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Ferrari FF im Test

Vorne Sportwagen, hinten Familien-GT

Ferrari FF, Front, Slalom, Kühlergrill Foto: Hans-Dieter Seufert 31 Bilder

Unter der Fronthaube ein dicker Zwölfzylinder, das kennt man von Ferrari. Neu ist allerdings, dass auch die Vorderräder angetrieben werden. Und vor allem, dass im Fond des FF zwei Erwachsene Platz haben. Was kann der viersitziger Sportwagen?

09.08.2011 Marcus Peters

Ist das wirklich das Ungetüm, das sich vorhin so störrisch in ein Parkhaus eingefädelt hat? Die Yacht, in der wir den Hals gestreckt und den Kopf gereckt haben, um die majestätische Fronthaube zu erahnen und bloß nicht irgendwo anzuecken? Diese Fünf-mal-zwei-Meter schlenzen gerade im Riesenslalom durch die Hügel, fühlen sich dabei eher wie ein BMW M3 als ein 6er an, in dessen Größen-Liga der Ferrari FF spielt - und dabei deutlich breiter und schwerer ist.

So ausgedehnt ist der Ferrari FF, weil er vorne Sportwagen und hinten Familien-GT ist, also hinter der Vorderachse ein riesiger Zwölfzylinder Platz braucht, vor der Hinterachse vier Sitzplätze und schließlich noch ein zweckmäßiger Kofferraum. Deshalb die kombiartige Linie, die an den Breadvan, zu deutsch Brot-Lieferwagen genannten 250 SWB Drogo erinnert.

Ferrari FF 1:15 Min.

Viersitzer mit vier angetriebenen Rädern

FF wie Ferrari Four heißt der Neue aber nicht nur wegen der Anzahl seiner Sitzplätze, sondern auch wegen seiner angetriebenen Räder, was die Sensation perfekt macht: Die norditalienischen Gralshüter des Heckantriebs öffnen sich für die 4x4-Vorzüge, um den Nachfolger des Mauerblümchens 612 Scaglietti fit für den Schnee zu machen. Die Sinnfrage nach einem weiteren Zwölfzylinder-Modell neben dem Ferrari 599 GTB Fiorano wäre mit der Ganzjahres-Tauglichkeit geklärt.

Nun ist das Erstaunen groß, als sich beim Ferrari FF auch noch die Rücksitzlehne geteilt umklappen lässt und einen Laderaum freigibt, der diesen Namen verdient. Wer ihn clever ausnutzen will, bestellt das Formkoffer-Set (10.115 Euro) und kann dann zu zweit in den mehrwöchigen Golfurlaub aufbrechen. Während Kombis immer sportlicher werden, marschiert hier ein Sportwagen in großen Schritten Richtung Kombi. Soviel Erstauto-Wirklichkeit aus Maranello verwirrt zunächst und lässt emotionale Ernüchterung befürchten. Stattdessen mündet die Überlandfahrt mit dem Ferrari FF in deutlich angehobenen Aderschlag, allgemeine Unruhe und leicht erhöhte Körpertemperatur. Zeichen von Adrenalin-Ausschüttung.

Ferrari FF mit 660 PS und 683 Nm

Vergessen sind die zusätzlichen Ruhelager im Fond - gefühlt schrumpft der Ferrari FF im Test auf Zweisitzer-Niveau. Einem quasi Zweitonner Leichtfüßigkeit zu bescheinigen, klingt euphemistisch. Doch die 660 PS und 683 Nm des 6,3-Liter-V12 beschleunigen Pfunde weg. Stellen Sie sich den Drehmoment-Einsatz im stärksten jemals gefahrenen Diesel vor, der Augenblick, wenn es richtig losgeht. Der FF dehnt diesen Moment von Leerlauf- bis Abregel-Drehzahl, untermalt vom stereophonen Klangerlebnis: vorne das kehlige Gurren des Ansaugtraktes, hinten der voluminös ballernde Auspuffton. Dass der Ferrari FF seine Null-auf-100-Werksangaben um zwei Zehntel verfehlt - geschenkt.

Zug ohne Kraftunterbrechung. Wie beim Getrag-Schaltgetriebe nach Doppelkupplungs-Bauart. Der Ferrari FF gleitet durch die sieben Gänge, entweder vollautomatisiert oder per Paddelzug initiiert, wobei er hier die Emotionaliät des 458 Italia bietet und die Gangwechsel unter Volllast mit schaurig-schönen Salven unterlegt. Anders als beispielsweise beim Mercedes SLS reagiert das Getriebe ohne Verzögerung auf den Wippen-Befehl, erlaubt sich aber beim Langsamfahren zuweilen Rucke.

Vorderräder nur bei Bedarf angetrieben

Davon abgesehen zeigt der Ferrari FF auf den Fernstraßen einmal mehr, dass fortschrittliche Sportwagen längst der harten Phase entwachsen sind; der Federungskomfort ist überraschend gut. Damit schafft der Neue den bislang breitesten Spagat in der Firmengeschichte, ist der erste Viersitzer mit dem ungefilterten Ferrari-Fahrgefühl. Und bietet eine echte Technik-Innovation. Zahnrad-Komplikationen bringen das 4x4-System in die gedankliche Nähe eines Chronographen-Uhrwerks. Wie jede hochwertige Mechanik prägt diese den Besitzerstolz und liefert Stoff für Erklärungen - es gibt keine übliche Verbindung zwischen Vorder- und Hinterachse, kein Mittendifferenzial und keine Sperre.

