BMW X6 x-Drive im Test: 50i ist quer auf Draht

Er fasziniert und polarisiert. Der neue BMW X6 grätscht mit einem Allmachtsheck zwischen SUV und Coupé. Nebenbei soll er sich noch fahren wie ein Sportwagen - modernster Elektronik sei Dank.

Sie wollen partout auffallen, mögen spontane Gespräche an Tankstellen, Parkhäusern, Zebrastreifen und fühlen sich gern beobachtet? Dann kaufen Sie sich einen X6. Und machen Sie sich auf die Was-ist-das-denn-Frage gefasst. Einen automobilen Dinosaurier wie den X6 erklärt man nicht schnell mit ein, zwei Worten. Geländewagen, Coupé oder Riesen-Limousine? Selbst die Jungs der auto motor und sport-Datenbank suchten verzweifelt nach dem passenden Genre. Aber eines ist er bestimmt: ein gewaltiges Statusmobil, das sich mit seinem offenherzig-bulligen Auftreten keinen feuchten Öllappen um den ökologischen Zeitgeist schert.

X6-Revier sind gepflegte Straßen

Doch das tut sein Stammvater X5 streng genommen auch nicht. Mit ihm teilt der X6 Radstand, Fahrwerk, große Teile des Interieurs und drei von vier Motoren. Unter schwerem Gelände versteht der künftige X6-Fahrer hohe Bordsteine, die Bergabfahrhilfe muss wohl maximal an Hotelrampen ran, denn das X6-Revier sind gepflegte Straßen. Und die will er beherrschen. Breit wie ein Race-Truck steht die bayerische Machtansage auf der Straße. Eine, die spurten kann. Kurz und schmutzig sprotzelt der neue, 407 PS starke 4,4-Liter-Twinturbo beim Anlassen, dann wirft er die 2,4 Tonnen mühelos nach vorne wie eine Boulekugel. Begleitet von einem V8-Rockkonzert der Weltstarklasse.

Ein tief-breiter Klang-Flokati schwappt über den Asphalt und vermischt erdiges Smallblock-Röhren mit dem herb-metallischen Ton moderner Motorentechnik. Laderpfeifen Fehlanzeige. Mit 5,6 Sekunden von null auf 100 km/h verfehlt er seine Werksangabe um zwei Zehntel. Keine Schande: Ein nur zwei PS schwächerer Porsche Cayenne GTS braucht noch sieben Zehntel länger. Dabei lässt sich der erstmals bei einem BMW-Achtzylinder eingesetzte, mitten im V sitzende Doppellader nicht mal durch ein Turboloch entlarven. Fast ansatzlos hängt der geschmeidig drehende Direkteinspritzer am Gas und spendet zwischen 1.750 und 4.500/min die Kraftwonnen seiner 600 Nm. Im Untergrund wirbelt die serienmäßige ZF-Sechsgang-Wandlerautomatik unmerklich und schnell mit den Übersetzungen. Die Alu-Paddel am Lenkrad muss da keiner drücken.

Noch vor einiger Zeit hätten wir das einen großartigen Antrieb genannt, doch der Testverbrauch von 18,5 Liter pro 100 km stigmatisiert ihn. Selbst Fahrten hart an der Schleicher-Grenze drücken den Konsum kaum unter zwölf Liter. Riesige Stirnfläche (2,82 m²) und Gewicht hin oder her: Wer so etwas mit Efficient Dynamics tituliert, nennt Olli Kahn introvertiert. In diesem Fall taugen Bremsenergie-Rückgewinnung, abgekoppelter Klimakompressor und rollwiderstandsreduzierte Reifen höchstens als Marketing-Feigenblatt.

