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Jaguar XFR Test

50.000 Kilometer quer durch Europa

Jaguar XFR, Hamburg Foto: Jürgen Gebhardt, Rossen Gargolov 22 Bilder

Wer das wahre Wesen eines Autos erkennen will, muss viel fahren. sport auto hat den Jaguar XFR dem ultimativen Dauerhärte-Test unterzogen: über 50.000 Kilometer quer durch Europa - vom Atlantik bis ans Mittelmeer, von England bis nach Italien. Jetzt kennen wir ihn mitsamt Stärken und auch Schwächen.

28.10.2013 Marcus Schurig Powered by

Aber es ist ein Importauto! Da war es wieder, das Totschlagargument, das jede deutsche Autodiskussion zum Verstummen bringt. Eben noch hatte sich der Herr in der Schlange vor der Tankstellenkasse äußerst charmant über den tiefroten Dauertest-Jaguar XFR geäußert.

"Eigentlich ein schönes Auto, sehr elegant.“ Eigentlich? Als sich die Diskussion dem uneigentlichen Punkt näherte, dass BMW M5 oder Mercedes E 63 AMG nur Weniges marginal besser können als der Jaguar XFR, kippte die Konversation.

Die Deutschen wildern im Niedrigpreissegment gerne mal abseits ausgetretener Pfade. Doch wenn es um die Kombination Luxus, Power und Prestige geht, sind sie unbelehrbar rigoros. So wie in der Schweizer Werbung, wenn der Kaufgrund für Kräuterbonbons in der Frage fluchtet: Und wer hat's erfunden?

Jaguar XFR mit vielen Sympathiepunkten

Führen im Luxussegment also nur die bewährten Pfade zum Ziel? Nein, denn selten zuvor ließen die Notizen in den Dauertestkarten von sport auto mehr Sympathie erkennen als beim Jaguar XFR: "Tolles Reiseauto“ "Traumhafter Motor“ "Sehr bequeme Sitze.“ "Sensationeller Langstreckenkomfort.“ Jede Ausfahrt wurde wie eine Entdeckungsreise kommentiert, mit dem überraschten Grundton: Das kann auch ein Jaguar? Respekt!

Jedes Auto hat Stärken und Schwächen, ihre Verteilung formt das Urteil. Beim Jaguar XFR sind die Lobeshymnen viel länger als die Motztiraden. Das beginnt bei der Optik: schlicht und schnörkellos, gespannt wie ein Bogen – wenn vier Sitze, Kofferraum und Motor nur immer so mit Blech gekleidet würden. "Ein Wagen für den Opernbesuch,“ befand ein Tester. Stil kann man eben doch kaufen.

Dann der Motor, der mit acht Zylindern und vier Auspuffrohren Klangwolken herausbläst, die mit zunehmender Drehzahl immer patziger und frecher werden, aber ohne den Anstand einer Limousine zu verletzen.

Der Jaguar hat alles, zeigt es aber nicht

Als ob fünf Liter Hubraum nicht Überfluss genug wären, kippt ein Eaton-Rootsverdichter immer noch mehr Drehmoment obendrauf und zieht so jede Diskussion um Drehzahlsprünge oder Schaltstrategien in die Lächerlichkeit. Und es gibt auch keine peinliche Soundtaste, die dem Volk die Wichtigkeit des Fahrers kommunizieren will. Der Jaguar XFR hat alles – aber er zeigt nicht alles.

Natürlich müssen 510 Pferde gefüttert werden. Im Schnitt 15,9 Liter Hochoktaniges auf 100 Kilometer wirbelten durch die Brennräume, viel Futter für viel Fleisch. Das an sich ist in dieser Preisklasse kein Ärgernis, doch die Reichweite schon: Bei einem Tankinhalt von 70 Liter schafften nur Knauser 400 Kilometer.

V8-Reise mit Eile

Trotzdem ist gerade die lange Reise die Domäne des Jaguar XFR. Die ZF-Sechsgangautomatik zerteilt das schäumende Temperament des V8-Motors in bekömmliche Portionen, im Automatikmodus hielt die Schaltbox auf jede Frage des Alltags die passende Antwort parat.

Wer dennoch selbst aktiv ins Geschehen eingreifen will, bitteschön: Im Dynamic-Modus kann mittels perfekt positionierter Schaltpaddel nach Lust und Laune gewirbelt werden, ohne dass einem das Getriebe in die Parade fährt. Die Gänge werden gehalten – dass darf heutzutage nicht einmal mehr ein Porsche. Well done, Jaguar!