Der Vorderradantrieb wird zugeschaltet, weshalb der Ferrari FF nicht permanent vierradgetrieben ist. Nur wenn an der Hinterachse mehr Drehmoment anliegt, als diese übertragen kann, dockt die vordere an. Ein Zweigang-Getriebe hängt am Beginn der Kurbelwelle, sorgt für die Übersetzung, wobei die Zahnräder immer mitdrehen. Den Kraftschluss nach links und rechts übernehmen zwei Kupplungspakete.

Ferrari FF bleibt auch auf Schnee und Eis neutral

Wie sich das querdynamisch anfühlt? Wie ein heckgetriebener Sportwagen mit warmgefahrenen Rennreifen. Die wollen nämlich nicht rutschen, egal, was man anstellt. Nicht auf Trockenheit, nicht auf Nässe, nur auf Schnee und Eis. Und selbst da verweigert der Ferrari FF weitgehend das Untersteuern, wie sich auto motor und sport in Schweden überzeugen konnte. Damit ist er der erste Ferrari, der auf sämtlichen Reibwerten abgeklärt neutral bleibt, sein Heck nur mit List des Fahrers ausschwenkt und über die Front praktisch nur auf der Rennstrecke schiebt.

Dass der Ferrari FF bei der Fahrdynamik-Prüfung nicht besser abschneidet, liegt an der schwer zu dosierenden Lenkung; meist leitet eine Über-Aktion das Untersteuern ein. Sie arbeitet zu direkt, Nuancen reichen für Kursänderungen aus, man muss praktisch nie umgreifen. Um die Mittellage ist zwar noch genug Spiel, um die Höchstgeschwindigkeit von 335 km/h angstfrei antesten zu können. Doch schon wenige Grad Lenkwinkel münden wie bei einem Rennwagen in jähe Richtungswechsel. Derartiger Aktionismus wirkt in einem Dickschiff künstlich. Zudem ist die Rückmeldung matt, so auch beim Bremspedal.

Familien-Sportwagen für 258.200 Euro

Was gibt es noch zu kritisieren? Eine gewisse Altertümlichkeit. Sie reicht von der teilweise verzwickten Bedienung des Infotainment-Systems über dessen altbackene Grafik, den markentypisch exorbitant hohen und nicht mehr zeitgemäßen Verbrauch bis hin zum Fehlen jeglicher Assistenzsysteme. Fortschrittlich zeigt sich Ferrari dagegen bei der Wartung. Sieben Jahre lang ist der Standard-Service samt Ölwechsel für den Kunden kostenlos, womit einer der Schrecken eines Ferrari genommen wird: die immensen Werkstattpreise.

Stünde nicht der Neupreis von Schwindel erregenden 258.200 Euro im Weg - nur sehr wenige dürften diese Hürde überspringen -, könnte man den Ferrari FF als idealen Familien-Sportwagen für alle Jahreszeiten bezeichnen. Rennwagen und Kombi - besser hat die beiden Gegensätze noch keiner vereint. Interessant, dass dies gerade Ferrari gelingt.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gutes Raumgefühl vorn und ordentliches hinten
  • variabler Kofferraum
  • hohe Karosseriesteifigkeit
  • gute Materialanmutung
  • unübersichtliche Karosserie
Fahrkomfort
  • sehr ausgeglichenesFederungsverhalten
  • ermüdungsfreie Sitze
  • eingeschränkter Komfort auf Brücken-Absätzen
Antrieb
  • sehr gutes Ansprechverhalten
  • enorme Drehfreude
  • kräftiger Durchzug
  • schnell und komfortabel schaltendes Getriebe
  • Ruckelneigung im Kolonnenverkehr
Fahreigenschaften
  • sehr hoher Grenzbereich
  • agiles Handling
  • hohe Fahrsicherheit
  • enorme Traktion
  • gut abgestimmtes ESP
  • zu direkte Lenkung
Sicherheit
  • Kohlefaser-Bremsanlage serienmäßig
  • keine Assistenzsysteme erhältlich
Umwelt
  • kein Umweltzertifikat
  • sehr hoher Verbrauch
Kosten
  • sieben Jahre kostenloses Wartungsprogramm
  • voraussichtlich guter Wiederverkaufswert
  • drei Jahre Garantie
  • enormer Grundpreis
  • sehr teure Optionen

Fazit

Tatsächlich fährt der große FF wie ein echter Ferrari - obwohl er vier Erwachsenen Platz bietet. Negativ: die zu direkte Lenkung, das harte Bremspedal-Gefühl und der sehr hohe Verbrauch.

Technische Daten
Ferrari FF
Grundpreis258.111 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4907 x 1953 x 1379 mm
KofferraumvolumenVDA450 bis 800 L
Hubraum / Motor6262 cm³ / 12-Zylinder
Leistung485 kW / 660 PS (683 Nm)
Höchstgeschwindigkeit335 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h3,7 s
Verbrauch16,3 L/100 km
Testverbrauch20,8 L/100 km
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