Es ist das größte Wagnis, das Ferrari unter der Leitung von Luca di Montezemolo eingeht. In den heiligen Hallen von Maranello entsteht derzeit ein gänzlich irdisches Auto: der Ferrari California mit Blech-Klappdach, V8-Frontmotor und GT Charakter. Ein Luxus-Cabrio nach Art des Mercedes SL. Ein Ferrari, der nicht in Supersportwagen-Sphären schwebt. Eine kleine, offene Version des Ferrari 612 Scaglietti. Ein Alltags-GT neben, nicht unterhalb von Ferrari F430 Berlinetta und Spider.
Ferrari California Cabrio ist kein Einsteigermodell
Angesichts des Basis-Preises von 176.200 Euro wird beim Ferrari California Cabrio wohl niemand von Einstiegsmodell reden (Ferrari F430: 169.600 Euro, Ferrari F430 Spider: 186.500 Euro). Für das viele Geld gibt es immerhin ein komplett ausgerüstetes Auto mit Bi-Xenon-Scheinwerfern, Bildschirm- Navigationssystem und Lederausstattung. Tempomat (790 Euro) und adaptive Stoßdämpfer (3.870 Euro) wären die empfehlenswerten Extras. Die wichtigsten Technik-Errungenschaften sind dagegen serienmäßig: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, Benzin-Direkteinspritzung, Mehrlenker- Hinterachse und eine bislang ungekannte Variabilität.
Zwei Rücksitze oder eine Gepäckablage im Ferrari California Cabrio
Der Kunde hat die Wahl zwischen zwei Rücksitzen oder, wie beim Testwagen, einer Gepäckablage - in beiden Fällen mit praktischer Durchreiche in den Kofferraum. 340 Liter Volumen schluckt der Ferrari California bei geschlossenem Dach, 100 Liter weniger, wenn es zusammengefaltet obenauf liegt. Selbst dann reicht der Platz für einen Reisekoffer - oder alternativ für das dreiteilige Lederkoffer-Set (4.700 Euro). Was Enzo Ferrari wohl dazu gesagt hätte, dass sein Neuer mit dem Kofferraum punktet? Der Rennwagen-Fanatiker hätte knurrend auf den Antrieb verwiesen, seine Leidenschaft. Doch selbst hier hat das Alltagsleben mitbestimmt.
Zwar stammt der 4,3-Liter- V8 aus dem wilden Mittelmotor- F430, sitzt aber auf Drehmoment optimiert hinter der Vorderachse und lässt sich das Superbenzin von einem Common- Rail-System direkt in die Brennkammern einspritzen. Die Trockensumpf- Schmierung des Ferrari F430 entfiel, das Ferrari California Cabrio soll schließlich kein Clubsport-Haudegen werden. Auf dem Weg zur Arbeit oder in den Urlaub nutzt man eher die 485 Nm Drehmoment bei 4.750/min als die 460 PS bei 7.750/min, zumal das Getrag-Getriebe im Automatikmodus konsequent den höchstmöglichen der sieben Gänge wählt.
California bietet Ferrari-typischen Schub erst bei hohen Drehzahlen
Es sitzt an der Hinterachse, beherrscht sanftes Anfahren und weiches Verschleifen à la VWs DSG ebenso wie blitzartiges Gängeknallen nach Art des hauseigenen F1-Getriebes. Tipp an Porsche: California fahren, PDK anpassen. Die Launch-Control, der rechnergesteuerte Rennstart, funktioniert hervorragend und dank kühlendem Ölbad auch weniger kupplungsmordend als beim F1-Getriebe. Aus dem Stand schnalzt das Ferrari California Cabrio in 4,1 Sekunden auf 100 km/h - so schnell wie der 200 Kilogramm leichtere Mittelmotor- Spider, aber nicht so ergreifend: Der Ferrari F430 lässt den Asphalt schmelzen, der California erwärmt ihn auf Körpertemperatur. Hier verbrennt sich keiner. Jenseits ausgefuchster Start-Strategien lassen sich 1.800 Kilogramm eben nicht kaschieren. Trotz Aluminium-Karosserie ist der Ferrari California eine Wucht- Brumme: zu groß, zu breit, zu gewaltig, um in CO2-bestimmten Zeiten ein Vorbild zu sein.
