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Lamborghini Gallardo im Test

Bitte mal herröhren

Foto: Hans-Dieter Seufert 16 Bilder

Ein neuer V10 mit Direkteinspritzung – und Geräuschen nahe am Hörsturz: Nach der Überarbeitung heißt der Lamborghini Gallardo zusätzlich LP 560-4 und erregt optisch wie akustisch gehörig Aufsehen.

23.07.2008 Marcus Peters

Viel hat Lamborghini am Gallardo geändert, Optik, Fahrwerk, Antrieb und Getriebe, nennt ihn jetzt LP 560-4. Doch Inspirationsquelle Nummer eins ist wieder einmal der V10 samt seiner Lebensäußerungen.

„Bestialisch“, sagt der Beifahrer, 3,7 Sekunden das Messgerät – nach dem Sprint von null auf 100 km/h. „Infernalisch“, schreit der Copilot, 95 Dezibel zeigt das Display zum Thema Innengeräusch, ermittelt bei Vollgas im dritten Gang. „Faszinierend“, meint der Technik-Kollege zur Verbindung aus hoher Drehzahl und Direkteinspritzung.

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Einzeltest Lamborghini Gallardo LP 560-4
auto motor und sport 15/2008
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Leise fahren geht bis 4000 Umdrehungen/Min.

Von fern kündigt sich der weiße Brüller an, weckt bei seinen Bewunderern die Begierde nach einem Schwall aus Schallwellen – dicht in der Brandung riskieren sie umgewehte Flimmerhärchen. Klang-Charakteristik? Ein Fünfzylinder, angehört auf einer völlig übersteuerten HiFi-Anlage.

Lange nachdem der LP 560-4 wieder im Verkehrsgewühl verschwunden ist, bleibt er ortbar. Leise fahren? Geht – nachdem sich der Fahrer sattgehört hat und seinen Gasfuß zügelt. Bis 4.000/min leiten die Auspuffklappen Abgase durch den Schalldämpfer; es sei denn, das Fahrprogramm Corsa wurde per Knopfdruck vorgewählt. Dann fallen sämtliche Sound-Schranken. Das muss man mögen – auch der Partner.

Gespräche duldet der Gallardo nur bis etwa 160 km/h; darüber werden sie von schneidigen Dezibel in Wortfetzen zerhackt. Hochoktaniges Grölen, das Psychologen übertriebenen Geltungsdrang nennen würden. Nur wenige heizen die Rastlosigkeit ihres Piloten stärker an als der Gallardo.

Schub ist gewaltiger und anhaltender als bisher

Steht er tatenlos in der Garage, schwellen die Gewissensbisse – bis zum befreienden Anlasser-Jaulen. Ungezügelt poltert der V10-Choleriker dann los, rastet kurz und heftig aus, bevor er sich im Leerlauf besänftigen lässt. Ausgehungert hängt er am Gas, dreht sich in Rage, reißt die Umdrehungen wie junges Wild. Der Schub? Gewaltiger und anhaltender als bisher. Fast unablässig: Über 100 km/h presst der Gallardo wie ein VW Golf GTI aus dem Stand, hechtet über 200 km/h kaum gebremst weiter, nimmt die 300er-Marke im Sturm. Und drängt immer noch.

E-Gear, das automatisierte Sechsganggetriebe (9.520 Euro), gewährt Besinnungspausen von 120 Millisekunden – ohne wie früher zu hacken: Nun wird sauber tranchiert. Der Vorgänger war nur halb so schnell, doch erst der Ferrari 430 Scuderia zeigt, was technisch möglich ist: 60 Millisekunden.

Bei der Beschleunigung dagegen ist der schwerere, aber stärkere Lamborghini  auf Höhe von Ferraris Top-Athleten – doch wie steht es mit dessen Vielschichtigkeit dank der variablen Stoßdämpfer? Die gibt es für den Gallardo nicht, stattdessen zwei Setups zur Wahl. Bei Sport, wie hier im Test, ist die Feder-Dämpfer-Abstimmung deutlich härter, vor allem an der Hinterachse, ebenso der Stabilisator im Heck. Ihn erhält auch die Normal-Version des LP 560-4, nachdem sie bei der Präsentation zwar ordentlich gefedert, aber zu beharrlich untersteuert hat. Das Sportpaket (2.032 Euro) soll endgültig Agilität bringen.

Launige Drifts gelingen nicht

Launige Drifts gelingen damit immer noch nicht, aber wenigstens launische. Beim Querfahren wandelt der Gallardo 4x4-typisch auf einem rutschigen Grat zwischen nicht mehr neutral und noch kein Dreher. Kommt das Heck geflogen, reagiert der LP 560-4 spitz auf zusätzlichen Wheelspin, bei zu wenig Gas tritt es andererseits sofort wieder zurück ins Glied. Dieses empfindsame Fahrverhalten erschwert die Linie beim schnellen Ausweichen im Rahmen des ISO-Wedeltests. Der LP 560-4 ist langsamer als der Scuderia – und als sein eigener Vorgänger.

Zwei Faktoren beeinflussen die Charakteristik: Die Sportreifen Pirelli P Zero Corsa bleiben, warm gefahren, lange neutral, bevor ihre Haftung auf sehr hohem Niveau abrupt abreißt. So war es auch beim Test des Murciélago, dem großen Bruder des Gallardo. Zweitens: Das nun um 30 Nm höhere Drehmoment benötigt an der Viskokupplung härtere Lamellen. Damit leitet der permanente Allradantrieb mehr Leistung nach vorn – schlecht für den Drift, aber gut für neutrale Runden.

