Lamborghini Gallardo LP 570-4 Test: Radikales Werkzeug für die Rennstrecke

Lamborghini Gallardo

Als LP 570-4 Superleggera treibts der Lamborghini Gallardo noch bunter. Leichter, stärker und teurer, besticht der Mittelmotorsportwagen mit nochmals besseren Fahrleistungen und einer ausgeprägteren Fahrdynamik.

Lamborghini Gallardo Superleggera-Treter leiden im Wortsinne am Tunnelblick. Sie sind getrieben von der Suche nach der nächsten schwarzen Röhre. Dann tauchen sie ein und lassen den Keil aus Sant’Agata aus allen Auspuffrohren feuern. Aus vier an der Zahl, die über dem Kohlefaser-Diffusor provozierend herausblicken - armdick und mattschwarz wie die Seele des Teufels.

Lamborghini Gallardo Superleggera begeistert mit infernalischem V10-Sound

Drei Kilogramm hat sich der Abgastrakt im Lamborghini Gallardo LP 570-4 Superleggera abgehungert, er brüllt trotzdem wie ein Schwergewicht. Mit bis zu 96 Dezibel tobt der Schalldruck im Innenraum und spiegelt dennoch nur einen Ausschnitt des Verbrennungsdramas wider, das sich im Innern des V10 abspielt. Keine einzelnen Takte, sondern wuchtige Salven schmettert der stärkste aller Lamborghini Gallardo im Test an die Tunnelwände. Mit doppelter Vehemenz prallt die Dröhnung zurück, diese brutalen Attacken der Zwischengasstöße beim Zurückschalten und der Detonationen beim Hochschalten unter Volllast. Ein lapidarer Fingerschnipp an der jeweiligen Schaltwippe genügt, um dieses infernalische Szenario zu dirigieren.

Bei aller Faszination nötigt das Zusammenspiel von Motor und Getriebe der Besatzung des Lamborghini Gallardo Superleggera im Test auch Zugeständnisse ab. Im Automatikmodus nicken die Köpfe angesichts der langen Zugkraftunterbrechung bei den Schaltvorgängen. In Stellung Corsa rammt die Elektrohydraulik die Gänge brutal in die Verzahnung, der damit einhergehende Ruck peitscht den Piloten in die Sitze. Komfort und Superleggera harmonieren so gut wie Inter Mailand mit AC.

Lamborghini Gallardo Superleggera hat sogar um 90 Kilo abgespeckt

Wer Superleicht ordert, bekommt es im Lamborghini Gallardo LP 570-4 Superleggera al dente serviert. Optional mit Vierpunktgurten, um sich bündig mit dem Sportgerät zu vereinen. Einbetoniert in die gewichtsoptimierten Schalensitze wird klar, dass es nun nur noch um eines geht: ums Fahren an sich. Dafür verzichtet der Lamborghini Gallardo Superleggera im Test auf ablenkenden Zierrat wie Radio oder Navigationssystem. Gönnt sich leichtere Felgen, Kunststoffscheiben sowie Kohlefaser, um die versprochenen 70 Kilogramm abzuspecken.

Mit noch mehr Karbon im Innen- und Motorraum gelten 1.484 Kilogramm - also tatsächlich 90 weniger als ein bereits zum Test angetretener Basis-Lamborghini Gallardo. Zumindest die Klimaanlage erhält er sich. Sie kühlt mit Kräften angesichts der großen, flach stehenden Fensterflächen und der glühenden Emotionen, die das durch Elektronikoptimierung nun 570 PS wilde Monstrum im Heck entfacht. Theoretisch nur zehn PS mehr als ein Standard-Gallardo, gefühlt jedoch viel mehr.

Gallardo stürmt wie ein Berseker auf über 8.000/min

Wie ein Säugling an der Flasche hängen die Drosselklappen des Lamborghini Gallardo LP 570-4 Superleggera im Test am Gaspedal. Legislative und Exekutive werden eins, so direkt spricht der V10 an. Steigert seinen Biss proportional mit zunehmender Drehzahl, stürmt wie ein Berserker ab durch die Mitte bis auf über 8.000/min. Die Längsdynamik gleicht einer spektakulären Dramaturgie, gespielt innerhalb weniger Augenblicke. In 3,35 Sekunden - wers ganz genau nimmt - stehen trotz tropischer Hitze 100 km/h auf dem Tempokonto, gut sieben Sekunden später verdampft die 200er-Marke hinter dem ausladenden Diffusor.

Die Gegenbewegung zum brachialen Vortrieb fällt nicht minder beeindruckend aus. In 2,2 Sekunden reduziert sich der Gallardo von 100 km/h zurück auf null - das entspricht rund 32 Metern. Die optionalen Karbon-Keramik-Bremsen hinterlassen ein teigiges Pedalgefühl, packen aber auch nach zehnmaligem Verzögern so bestialisch zu, dass sich das Gurtschloss tief im Bauchspeck des Fahrers verewigt, während die extrem raue Oberfläche des Wildlederlenkrads Schwielen provoziert und sich Handschuhe empfehlen.

Extrem hohes Gripniveau

Der Lamborghini Gallardo Superleggera spielt im Test das Repertoire eines Supersportlers in aller Ausführlichkeit rauf und runter. Oder besser gesagt hin und her, was die exzellente Fahrdynamik betrifft. Straffere Feder-Dämpfer-Kennlinien, dickere Stabilisatoren sowie modifizierte elastokinematische Bauteile hinterlassen spürbar Spuren. Zackiger und direkter biegt der Lamborghini Gallardo LP 570-4 Superleggera ein, generiert ein Höchstmaß an Grip. Geradeausbolzerei liegt ihm weniger. Denn Spurrillen dackeln die Pirelli Corsa-Reifen schließlich gut und auch gerne hinterher. Auf abgesperrter Strecke unterstützen die hölzern abrollenden Sportreifen den Schulterschluss mit der Ideallinie wieder bestens. Nur bei engeren Kurvenradien stößt die Vorderachsbereifung an ihre Grenzen. Das Projektil schießt übers angepeilte Ziel hinaus.

Superleggera im Slalom mit Untersteuertendenz

Das ist auch beim 18-Meter-Slalom der Fall, wo Untersteuern die Grenzen des Lamborghini Gallardo Superleggera im Test vorgibt. Je flüssiger der gesteckte Kurs, desto neutraler stürzt sich der teuerste aller Gallardo auf die ihm gestellte Aufgabe. 150 km/h im ISO-Wedelparcours verdeutlichen dies - nur wenige sind noch einen Tick schneller. Hoch ist der Grenzbereich, spitz sind jedoch zuweilen die Lastwechsel. Deswegen greift das ESP früh und garstig ein. Stufe Sport sieht es lockerer und erlaubt Fahrspaß mit größeren Freiheiten. Besser noch: stets unter Zug gehalten, dann ist der Superleggera in seinem neutralen Element. 

Und das, während der Fahrer anderen Elementen trotzt: etwa der staubtrockenen Fahrwerksabstimmung, die wenig Komfort bereithält, sowie den hohen Querbeschleunigungen, weil die auf Dauer unbequemen Sitze den Fliehkräften etwas unsachgemäß ausgebildet gegenüberstehen. Wenngleich beides nur als Randerscheinung empfunden wird: Superleggera-Treter sind schließlich sowieso hart im Nehmen.

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Jochen Übler

Autor:

auto motor und sport, Heft 16 / 2010

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