Deftige Aufpreisliste

Was gegen diese Sprit-Orgie wirklich hilft, ist der Umstieg auf einen der bekannt sparsamen Dreiliter-Turbodiesel. In diesem Test bleiben wir aber sitzen im ultragemütlichen Interieur des X6 50i und atmen den Duft frischen Armaturenbrett-Leders. Gefällt Ihnen auch? Macht 2.010 Euro Aufpreis. Wir genießen das vom X5 bekannte stilvolle Interieur und die blitzsaubere Verarbeitung. Auch die Komfortsitze sind ein perfekt anpassbarer, rückenstreichelnder Traum für schlappe 2.260 Euro. Nur Hinterbänkler über 1,90 Meter schauen betrübt aus ihren beiden seitlichen Schießscharten. Trotz Ausbuchtung im Dachhimmel und wohlgeformten Einzelsitzen drückt der coupéhafte Abgang auf die Haarpracht. Verzweifelt versucht auch der Fahrer, den Überblick durch den schmalen Heck-Sehschlitz zu bekommen. Ohne die dreisterweise aufpreispflichtige Rückfahrkamera ein hoffnungsloses Unterfangen.

Auf Kriegsfuß mit den Parkhäusern

Mit europäischen Parkhäusern steht der im amerikanischen Spartanburg gebaute X6 sowieso auf Kriegsfuß. Mit zwei Zentimeter mehr Länge und fünf Zentimeter mehr Breite als beim konventionelle SUV-Bruder fühlt sich der Fahrer beim Einparken, als würde er einen Big Mäc durch einen Türschlitz quetschen. Und die viel zu hohe Ladekante dürfte in Zukunft so manchen Chiropraktiker beschäftigen. Kurz: Das extrovertierte Schanzen-Heck fordert gnadenlos seinen Tribut. Drum lassen wir es fliegen. Das kann der - typisch BMW - fast paritätisch gewichtsbalancierte X6 auf losem Untergrund mit eingeschaltetem Sport-ESP (DTC) hervorragend. Es mag zwar paradox sein, dass BMW einem Elefanten das Steppen beibringt, aber was der Allrad-Brocken querdynamisch leistet, ist grandios - moderner Technik sei Dank.

Mit aller Macht seiner adaptiven Stabilisatoren und Dämpfer (Adaptive Drive 3.290 Euro) stemmt er sich gegen Wanken, lenkt spontan, aber etwas synthetisch ein (Aktivlenkung 1.300 Euro) und drückt sich mit seiner Dynamic Performance Control (Serie) wie ein Carving-Skifahrer aus der Kurve heraus. Dafür verschiebt der X6 die Kraft (Basis 40:60) nicht nur längs variabel, sondern hält auch mit einem gezielten Kraftüberschuss auf eines der Hinterräder das Riesenbaby auf Kurs. Zwei Lamellenkupplungen und Planetenradgetriebe übernehmen an der Hinterachse den Kraftakt sowohl in Zug- und - das ist das Besondere - auch in Schubrichtung. Koordiniert wird der gigantische Regelaufwand im 2,5-Millisekunden-Takt über das derzeit schnellste Auto-Netzwerk Flexray.

Riesenbaby auf Kurs

Wie wär’s BMW, wenn ihr den gleichen Aufwand mal in ein kleines, leichtes Auto steckt? Wunder vermag der High-Tech-Einsatz freilich nicht zu vollbringen. Wer den Lifestyle-Bomber kurveneingangs vergewaltigt, wird von seinem Ich-bin-zwei-Mini-Cooper-Gewicht herzlos zur Kurvenaußenseite gedrückt. Dann braucht er Platz, viel Platz. Auf die Bremsen kann sich der Pilot hingegen verlassen. Wenn es brenzlig wird, verzögert der X6, als sei er schlank und rank (unter 40 Meter aus 100 km/h). So schließt er zum Porsche Cayenne, dem bisherigen SUV-Handling-König, locker auf. Mit einem entscheidenden Unterschied: Erkauft sich das Zuffenhausener Schlachtschiff seine Agilität mit beißender Härte, so dämpft sich der BMW lässig über böse Verwerfungen.

Auch wenn die Auto-Fans schon leidenschaftliche Lieb-ihn-oder-hass-ihn-Diskussionen führen: Objektiv verbindet kein Auto derzeit so gekonnt eine erhaben hohe Sitzposition, anmachendes Kurvengefühl und Langstreckenkomfort. So sieht Fünf-Sterne-Fahrgefühl aus. Einen ziehen wir ab - wegen des hohen Verbrauchs. Der Autor erholt sich jetzt von Tagen ausgiebiger Tankstellengespräche. Ausnahmlos begeisterter übrigens -soviel auch zum Zeitgeist.

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