Gewaltakt

Der 5,5-Liter-V8 von AMG und die M-Klasse kreuzen ihre Wege. Das Ergebnis ist der Mercedes ML 55 AMG, dessen Fahrleistungen für völlig neue Geländewagengefühle sorgen.

Eines war schon im Vorfeld klar: Die Frage nach Sinn und Unsinn ist für den potenziellen Käufer ohne Belang. Bei einem Auto wie dem Mercedes ML 55 AMG genügt es, dass es ihn gibt, um die erhofften Kaufimpulse auszulösen. 347 PS sind Grund genug. Schließlich bekommt man das stärkste Offroad-Vehikel, das zur Zeit ab Werk angeboten wird. Womit zugleich die zweite gute Nachricht angesprochen wäre: Obwohl am Heck die drei Buchstaben des Haustu­ners AMG prangen, gehört der ML 55 zum regulären Mercedes-Programm. Das macht sich im Preis bemerkbar. Wer die AMG-üblichen exorbitan-ten Beträge kennt, wird angenehm enttäuscht. Der Power-ML kostet komplett mit allem Schnickschnack 139 873 Mark – das ist nicht wenig, gemessen an der Konkurrenz aber auch nicht zu viel. So verlangt BMW für den vergleichsweise schwächlichen (286 PS), sparsamer ausgestatteten X5 4.4i stolze 111.000 Mark. Selbst der Audi Allroad Quattro 2.7 T (250 PS) erreicht mit Extras mühelos 125.000 Mark. Aber auch der Vergleich zum ML 430 (272 PS) zeigt, dass es sich hier um ein faires Angebot handelt: Mit dem entsprechenden Zubehör kommt er auf 116 000 Mark, wobei vieles, was den ML 55 auszeichnet, im ML 430 auch nicht gegen Aufpreis zu haben ist. An Gegenwert mangelt es also nicht. Schwerer fällt es da schon, das Gebotene einzuordnen. Beginnt man mit dem Kern der Sache, dem von fünf auf 5,5 Liter vergrößerten Acht­zylindermotor, dann ist eines ganz klar: Das Aggregat, aus anderen Mercedes-Modellen bereits bestens bekannt, ist eine Wucht. Ohne spürbare Anstrengung katapultiert es den 2,2-Tonner in Geschwindigkeitssphären, die Geländewagen sonst verschlossen bleiben. Mit etwas Anlauf schwingt sich der ML 55 zu einer Höchstgeschwindigkeit von 232 km/h auf, während selbst so dynamische Offroader wie der X5 schon bei wenig mehr als Tempo 200 die Segel streichen. Auch beim Beschleunigen lässt er den einschlägigen Kontrahenten nicht die geringste Chance, wobei das satte Drehmoment des V8 – zwischen 2800 und 4500/min liegen 510 Nm an – keinerlei Stress aufkommen lässt. Die perfekt abgestimmte Fünfgangautomatik tut ein Übriges. Schaltvorgänge vollzieht sie meist unmerklich und ohne übertriebene Hektik. Mit ihrer vorbildlichen Tippfunktion lädt sie aber auch zur Handarbeit ein, und sei es nur dem Sound zuliebe. Denn je nach Drehzahl und Gaspedalstellung reicht das Repertoire des AMG-Triebwerks, das durch zwei Rohre größeren Kalibers auspufft, vom geschmeidigen Piano bis zu einem kraftvoll bollernden Forte. Sieht man diese Qualitäten im Kontext eines geländegängigen Gefährts, dann sind sie ebenso eindrucksvoll wie zwiespältig.

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