefühl, während die Hinterbänkler naturgemäß mit beengtem Einstieg sowie weniger Bein- und Kopffreiheit leben müssen. Kofferraum (320 Liter) und Zuladung (485 Kilogramm) bieten hingegen genügend Reserven, zumal das Heckabteil dank großer Klappe und geteilt umlegbarer Rückbank samt Skiluke gut zu nutzen ist. Wenig Freude machen indes die hohe Ladekante, die mäßige Übersichtlichkeit sowie diverse Mängel der Karosserie.

Die Verarbeitung wirkt stellenweise nachlässig, das Handschuhfach schließt schlecht, der Schalter für die Sitzheizung versteckt sich weit hinten an der Konsole, und die kleinen Instrumente mit 30-km/h-Sprüngen im Tacho erschweren eine schnelle Orientierung. Dazu liefert ein Knistern und Knarzen die akustische Kulisse, das erst bei höheren Geschwindigkeiten von kräftigen Windund Abrollgeräuschen überlagert wird. Doch für wahre Alfisti steckt darin nur die Botschaft: Dieses Auto atmet und lebt und spricht fließend italienisch. Die Tonlage bestimmt sein faszinierender V6-Zylinder, der klingt, wo andere nur ein Motorengeräusch haben, und mit einer Vielstimmigkeit aufwartet, die sonst nur ein komplettes Orchester zustande bringt. Er säuselt und schnurrt, er geifert und knurrt und geht unter die Haut, dass es nur so eine Wonne ist. In seiner langen Laufbahn hat das Triebwerk zwar wenig an Laufkultur gewonnen, aber nichts von seinem Reiz verloren. Obwohl die letzte Ausbaustufe mit 3,2 Liter Hubraum in den GTA-Modellen 250 PS leistet, muss sich die Topversion des GT mit zehn PS weniger bei gleicher Drehzahl (6200/min) begnügen. Drehmoment und kurze Gesamtübersetzung blieben ebenfalls unverändert, so dass sich in Verbindung mit dem schlechteren cW-Wert eine geringere Höchstgeschwindigkeit als beim 156 GTA einstellt.

Dennoch: Die Fahrleistungen sind überragend und enorm leichtfüßig zu realisieren, weil der Vierventiler sehr spontan am Gas hängt, spielerisch bis 7200 Touren dreht und selbst oberhalb von 200 km/h noch mit Vehemenz zulegt. Die gleichmäßig bis zum Gipfel (300 Nm bei 4800/min) ansteigende Drehmomentkurve erlaubt aber ebenso niedertouriges, ruckelfreies Fahren, wobei man getrost mal einen Gang überspringen kann.

Allerdings macht das eng gestufte, leicht und exakt schaltbare Sechsganggetriebe mit seinen perfekten Übergängen viel zu viel Spaß, um es einfach rechts liegen zu lassen. Die Quittung dafür gibt es spätestens an der Tankstelle: Im Testmittel schlürfte der Einspritzer 14,4 Liter Superbenzin pro 100 Kilometer aus dem 63-Liter-Tank. Auch das serienmäßige Sportfahrwerk des GT 3.2 mit extrabreiten 17-Zoll-Alurädern fordert seinen Tribut. Ohne Rücksicht auf Komfort wurde eine derart straffe Abstimmung gewählt, dass Querfugen und Schlaglöcher den Insassen durch Mark und Bein gehen. Selbst auf relativ ebenen Pisten stößt und vibriert es, was man nicht nur am zitternden Lichtstrahl der Scheinwerfer sieht, sondern bis in den Magen spürt. Dafür entschädigen Federung und Dämpfung des GT auf kurvigen Landstraßen mit wahrhaft sportlichen Talenten.

Vor allem die exakte, direkte Lenkung trägt zum dynamisch-agilen Handling bei, der Fronttriebler nimmt Radien mit Verve und zeigt dank ESP auch bei Lastwechseln keine Tücke. Störend wirken allerdings der große Wendekreis sowie die kräftige Neigung zum Untersteuern. Beim starken Beschleunigen sind die Vorderräder trotz serienmäßiger Schlupfregelung spürbar überfordert, die Leistung auf die Straße zu bringen. Dann zerrt es nur so am Lenkrad, und selbst beim Bremsen ist ein fester Griff gefordert, weil die Spurtreue von Unebenheiten und unterschiedlichen Reibwerten beeinträchtigt wird. Kein perfektes Auto also, eher schon der Traum von einem Alfa. Denn er lässt einen davon träumen, welches Dream-Team das attraktive Design und der tolle Motor mit einem ebensolchen Fahrwerk abgäbe.

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Bernd Stegemann

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