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Brilliance BS6 Test

Echte konkurrenzfähige Oberklasselimousine?

Foto: 15 Bilder

Bescheidenheit? Nicht bei Brilliance. Als erste Marke wagen sich die Chinesen auf den deutschen Markt - und versprechen mit dem BS6 nicht nur einen Preiskracher, sondern auch eine echte Oberklasselimousine. Wie konkurrenzfähig sie ist, zeigt der erste Test.

05.01.2007 Christian Steiger

Von vorne könnte er auch ein Lancia sein, der die Scheinwerfer eines Ford Scorpio trägt. Seitlich trifft Lincoln Towncar auf Hyundai Sonata. Und von hinten erinnert er am ehesten an einen Toyota Camry der vorletzten Generation. „Was bin ich?“, könnte er fragen, weil es noch keinen gibt, der ihn kennen kann. Er könnte auch ein großer Koreaner sein. Ein Auto, wie es sich Käufer unter 60 wünschen, ist er nicht unbedingt. Aber ausgerechnet ein Ultrakonservativer wie er schreibt Geschichte: Der Brilliance BS6 ist das erste chinesische Automobil, das offiziell in Deutschland vertrieben wird. Bald jedenfalls. Denn vorerst gibt es nur eine Vertriebsfirma mit Sitz in Luxemburg und großem Areal in Bremerhaven, aber noch keinen einzigen Händler.

Das soll sich schleunigst ändern: Die ersten 3000 Limousinen sollen noch in diesem Jahr nach Europa kommen. Einen Werbeslogan halten die BS6-Importeure schon bereit: „Expect more“. Am meisten erwarten sie allerdings selbst, indem sie ernsthaft von einer Oberklasse-Limousine sprechen. Eine, die es schon ab 19 000 Euro geben soll, ohne Aufpreis für Klimaanlage, CDRadio, Metallic-Lack und Einparkhilfe. Das ist ein interessanter Preis, jedoch keiner, der Rabatt-Maniacs den Atem raubt: Es gibt dafür auch einen netteren VW Golf oder einen Skoda Octavia. Aber, zugegeben, keine andere Fastfünf- Meter-Limousine.

Die Tiefe des Raums gehört zu den stärksten Argumenten des großen Chinesen. Speziell hinten reist es sich so bequem wie in der Oberklasse, und der Kofferraum reicht mit 550 Liter Ladevolumen fast in S-Klasse-Dimensionen. Dazu gehört, dass er sich nicht erweitern lässt. Klappbare Rücksitzlehne, Durchlade? Fehlanzeige. Viel Platz bietet der BS6 auch vorne, nur hilft das dem Fahrer nicht, weil er vergeblich nach einer entspannten Arbeitshaltung sucht. Das Lenkrad ist in der Höhe verstellbar, steht aber selbst in der höchsten Stellung noch zu tief. Dafür sitzt der Fahrer zu hoch, es fehlt an Seitenhalt und ergonomischem Schliff: Die Lenksäulen- Hebel lassen sich nur mit ausgestreckten Fingern erreichen.

Wo aber bleibt, Erich Kästner möge verzeihen, das Positive? Hier ist es: Der BS6 lässt sich prinzipiell so einfach bedienen wie ein Münzfernsprecher – große Tasten, übersichtliche Anzeigen, nachts tiefblau beleuchtet wie früher bei VW. Es gibt sogar silikongedämpfte Haltegriffe, und die Türöffner bestehen aus Metall, nicht aus glänzendem Kunststoff. Das war es aber schon, das Positive, weil der Brilliance in vielen anderen Punkten enttäuscht. Dass der chinesische Revoluzzer in seinem Innenraum nach Chemieunfall riecht, mag ein vorübergehendes Problem sein.

Weniger Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft machen Klebstoffreste auf den Lederverkleidungen, eine Ballung luschig eingepasster Kunststoffteile sowie der Deckel eines Ablagefachs, der sich nur mit Gewalt öffnen lässt und dann einfach herunterfällt. Brilliance, so verkünden die Konzernchefs, baue jährlich 20 000 BMW Fünfer- und Siebener-Modelle für den chinesischen Markt. Deutsche Zulieferer haben die Fertigungsanlagen für den BS6 geliefert. Und trotzdem ist die Limousine noch ähnlich weit von europäischen Qualitätsstandards entfernt wie deutsche Asia-Imbisse von der traditionellen China-Küche.

