Honda Jazz 1.4 i-VETC: Das Raumwunder im Detail

Vielfältig umklappbare Sitze und das üppige Raumangebot sind Stärken des neuen Honda Jazz. Was der japanische Mini darüber hinaus zu bieten hat, klärt der Test der stärksten Version mit 1,4-Liter-Motor.

Flexibilität ist eine jener Tugenden, die allseits sehr geschätzt werden - auch bei Automobilen. Kleinwagen tun sich da traditionell besonders hervor: Dank einfallsreichen Variationsmöglichkeiten ihres Inventars entwickeln sie oftmals eine überraschende Größe. Schon der gleichnamige, 2001 vorgestellte Vorgänger des neuen Jazz nahm in dieser Hinsicht eine Sonderstellung in seiner Klasse ein. Klar, dass die Honda-Entwickler anlässlich des Modellwechsels diese Position stärken wollten.

Das eigenwillige Jazz-Merkmal wurde beibehalten

Nach dem Motto Evolution statt Revolution wurde das bewährte Konzept verfeinert und neu eingekleidet, ohne sich allzu sehr vom Vorgänger zu unterscheiden. Radstand, Länge sowie Breite haben um wenige Zentimeter zugelegt, und das eigenwillige konzeptionelle Jazz-Merkmal wurde beibehalten: die Lage des Kraftstofftanks unter den Vordersitzen. Diese ungewöhnliche Position schafft im Fond Raum für eine Rücksitzanlage mit ungemein hoher Flexibilität. Die Sitzflächen der im Verhältnis 60:40 geteilten Bank kann man wie bei Kinosesseln hoch an die Lehnen klappen, der umgelegte Bügelfuß arretiert sie. So entsteht auf Kosten des hinteren Sitzraumes ein großes, fast 1,30 Meter hohes Abteil, das beispielsweise große Pflanzen, zwei Bikes mit demontierten Vorderrädern oder auch einen Rollstuhl aufnehmen kann.

Einfache Klapp-Konfigurationen

Die 80 Grad weit öffnenden Fondtüren garantieren nicht nur die leichte Beladbarkeit des ungewöhnlichen Stauraumes, sondern bei normaler Sitz-Konfiguration auch einen sehr komfortablen Einstieg. Klapp-Modus Nummer zwei geht zwar ganz konventionell vor sich, zaubert aber dennoch ein freudiges Lächeln auf die Gesichter der Jazz-Nutzer: Beim Vorklappen der Lehnen senken sich die Sitzflächen automatisch nach vorne tief in den Fußraum ab und schaffen so eine niedrige, topfebene und 1,72 Meter lange Ladefläche, zum Beispiel für stehend zu transportierende, fahrfertige Mountainbikes, Überseekoffer oder eine Waschmaschine. Bei vorgeschobenem Beifahrersitz mit abgesenkter Lehne chauffiert der Jazz auch Gardinenstangen-Pakete bis 2,40 Meter Länge.

Besonders erfreulich: Alle Konfigurationen sind einhändig und mit sehr geringem Kraftaufwand herzustellen. Das bietet nicht jeder. Die 1,4-Liter-Modelle verzichten auf ein Reserverad und nutzen dessen Mulde als weiteren Stauraum (64 Liter), den ein mobiler Boden abdeckt. Der wiederum kann entfernt und alternativ zur Kofferraumteilung oder Gepäcksicherung verwendet werden. Verzurrösen und ein Haken für die Einkaufstasche erleichtern die Nutzung des Transportraumes ebenso wie die ausreichende Stehhöhe unter der Heckklappe und die niedrige Ladekante. Sportgeräte und Gepäck - dank zahlreichen praktischen Ablagen und Cupholdern auch Kleinkram und Flaschen - sind im Jazz bestens aufgehoben.

Und die Passagiere?


Sie genießen ebenfalls ein großzügiges Raumangebot, selbst im Fond gibt es reichlich Platz für Kopf und Beine. Dank dreidimensional justierbarer Lenksäule und Sitzhöhenverstellung bieten die gut profilierten Vordersitze eine ausgezeichnete Position. Ihre kurzen Flächen sowie die nur stufenweise regulierbare Lehnenneigung verhindern allerdings Bestnoten. Obgleich der Jazz keiner sein möchte, bietet er das Raumgefühl eines Minivans, wofür die flache Frontscheibe, der riesige Armaturenbrett-Vorbau und die breiten, mit zusätzlichen Fenstern bestückten A-Säulen sorgen. Daraus resultiert die schlechte Übersichtlichkeit nach vorne. Auch beim Kurvenfahren geraten immer wieder die wuchtigen A-Dome störend ins Blickfeld.

Die grundsätzlich gute Ergonomie mit sehr klar gezeichneten Instrumenten, großen Schaltern und praktischem Multifunktionslenkrad (nur 1.4-Liter-Modelle) stören Klapptürgriffe und die hinter dem Lenkrad versteckte Außenspiegelverstellung. Unverständlich ist die Anordnung der Tasten für die Klimaautomatik: Bei deren Bedienung verdeckt die aktive Hand das dazugehörige Kontroll-Display völlig.

Zwei Benziner mit variabler Steuerung der Einlassventile stehen zur Wahl: ein 1,2- Liter (90 PS) sowie der im Testwagen eingebaute 1,4-Liter mit 100 PS. Die größere Maschine glänzt mit Temperament und Drehfreude bei hohen Touren, wirkt aber im unteren Bereich schlapp und reagiert hier träge aufs Gas. Wer zügig vorankommen will, muss also fleißig schalten, was mit dem knackigen Fünfganggetriebe richtig Freude macht. Die Kombination drehfreudiger Motor und Einsparung des sechsten Gangs - den gibt es nur in Verbindung mit dem automatisierten Getriebe (plus 1.100 Euro) – beeinflusst den Verbrauch nachteilig. Mit durchschnittlich 7,8 Liter/ 100 Kilometer erntet der Jazz in der Kleinwagen-Klasse keine Lorbeeren. Selbst bei verhaltener Gangart kommt man nur mit großer Mühe unter die Sieben-Liter-Marke.

Sportliche Eigenschaften darf man nicht erwarten

Fahrwerkseitig ist der Jazz trotz seines poltrigen, lauten Abrollens und der Stuckerneigung auf Querfugen wesentlich erwachsener geworden. Das verdankt er seinem gutmütigeren, untersteuernden Kurvenverhalten, der präziseren Lenkung und standfesteren Bremsen. Beladen flößt er allerdings wegen seines instabilen Hecks weniger Vertrauen ein. Sportliche Eigenschaften darf man nicht erwarten, das zeigen auch kräftige Wankbewegungen des Aufbaus in Wechselkurven, die dem Handling abträglich sind. Mit 12.550 Euro startet der Jazz einschließlich aller wichtigen Sicherheitselemente wie ESP und sechs Airbags schön preiswert, aber ohne mobilen Ladeboden und Klimaanlage. Als Topmodell 1.4 Exclusive mit reichhaltiger Ausstattung, zu der auch ein großes, festes Panorama-Glasdach zählt, kostet er stolze 18.850 Euro - ein Großer also, nicht nur in Sachen Flexibilität.

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Werner Schruf

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