Defensives ESP verhindert Abflüge

Hockenheim, Grand-Prix-Strecke, Anfahrt Motodrom. Noch auf der Bremse (Kohlefaser, 14.280 Euro) dreht der LP 560-4 ein, seitenneigungsfrei, unverzüglich. Perfekt platziert mit der direkten und jetzt endlich leichtgängigeren Lenkung. Im Scheitel schiebt er über alle vier Räder, bevor er vom Gas angefüttert am Kurvenausgang leicht in die Rattersteine übersteuert. Ein reuefreies Vergnügen, vor allem im abgesicherten Corsa-Modus – das defensive ESP verhindert hier lediglich Abflüge.

Schwarzwald, Buckelpiste, Anfahrt Kurvengeschlängel. Weiches Zielbremsen erfordert Fußspitzen-Gefühl. Viel zu aggressiv staucht die Achtkolben-Bremsanlage die Vorderachse zusammen, während Bodenwellen die hintere aus den Federn katapultiert. Fahren unter strenger Aufsicht: Nie darf die Lenkung locker geführt werden, man muss ständig zur Korrektur bereit sein.

Reinsetzen und angasen? Nicht ohne intensive Kennenlernphase – die beginnt, wenn sich Körpergeruch unter den Lederduft mischt. Für schlechte Landstraßen fehlt eine anwählbare, geschmeidigere Dämpfer-Kennung à la Scuderia; ebenso auf der Autobahn – Lamborghini  arbeitet erst daran. So aber muss die Bahn für Highspeed-Ausflüge im Gallardo  nicht nur frei, sondern auch eben sein. Sonst gibt es schwitzige Hände. Ganz Mittelmotor- Bolide vom alten Schlag, nickt der LP 560-4 beim Schalten in schnellen Kurven und dreht beim Gaslupfen ein. Kommt starkes Bremsen hinzu, reichen Fahrspur und -können zum Korrigieren gerade so aus. Derbe Bodenwellen und Spurrillen verhageln die saubere Linie zusätzlich. Das Options-Fahrwerk kann nur eines: Rennstrecken-Sport. Kompromisslos.

Rangieren in der Stadt ist lästig

Das harte und laute Abrollen der 19-Zöller wäre noch zu verschmerzen; vollends von der Langstrecke vertreiben einen aber die zu eng geschnittenen Sitze mit Hängematten-Kuhle. Nahezu jeder Pilot beklagt nach längeren Testfahrten Rückenschmerzen und regt Options-Sportschalen an. Anderen ist das Rangieren in der Stadt trotz Rückfahrkamera (2.380 Euro) lästig: Der R-Knopf zum Einlegen des Rückwärtsganges reagiert nicht immer prompt – man findet sich stattdessen im Leerlauf wieder.

Hier blitzt die markentypische Unhandlichkeit vergangener Tage durch. Selbst nach der Weiterentwicklung bleibt der Gallardo authentisch, ungehobelt und zügellos. Und das trotz Vernunftstechnik Direkteinspritzung, die den LP 560-4 mit erstaunlichen elf Litern auf 100 km dahingondeln lässt. Meist wird sich der Fahrer allerdings mit rund 19 Litern (Testmittel) den Puls beschleunigen. Das ist viel und trotzdem drei Liter weniger, als der Fünfliter des Vorgänger-Testwagens anno 2003 verschlang.

Lamborghini Gallardo bleibt sich treu

Der Neue ist sparsamer, obwohl das seitlich hereinschießende Super Plus auch kühlen muss – damit der 5,2-Liter-Reaktor nicht selbstzerstörerisch seine Alu-Kolben einschmilzt. Auch lange nach einem impulsiven Zweikampf glühen Torrero und Stier nach. Sogar mit Common Rail bleibt sich der Gallardo treu. Der Hitzkopf.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gute Platzverhältnisse innen
  • ordentliche Funktionalität
  • schlechte Sicht nach hinten
  • kleiner Kofferraum
  • Verarbeitungsmängel
Antrieb
  • herausragend ansprechender Zehnzylinder
  • sehr guter Durchzug
  • exzellente Fahrleistungen
  • weich schaltendes sequenzielles Sechsganggetriebe (E-Gear)
Fahrkomfort
  • effektive Klimatisierung
  • eingeschränkter Federungs-Komfort (Sportfahrwerk)
  • zu schmal geschnittene Sitze
  • sehr hohe Motor- und Abrollgeräusche
Fahreigenschaften
  • exzellente Traktion
  • sehr hohes Kurventempo
  • präzise Lenkung
  • eingeschränkte Spurstabilität auf Bodenwellen (Versetzen)
  • starke Lastwechselreaktionen
Sicherheit
  • extrem wirksame, standfeste Bremsen (Kohlefaser)
  • Bremse schwer zu dosieren
  • dürftige Airbag-Ausstattung
Kosten
  • teure Anschaffung
  • sehr hohe Unterhaltskosten
Umwelt
  • recyclingfreundliche Aluminium-Karosserie

Fazit

Mit dem Sportfahrwerk ist der überarbeitete Gallardo eindimensionaler als bisher. Spaß am Speed findet man nur auf ebenen Strecken. Dann begeistert der endlose Schub des neuen Direkteinspritzer-Zehnzylinders.

Technische Daten
Lamborghini Gallardo LP 560-4
Grundpreis177.191 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4345 x 1900 x 1165 mm
KofferraumvolumenVDA110 L
Hubraum / Motor5204 cm³ / 10-Zylinder
Leistung412 kW / 560 PS (540 Nm)
Höchstgeschwindigkeit325 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h3,7 s
Verbrauch14,7 L/100 km
Testverbrauch18,9 L/100 km
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