Die hinteren Kopfstützen etwa fühlen sich weich wie Daunenkissen an. Die Klimaautomatik bläst entweder eiskalt oder zu warm. Zum Öffnen des Tankdeckels wäre wegen dessen Schwergängigkeit eine Zange recht. Und den Motor krönt eine Plastikabdeckung mit einem Öleinfüllstutzen, der sich nicht öffnen lässt. Er ist – unfassbar – eine Attrappe. Wer Schmierstoff einkippen will, muss die Verschalung abpulen. Manche der Schwächen macht der Brilliance BS6 beim Fahren wett. Dummerweise kommen dann aber neue dazu. So bremst er zwar nicht brillant, aber auch nicht schlecht: Aus 100 km/h steht der 1,4 Tonnen schwere Wagen auch mit warmer Bremse nach rund 42 Metern.

Am Ende der Verzögerungsversuche sind die hinteren Bremsscheiben des Testwagens jedoch nicht mehr warm: Sie glühen tiefrot, weil die Bremszangen nicht mehr ganz öffnen – ein Makel, der zum Ausfall führen kann. Hier muss der Hersteller ebenso nachbessern wie bei der Crashsicherheit (erste Resultate nach Euro-NCAP: zwei Sterne) sowie der schütteren Sicherheitsausstattung. Denn ESP gibt es selbst gegen Aufpreis nicht.

Es bleibt auch bei der Minimal- Ausrüstung mit zwei Airbags. So wenig Fürsorge war vorgestern. Immerhin, der Brilliance BS6 ist kein tückischer Typ. Auch in schnellen Kurven und bei plötzlichen Ausweichmanövern lässt er sich gut beherrschen und wischt nicht mit dem Heck weg. Seine Lenkung dürfte einen Tick präziser ansprechen, die Fünfgang-Schaltung etwas leichtgängiger durch die zu langen Gassen flutschen. Aber der BS6 läuft brav geradeaus, er federt auf furchiger Straße sehr ordentlich und kann seine Insassen in einer Disziplin richtig erstaunen: Das Schicksal seiner Untermotorisierung trägt er mit Tapferkeit.

Zwei Liter Hubraum, 122 PS und 170 Newtonmeter Drehmoment gegen 1445 Kilogramm Leergewicht, das klingt nach Askese und Autobahn- Frust. Tatsächlich hat der von Mitsubishi stammende Vierzylinder kräftig zu kämpfen, er zieht sich jedoch mit ordentlicher Laufkultur und erträglichem Sound aus der Affäre. Beim Verbrauch finden allerdings keine Wunder statt: Knapp über elf Liter Superbenzin sind es im Testdurchschnitt. Etwas mehr Kraft gibt es gegen Mehrpreis: Zum Start des BS6 ist auch noch eine 2,4-Liter-Variante mit 130 PS zu haben.

Für das kommende Jahr versprechen die Chinesen einen modernen Diesel und einen 1,8-Liter-Turbobenziner mit 170 PS. 2007 kommt auch der kleinere Brilliance BS4. Einen SUV haben sie in Shenyang in Arbeit. Und zudem einen Golf-Konkurrenten namens BS 2. Aber wie wäre es vorher mit einem fertig entwickelten BS6?

Fazit

Zu den wenigen positiven Eigenschaften des Brilliance BS6 zählt sein großzügiger Innenraum, seine gute Ausstattung, der günstige Preis und das komfortabel abgestimmte Fahrwerk. Negativ wird es in Sachen Sicherheitsausstattung, Bremsen und Qualität.

Technische Daten
Brilliance BS 6 2.0
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4880 x 1800 x 1450 mm
KofferraumvolumenVDA550 L
Hubraum / Motor1997 cm³ / 4-Zylinder
Leistung90 kW / 122 PS (173 Nm)
Höchstgeschwindigkeit190 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h13,8 s
Testverbrauch11,1 L/100 km
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