Von vorne könnte er auch ein Lancia sein, der die Scheinwerfer eines Ford Scorpio trägt. Seitlich trifft Lincoln Towncar auf Hyundai Sonata. Und von hinten erinnert er am ehesten an einen Toyota Camry der vorletzten Generation. „Was bin ich?“, könnte er fragen, weil es noch keinen gibt, der ihn kennen kann. Er könnte auch ein großer Koreaner sein. Ein Auto, wie es sich Käufer unter 60 wünschen, ist er nicht unbedingt. Aber ausgerechnet ein Ultrakonservativer wie er schreibt Geschichte: Der Brilliance BS 6 ist das erste chinesische Automobil, das offiziell in Deutschland vertrieben wird. Bald jedenfalls. Denn vorerst gibt es nur eine Vertriebsfirma mit Sitz in Luxemburg und großem Areal in Bremerhaven, aber noch keinen einzigen Händler.
Das soll sich schleunigst ändern: Die ersten 3000 Limousinen sollen noch in diesem Jahr nach Europa kommen. Einen Werbeslogan halten die BS 6- Importeure schon bereit: „Expect more“. Am meisten erwarten sie allerdings selbst, indem sie ernsthaft von einer Oberklasse-Limousine sprechen. Eine, die es schon ab 19 000 Euro geben soll, ohne Aufpreis für Klimaanlage, CDRadio, Metallic-Lack und Einparkhilfe. Das ist ein interessanter Preis, jedoch keiner, der Rabatt-Maniacs den Atem raubt: Es gibt dafür auch einen netteren VW Golf oder einen Skoda Octavia. Aber, zugegeben, keine andere Fastfünf- Meter-Limousine.
Die Tiefe des Raums gehört zu den stärksten Argumenten des großen Chinesen. Speziell hinten reist es sich so bequem wie in der Oberklasse, und der Kofferraum reicht mit 550 Liter Ladevolumen fast in S-Klasse-Dimensionen. Dazu gehört, dass er sich nicht erweitern lässt. Klappbare Rücksitzlehne, Durchlade? Fehlanzeige. Viel Platz bietet der BS 6 auch vorne, nur hilft das dem Fahrer nicht, weil er vergeblich nach einer entspannten Arbeitshaltung sucht. Das Lenkrad ist in der Höhe verstellbar, steht aber selbst in der höchsten Stellung noch zu tief. Dafür sitzt der Fahrer zu hoch, es fehlt an Seitenhalt und ergonomischem Schliff: Die Lenksäulen- Hebel lassen sich nur mit ausgestreckten Fingern erreichen.
Wo aber bleibt, Erich Kästner möge verzeihen, das Positive? Hier ist es: Der BS 6 lässt sich prinzipiell so einfach bedienen wie ein Münzfernsprecher – große Tasten, übersichtliche Anzeigen, nachts tiefblau beleuchtet wie früher bei VW. Es gibt sogar silikongedämpfte Haltegriffe, und die Türöffner bestehen aus Metall, nicht aus glänzendem Kunststoff. Das war es aber schon, das Positive, weil der Brilliance in vielen anderen Punkten enttäuscht. Dass der chinesische Revoluzzer in seinem Innenraum nach Chemieunfall riecht, mag ein vorübergehendes Problem sein.




