Bentley Arnage T: Ein Sprinter-Märchen

Luxus und Leistung, beides im Überfluss vorhanden, sind die Kennzeichen des facegelifteten Bentley Arnage T. Ein 270.000 Euro teures Trumm zum Träumen - stilistisch noch im Stil der guten alten Bentley-Zeit.

Kann man einen Bentley überhaupt testen? Erliegt man nicht dem verführerischen Mix aus Legenden, Luxus und unermesslicher Kraft? Bringen einen nicht das geschliffene Aluminium, das Holz in Piano Black, die sportlichen rautengesteppten Ledersitze mit dem beflügeltem B und das Wissen um stramme 456 Turbo-PS aus 6,75 Liter Hubraum um jeden sachlichen Verstand?

Da regulieren sanft gleitende Zugstangen die Luftmenge der vier Belüftungsschlünde im Armaturenbrett, in denen sich schwere, perforierte Metallkugeln drehen lassen, mit denen man auch ein Boule-Turnier austragen könnte. Oder die vier kühlen, glatt geformten, metallenen Fensterheber-Schalter in der Mittelkonsole. Sie anzufassen führt zu ähnlich angenehmen Gefühlen, mit denen der blinde Soulsänger Ray Charles die Schönheit junger Mädchen ertastete - an deren Handgelenken, wo bitte sonst?

Schön ist auch, dass die Tachometerskala nur bis 280 und nicht etwa protzige 320 reicht. Das Erzielen der Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h erfolgt somit frustrationsfrei. Ach ja, fahren, das kann der Bentley Arnage T auch, vermutlich sogar recht ambitioniert. Dies signalisieren der Matrixgrill aus poliertem Edelstahl und zweiteilige Alufelgen mit Titanbolzen, dazu Pirelli P Zero-Reifen im Format 255/45 ZR 19. Auch die im Sommer für alle Arnage- Modelle neu eingeführte Fahrzeugfront im Stil des Continental GT Coupé wirkt entschlossener und weniger blasiert als beim Vorgänger.

Vier Gänge reichen

Ein Druck auf den Starterknopf links neben dem Automatik-Wählhebel erweckt den V8 zum Leben. Leises, geduldiges Grummeln ertönt aus dem Motorraum, während der Fahrer versucht, den Wählhebel aus der P-Position zu befreien. Die massive Schaltkeule gleicht einem Putenschlegel und lässt sich nach längerem Probieren mit einem "Klack“ nach oben heben und mühelos durch die Schaltkulisse führen. Ungläubiges Staunen: Das gibt’s doch nicht, ein Automobil mit einem Topspeed von 270 km/h und einer Vierstufen-Automatik? Das maximale Drehmoment von 875 Newtonmeter bei 3.250/min und ein Benzinmotor, der seine Höchstleistung bereits bei bescheidenen 4.100/min erzielt, machen es möglich.

Der Biturbo-V8 folgt den Befehlen des Fahrers wie einZirkuslöwe der vorgehaltenen Peitsche seines Dompteurs. Das Bentley-Getriebe bietet trotz elektronischer Steuerung nur beim Beschleunigen einen spürbaren Kraftschluss mit dem V8. Auch die Lenkung wirkt etwas indifferent-amerikanisch.

Erstaunlich dynamisch

Nach den ersten Fahrkilometern, beginnt man auch die zunächst etwas schrullig anmutende Sitzposition hinter dem Lenkrad zu schätzen. Sie ist integraler Bestandteil des unverwechselbaren Bentley-Feelings. Die beiden Vordersitze fallen vergleichsweise niedrig aus, obwohl die Sitzfläche höher liegt als in einer normalen Limousine. So genießt der Bentley-Fahrer einerseits eine gute Aussicht auf Motorhaube und Verkehr, andererseits bleibt die sportlich- klassische Sitzposition - niedrige Windschutzscheibe, Lenkrad dicht vor den Instrumenten, lang gestreckte Beine - erhalten.

Die Fondpassagiere dürfen ihre Beine in zwei geräumige Aushöhlungen des Wagenbodens stellen. Die beiden elektrisch verstellbaren, ebenfalls rautengesteppten Einzelsitze bieten daher feudale Platzverhältnisse.

Auf verwinkelten Landstraßen zeigt der Arnage mit Hinblick auf das stattliche Wagenformat kaum Schwächen. Er lenkt mit leichtem Untersteuern zügig ein und verblüfft durch seine relativ geringe Seitenneigung und das Fehlen jeglicher Wankbewegungen. Auf der Autobahn kann der Arnage-Fahrer den Pitbull Terrier rauslassen. Vom Stand ersprintet der Arnage T die 100-km/h-Marke in nur 5,5 Sekunden, 200 km/h sind nach nur 20,7 Sekunden erreicht.

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Franz-Peter Hudek

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