Alfa Romeo Spider 2.2 JTS 16V im Test: Cabrio für Autofahrer-Träume

Ein offener Sportwagen, rot und zweisitzig - das ist der Stoff, aus dem Autofahrer-Träume gemacht sind. Was bringt der Alfa Romeo Spider im wirklichen Leben?

Der Limes als Wall zwischen romanischer Kultur und germanischem Barbarentum steht nur noch in den Geschichtsbüchern. Aber die Gegensätze sind geblieben. Zu den Errungenschaften des Nordens gehören Sauerkraut, Inge Meysel und der VW Käfer. Den Süden schmücken in würziger Luft gereifte Schweinepos, Sophia Loren und der Alfa Spider. Der gilt, seit mehr als einem halben Jahrhundert, als Inbegriff der leichten italienischen Art.

Wer je eines lauen Sommerabends im Spider durch die Kurven turnte, links den Lago und rechts die schönste Beifahrerin von allen, der ist diesem Romeo unter den Alfa verfallen. Obwohl er es den Fans im Laufe seines Lebens nicht leicht gemacht hat. Der Biss der Vergasermotoren: dahin. Die Linie geopfert dem Gummi-Spoiler. Und schließlich als gnadenloser Knockout der Moderne: Quermotor und Frontantrieb. Was hilft’s? Mit dem Antriebskonzept müssen wir leben, auch beim jüngsten Spider. Und uns stattdessen darüber freuen, dass ihn wieder Pininfarina eingekleidet hat. Der Altmeister des Designs schafft Formen, die so appetitlich sind wie ein Teller erlesener Antipasti.

Aber Wunder kann auch Pininfarina nicht vollbringen

Das liegt an der vorgegebenen Basis. Ein Spider, so wie man ihn sich immer vorgestellt hat, nämlich flach und niedrig, ist der Neue nicht. Seine Figur, vor allem der Hintern, zeigt Ansätze zum Pummelchen. Wer Platz nimmt, stellt fest: Einstieg und Sitzposition sind wie bei einer Limousine. Zu allem Überfluss befindet man sich auf Augenhöhe mit dem Golf-Fahrer in der nächsten Spur. Damit hat er schon einen empfindlichen Knacks, der Traum vom Sportwagen, in dem die Fersen der Schuhe blankgescheuert und das Gesicht rußig ist. Weil man flach im Wagen kauert und beim Überholen in die Auspuffschlünde der Laster guckt. Der Spider ist jetzt mehr Lifestyle-Cabrio als sportlicher Sprinter. Er hat alles, was der moderne Mensch so braucht, auf Wunsch auch elektrische Sitzverstellung und Navi-System. Dieses plagt den Fahrer mit antiquierter Technik ebenso wie die überfrachteten Lenkstockschalter. Ansonsten: alles bene. Die Zusatzinstrumente auf der Mittelkonsole sind zum Fahrer hin geneigt und wecken damit nostalgische Gefühle. Auch ein Ölthermometer ist dabei. Das hat man selten heute, aber echte Alfisti wissen, dass die sieben Liter Öl klassischer Alfa-Motoren behutsam erwärmt werden wollten. Heute harren nur 5,4 Liter in der Wanne. Aber ein Gentleman, der seiner Liebsten den Kaffee ans Bett bringt, lässt auch den Motor erst ab 80 Grad jubeln. Der moderne Alfa-Vierzylinder hat außer den beiden oben liegenden Nockenwellen nichts mit seinem Opa gemeinsam, aber er zeigt verwandtschaftliches Verhalten. Kultiviert und vibrationsarm wie eine Nähmaschine stürmt er die 7000/min-Marke. Untenrum passt er sich so geschmeidig der Belastung an, dass man im Vierten durch Tempo-30-Zonen schnüren kann. Zwischen 3000 und 4000/min kommt der Alfa-Sound am besten zur Geltung – beziehungsweise das, was ein besorgter Gesetzgeber davon übriggelassen hat.

Der 2,2-Liter macht Laune, auch wenn die Fahrleistungen einen angesichts des heute weit verbreiteten Niveaus nicht vom Hocker reißen. Aber es macht Spaß, die knackigen sechs Gänge zu sortieren und den Motor bei Drehzahl zu halten, immer ein Auge auf der Nadel des Drehzahlmessers. Der Spaß wird natürlich größer, wenn das Verdeck unten ist. Der latente Wunsch nach mehr Dampf schmilzt in der Sonne dahin, und die Frischluftbehandlung im Cockpit zeugt davon, dass im Kern doch noch ein paar Gene der alten Spider stecken. Aber der Frontantrieb! Der Autor sieht sie vor sich, die Alt-Alfisti, die dicke Tränen in Starrachs-Form weinen. Alles Blödsinn. Denn erstens schrubbten die frühen Alfa nach dem Motto „Untersteuern endlich sichtbar gemacht“ die Kanten von ihren Pirelli Cinturato, und zweitens untersteuert der neue Spider praktisch nicht. Selbst auf der Rennpiste in Hockenheim halten sich frontantriebstypische Charaktereigenschaften in Grenzen. Und auf der Landstraße fährt sich der Spider so neutral und präzise, wie man sich das nur wünschen kann: spurtreu und zu hoher Querbeschleunigung fähig, nur auf nasser Straße durch das Lenkrad verkündend, dass die Pferde vorne ziehen. Man muss nicht mit Fronttrieblern aufgewachsen sein, um Spaß zu haben am Alfa Spider. Da verzeiht man ihm denn auch, dass seine Federung speziell bei langsamer Fahrt nur höchst ungern anspricht. Dass immer wieder deftige Stöße durchkommen – wie um zu zeigen, dass hier der steifste und ruhigste Spider-Aufbau aller Zeiten gelungen ist. Was den Federungskomfort angeht, sollten Alfa-Fahrer duldsam sein. Auch Großzügigkeit kann nicht schaden. Der Motor zieht sich im Durchschnitt 13,9 Liter rein, was viel zu viel ist. Den gleichen Verbrauch erzielte vor über 30 Jahren sein Urahn im auto motor und sport-Test.

Seitdem ist der Spider solider und natürlich viel sicherer geworden. Aber auch 600 Kilogramm schwerer. Diese Richtung der Automobilentwicklung könnte einen auf die Idee bringen, dass sich Alfas Wappen- Schlange in den eigenen Schwanz gebissen hat.

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Götz Leyrer

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