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Lotus Elise

My Air Lady

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Schlank wie Twiggy, knapp wie ein Minirock, leichtgewichtig wie Lady Diana und luftig wie ein Roadster: Der neue Lotus Elise vereint eine Menge britischer Qualitäten unter einer Karosserie, die an klassische Rennsportwagen erinnert. Mit einem Kampfgewicht von 733 Kilogramm erreicht er auch ebensolche Fahrleistungen.  

23.08.1996

Wann sind Sie zum letzten Mal sehr früh aufgestanden, um in den Sonnenaufgang zu fahren? Wann haben Sie zuletzt eine leere Autobahn verlassen, um auf kleinen Landstraßen von den Radarschirmen der Zeit zu verschwinden? Wann kamen Ihnen die Kurven Ihrer Lieblingsstrecke überhöht vor wie in Indianapolis? Kennen Sie das Gefühl, wenn Damen jeden Alters nicht den Fahrer bewundern, sondern seinem Automobil nachschauen? Wenn ja: In welchem Auto haben Sie das erlebt – im Porsche 356 Speedster, einem Lancia Stratos oder dem Maserati Barchetta Stradale? Wenn nein: Nun gibt’s die Gelegenheit, all dies nachzuholen – im neuen Mittelmotor-Sportwagen Lotus Elise. Die südostenglische Sportwagen-Manufaktur Lotus balanciert aus Tradition ebenso über finanzielle Abstürze wie über technische Genieblitze. Nach dem Flop des frontgetriebenen Lotus Elan und dem Konkurs des Mutterhauses Bugatti (siehe Kasten auf Seite 24) öffneten die stets kreativen Lotus-Techniker einen allerletzten Rettungsfallschirm – den Lotus Elise. Nach der Präsentation auf der Frankfurter IAA im September 1995 darf der Elise nun für sich in Anspruch nehmen, mit aller Verve und Kühnheit des ersten Prototyps in Kleinserien-Produktion zu gehen. Bevor die traditionell orientierten deutschen Roadster-Fans, die bei Mercedes SLK und Porsche Boxster eben die Mutation von den Designstudien zum Serienmodell zu verdauen haben, fragen „Who the fuck is Elise?“, folgt hier die Antwort: Elise ist ein zweisitziger Sportwagen, dessen 120 PS starker 1,8 Liter-Vierzylinder-Mittelmotor aus dem MGF stammt. 

Das Monocoque aus geklebten Aluminium- Strangpressprofilen und eine Karosserie aus Glasfaserverbund reduzieren das Gewicht vollgetankt auf atemberaubend schlanke 733 Kilogramm. Allein diese Daten wirken wie das Vermächtnis des genialen Lotus-Gründers Colin Chapman, der als technischer Extremist die Monocoque-Bauweise und das Abtriebsprinzip in den Rennsport eingeführt und seine Firma in den sechziger und siebziger Jahren zur erfolgreichsten Formel 1-Marke gemacht hatte. Auch die Karosserieform lässt jene Ära wiederaufleben, in der Twiggy im Minirock Schönheitsideal war. Obwohl der Lotus Elise optisch als Promenadenmischung aus Lotus 23, Alpine 110, Ford GT 40 und McLaren M1 durchgehen könnte, wirkt er an der Jahrtausendwende ebenso modern wie die Originale 30 Jahre zuvor. Der Elise ist knapp wie ein Überziehungskredit und kompromisslos wie ein Rennwagen. Hinters Volant und in den Schalensitz schlüpft man wie in einen Schlafsack ohne seitlichen Reißverschluss – ziemlich gelenkig. Aug in Aug mit den Kniescheiben herumstehender Bewunderer, hinter einer 320 Millimeter durchmessenden Untertasse von Lenkrad und auf einem spartanisch gepolsterten Sitzgestell liegend, weiß man auch ohne historischen Background intuitiv: So muss sich der legendäre Lotus-Werksfahrer Jim Clark gefühlt haben, wenn er im kleinen Lotus 23- Rennsportwagen zwischen Oulton Park und Thruxton die hubraumstärkere Konkurrenz verblies.  

Der Lotus Elise besteht aus einem Minimum an Material und einem Maximum an Erlebnis. In einen Innenraum aus nacktem Aluminium gehüllt, mit drei Peugeot- Druckknöpfen und zwei Opel-Lenkstockhebeln verwöhnt, ohne Radio, ohne Aschenbecher, lernt man unmittelbar am Scheitelpunkt der ersten Kurve, Fortbewegung als Genuss zu begreifen. Der Rover-Motor domestiziert den Lotus, ohne ihn sportlicher Qualität zu berau- ben. Der nicht übertrieben explosive Vierventiler zieht ab 1000/min artig an, drängt sich auch akustisch nie in den Vordergrund und ist trotz der 1,8 Liter Hubraum potent genug, den Elise etwas schneller als einen Mercedes SL 500 und kaum langsamer als einen BMW M3 von null auf 100 km/h zu beschleunigen, nämlich in 6,5 Sekunden. Ohne Servolenkung, mit einer rennwagenähnlichen Radaufhängung, geringen ungefederten Massen und hervorragenden Bremsen ist dieser Minirock von einem Sportwagen immer auf der Gedankenhöhe seines Fahrers. Er lenkt in jede Art von Kurven spielerisch ein, verbeißt sich auch ohne überdimensionierte Bereifung geradezu in die Fahrbahnoberfläche und signalisiert verdammt spät durch Übersteuern, dass 60 Prozent seines Gewichts auf der Hinterachse lasten. 