Leise Kritik am Antrieb kam prinzipiell nur beim Losfahren auf. Weil die Pedal-Kennlinie für die Gasannahme als recht grob zu bezeichnen ist, wurde Anrollen gelegentlich zum Jumpstart. Die mechanische Traktion profitierte zwar im Vergleich zu früheren R-Modellen von einer elektronisch gesteuerten Differenzialsperre (ADC), doch bei niedrigen Reibwerten hatte die Hinterachse immer noch erkennbar Mühe, die wiehernden Pferde zu zügeln.

Erfreulicherweise wird der Langstreckenkomfort beim Jaguar XFR trotz des Performance-Zusatzes R nicht durch britische Sonderwege zerhackstückt. Ja, das adaptive Fahrwerk ist zwar straff, doch die Versäumnisse des modernen Straßenbaus werden den geladenen Gästen trotz 20-Zöllern und 30er-Reifenquerschnitten hinten mit der Zurückhaltung eines Butlers kommuniziert.

Innenraum des Jaguar XFR überzeugt im Test

Wer sich mit jedem Kilometer tiefer in den Jaguar XFR einlebt, der findet auch im Innenraum keine befürchteten Patzer. Das Gestühl hat nichts mehr von knautschigen Lounge-Sesseln, eine ganze Salve an Lob verteilten die Tester über die 50.000-Kilometer-Distanz an die Vordersitze: guter Seitenhalt, ausreichend straff und trotzdem äußerst langstreckentauglich.

Nur im Winter fühlten sich Hintensitzende gelegentlich an eine Bootsfahrt auf stürmischer See erinnert. Weder die Sitze noch das Fahrwerk waren schuld, sondern die Pirelli-Winterreifen: "Das Auto läuft in 21 verschiedene Richtungen”, kommentierte ein um seine Fachmeinung gefragter Abstimmungsprofi. Diese jahreszeitliche Varianz beim Geradeauslauf führte zu hohem Korrekturbedarf an der Lenkung, die zielgenau arbeitet, aber vielleicht einen Tick zu leichtgängig und damit zu spontan um die Mittellage ist.

Lahmer Touchscreen und schläfriges Navi

Bei allen wichtigen Parametern – Karosserie, Motor, Getriebe, Fahrwerk, Sitze sowie Bremse – bekam der Jaguar XFR durch die Bank gute Noten von der Test-Crew. Kleine Ausrutscher gab es nur in Randbereichen: Das Navigationssystem ist nicht der letzte Schrei, die Bedienlogik lässt zu wünschen übrig, sein Touchscreen-Display muss sich vor Reisestart erst wachräkeln und ist auch sonst eher von der langsamen Sorte.

In Sachen Schläfrigkeit war das vor Staus warnende TMC-System jedoch absolut unschlagbar: Lange vor dem Stau entschied es selbstherrlich, zielsicher in denselben hineinzusteuern. Wich der Fahrer von der vorgeschlagenen Route ab, wurde er mit Nachdruck wieder in Richtung Stau bugsiert, besonders gern im Ausland, wo sich das Navi so schlecht auskannte wie der um Hilfe suchende Fahrer.

Warum Jaguar meint, den klassischen Wählhebel einer Automatik durch einen Elektroherd-Drehregler revolutionieren zu müssen, gehört zu den kleinen Schrulligkeiten, auf die auch der Dauertest keine schlüssige Antwort zu geben vermag.

Wassereinbruch mit eigenartigen Konsequenzen

Eine Episode bewies, dass Autos von der verregneten Insel durchaus wasserscheu sein können. Ein Nässeeinbruch im hinteren Scheinwerfer löste eine Schar von skurrilen Eigenmächtigkeiten der Elektronik aus wie permanent blinkende Bremsleuchten, temporär leuchtende Innenraumleuchten und auch Startprobleme. Mit dem Tausch der genässten Heckleuchte war der Fehlerwurm dann aber schnell wieder ausgeräuchert.

Entgegen alter Firmentradition machte der Jaguar XFR sonst einen weiten Bogen um Reparatur und Wartung: Ein elektrischer Ölstandsgeber wurde getauscht, ja, und Schande, die Alarmlampe für die adaptive Scheinwerferverstellung muckte auch mal auf.

Doch nichts von alledem rechtfertigt ernsthaft die Bezeichnung Importauto, oder?

Technische Daten
Jaguar XFR 5.0 V8 Kompressor
Grundpreis92.900 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4961 x 1877 x 1460 mm
KofferraumvolumenVDA500 bis 963 L
Hubraum / Motor5000 cm³ / 8-Zylinder
Leistung375 kW / 510 PS (625 Nm)
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h4,9 s
Verbrauch11,6 L/100 km
Testverbrauch15,9 L/100 km
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