Für einen Kurzhuber mit nur 4,3 Liter Hubraum bietet das Triebwerk zwar enorme Elastizität; doch ferraritypischen Schub liefert es erst bei hohen Drehzahlen. Dann klettert der Benzinverbrauch auf bis zu 20 Liter pro 100 Kilometer (minimal 12,3). Um Interessenten bei einer Probefahrt nicht zu verschrecken, zeigt das Display keinen Durchschnittsverbrauch an. Gut, dass eine Fahrt im Ferrari California eher ins Versonnene als ins Extrem führt; das entlastet das Tank-Budget. Der Frontmotor-Ferrari teilt nicht das unerlöste Streben des Ferrari F430 nach der perfekten Kurve, fördert mit seiner weniger nervösen Lenkung, der weniger scharfen Gasannahme und dem weniger präsenten Sound die Gelassenheit. Außer beim Anlassen: Da brüllt der Motor kurz auf wie ein ärgerlicher Löwe. Ob eine feine Wohngegend diesen Weckruf dulden wird?
Ferrari California wankt beim Fahrdynamiktest
Auf dem Weg durch die Stadt registriert der Fahrer erfreut den tastenden Federungskomfort. Slalom um Kanaldeckel? Unnötig, die Federung von ZF Sachs schluckt sie ebenso wie Asphalt- Hügel. Nur auf anhaltend kurzen Autobahn-Bodenwellen fällt eine Stuckerneigung auf, wie sie noch vor dem Ferrari F430 typisch war, aber mit dessen serienmäßigen adaptiven Dämpfern eliminiert wurde. Im California kosten die Alleskönner Aufpreis, und anders als bei der Präsentation muss der Testwagen diesmal ohne sie auskommen, was er bei den Fahrdynamiktests durch unmutiges Wanken anprangert.
Nicht dass die gemessenen Zeiten schlecht wären; sie liegen fast auf Ferrari F430- Niveau, sind sogar einfacher zu realisieren, weil das Ferrari California Cabrio bis in den Drift zickenfrei bleibt. Lange kündigt das Heck sein Vorhaben an, setzt sich tief in die kurvenäußere Feder, entgleitet dann deutlich sanfter als bei den Mittelmotor-Modellen und lässt sich selbst ohne Rennfahrer-Reflexe wieder einfangen. Auch ein schnell bewegter Ferrari California kann einen Beifahrer bis zur Sprachlosigkeit beeindrucken.
Mehr Cabrio als Sportwagen
Dennoch vollzieht er einen Charakter- Wechsel: Seit dem Mondial Spider ist ein Ferrari erstmals wieder mehr Cabrio als Sportwagen. Also Dach auf: Eine Ampelphase reicht locker aus, um es vollautomatisch verstauen zu lassen; es dauert 15 Sekunden. Doch vorher warnt der serienmäßige hintere Parksensor piepsend - falls Objekte die Blech-Entfaltung stören könnten. Selbst ohne mitgeliefertes Windschott krümmt der offene California seinen Gästen kein Haar. Mehr Verwirbelungen als bei einem Sonnendach müssen korrekt sitzende Scheitel nicht befürchten; die hohe Schottwand zum Kofferraum wirkt sogar bei heruntergelassenen Seitenscheiben als effektive Sturmbremse. An anderer Stelle ist das ein handfester Nachteil - beim Einparken.
Mängel am Testwagen sind nicht unerheblich
Die Übersichtlichkeit ist schlecht, zumal Ferrari beim Testwagen die tief sitzenden Sportschalen (Option) montiert hat, die sich nur per Schraubenschlüssel in der Höhe verstellen lassen. Und es gibt weitere Kritikpunkte: Der Auspuff dröhnt zwischen 1.500 und 2.500/min, der linke Außenspiegel zittert, aus dem schlecht eingepassten Dach dringen Geräusche, das Lenkrad steht schief, der Fensterheber-Schalter springt beim Ziehen heraus, der Tankdeckel klemmt, und die serienmäßige Keramikbremse arbeitet zwar hervorragend, macht jedoch durch Schaben auf sich aufmerksam.
Qualitätsmängel verschlechtern die Beurteilung
So erhält der Ferrari California trotz seiner hohen Alltagstauglichkeit im ersten Test nur vier Sterne. Sollte das Werk den Kunden nicht besser montierte Autos liefern, steht bei den Ferrari-Händlern eine Reklamations-Flut an. Und Montezemolos größtes Wagnis würde in einem Image-Desaster enden.