Die gesunde Härte des Fahrwerks artet auch auf schlechten Straßen nie in Schläge unter die Gürtellinie aus. Vor lauter Vorfreude auf das nächste Geschlängel enger Kurven fällt ziemlich spät auf, daß der Elise kein neumodischer Roadster ist, sondern hinter den beiden Sitzen einen veritablen Überrollbügel samt Heckscheibe trägt – Targa hätte man früher dazu gesagt, bevor Porsche diesen Begriff für sein Glasdach schützen ließ. Ohne Dach, aber mit geschlossenen Scheiben, fährt man unter einem zugfrei freundlichen Himmel. Mit versenkten Seitenscheiben und herausgenommener Heckscheibe tollt der Fahrtwind ins Cockpit wie spielende junge Tiger. Der winzige Kofferraum, eine Art Hitzebox hinter dem Motor und oberhalb des Auspuffs, zwingt Passagiere zur totalen Identifikation mit ihrem Automobil – dem Minimalismus. Der gilt beim Elise sogar für den Verbrauch, dessen geringster Wert von 4,8 Liter/100 km nur hauchdünn vom berüchtigten Politikerideal des Drei-Liter- Autos entfernt ist. Der Elise ist ein Sportwagen für die zeitlosen Augenblicke. Er ist flach genug für jenen schmalen Spalt zwischen Fahrbahn und Morgennebel, und seine kleinen Kinderwagenarmaturen strahlen hell genug, um in der Dämmerung und unter Sternenhimmel nie den Tankinhalt aus den Augen zu verlieren. Die Radikalkur, soviel Spaß am Fahren einfach durch Weglassen zu erreichen, lässt natürlich nicht zu, den Lotus Elise als Supersportwagen zu bezeichnen. Aber er ist ein super Sportwagen, der auch seinen Preis hat: 49 600 Mark.  

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • Verwindungssteifer Verbund aus Chassis und Karosserie
  • ausreichend Platz im Innenraum
  • Sitze mit gutem Seitenhalt
  • Eingeschränkte Sicht nach schräg hinten
  • sehr wenig Kofferraum
  • komplizierte Verdeckmontage
  • schwieriges Einsteigen bei geschlossenem Verdeck
Fahrkomfort
  • Überraschung für alle, die keinen Federungskomfort erwarten: Der Elise ist straff, aber nicht überhart ausgelegt
  • Keine mittlere Armstütze
  • Kühlwasserleitungen in Seitenschwellern heizen Innenraum auf
  • mickrige Armaturen
  • zuwenig Ablagemöglichkeiten
Antrieb
  • Kultivierter Vierzylinder mit Großserienzuverlässigkeit
  • trotz geringen Hubraums und bescheidener Leistung hervorragende Fahrleistungen
  • gut abgestuftes Fünfganggetriebe
  • Schaltung zwischen einzelnen Gangebenen etwas hakelig
Fahreigenschaften
  • Trotz Mittelmotors sicherer Geradeauslauf
  • in jeder Situation extrem handlich
  • neutrales Kurvenverhalten
  • erst im Grenzbereich Tendenz zum Übersteuern
  • präzise Lenkung
  • hervorragende Bremsen
  • ABS auch gegen Aufpreis nicht lieferbar
Sicherheit/Umwelt
  • Sehr steifes Monocoque
  • hohe aktive Fahrsicherheit
  • massiver Überrollbügel hinter den Sitzen
  • dank moderner Leichtbauweise geringer Materialeinsatz
  • Keine Kopfstützen
  • weder Fahrer- noch Beifahrer- Airbag lieferbar
  • Crashverhalten unbekannt
Kosten
  • Dank 1,8 Liter-Großserien- Triebwerk übliche Unterhaltskosten
  • in Relation zu den hohen Fahrleistungen niedriger Benzinverbrauch
  • günstiger Preis
  • Exotische Marke mit kleinem Händler- und Service-Netz in Deutschland
  • geringe Wiederverkaufschancen
Technische Daten
Lotus Elise
Grundpreis33.742 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe3785 x 1719 x 1143 mm
KofferraumvolumenVDA115 L
Hubraum / Motor1796 cm³ / 4-Zylinder
Leistung90 kW / 122 PS (168 Nm)
Höchstgeschwindigkeit200 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h5,7 s
Verbrauch7,3 L/100 km
Testverbrauch1,0 L/100 km
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