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Lotus Esprit V8

Yellow Express

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Die kleine britische Sportwagenfirma Lotus steht wieder einmal zum Verkauf. Da kann es nicht schaden, wenn potentiellen Interessenten technische Kompetenz demonstriert wird. Lotus tut dies mit einem neuen Topmodell: dem Esprit mit Biturbo-Achtzylinder. 

25.10.1996 Götz Leyrer

Die kleine Welt der Lotus- Freaks ist wieder in Ordnung. Endlich verkündet ein neuer Schriftzug am Heck des bereits 1975 vorgestellten und vor neun Jahren optisch modernisierten Mittelmotor-Sportwagens Esprit standesgemäßen Antrieb: V8. Vorbei also die Zeiten, die dem Lotus unerbittlich immer wieder das gleiche Tester-Urteil bescherten: Schön, stark, schnell – aber nur vier Zylinder, auch wenn sie dank eines Turboladers Kraft im Überfluss produzieren, sind nicht die angemessene Motorisierung für einen ebenso exclusiven wie teuren Sportwagen. Die neue Lotus-Maschine gibt ein schönes Beispiel ab für hochwertigen Motorenbau. Sie ist ein überaus kompaktes Aggregat, dessen äußere Abmessungen nicht auf den für Lotus- Verhältnisse ungewöhnlich großen Hubraum von 3,5 Litern schließen lassen. Tatsächlich beansprucht der mit rotem Schrumpflack appetitlich hergerichtete Achtzylinder weniger Platz im Motorraum als der bisher übliche Reihenvierzylinder. Der V8 besteht komplett aus Leichtmetall, und er besitzt selbstverständlich vier Nockenwellen, die den Takt der insgesamt 32 Ventile steuern. Dass über 100 PS Literleistung erreicht werden, und das bei einer bescheidenen Nenndrehzahl von 6500/min, dafür sorgen zwei kleine Turbolader der amerikanischen Firma Garrett, die einen maximalen Druck von 0,75 bar liefern. Leistungsorientiert auch die Kurbelwelle: Sie ist flach, nicht im 90 Grad-Winkel gekröpft, wie es das klassische Rezept für einen Achtzylinder mit 90 Grad Zylinderwinkel vorschreibt. Das bringt zusätzliche Leistung im oberen Drehzahlbereich, weshalb auch die V8-Maschinen von Ferrari nach diesem Muster gestrickt sind.

Der Kenner weiß: Den eindrucksvollen Bollerton, für den konventionelle V8-Motoren bekannt sind, darf er von einer derartigen Konstruktion nicht erwarten. Denn während bei der üblichen Bauweise jeweils nach 90 Grad Kurbelwellenumdrehung ein Zylinder zündet, feuern beim Lotus-Motor alle 180 Grad zwei Zylinder gleichzeitig. Und damit sind beste Voraussetzungen geschaffen für einen plärrenden Vierzylindersound. Der Lotus beweist es: Nach einem kurzen, mechanisch erschreckend lauten Wimmern des Anlassers springt der Motor an und entwickelt bei einem Tritt aufs Gaspedal ein solches Geräusch, dass man geneigt ist, noch einmal auszusteigen und unter der Motorhaube nachzuschauen, ob die britischen Monteure da nicht versehentlich den alten Turbovierzylinder installiert haben. Der wohl komponierte Klang der angesaugten und nach getaner Arbeit ausgepufften Gase, der als spezifischer Sportwagenreiz nicht zu unterschätzen ist, fehlt dem Esprit V8 völlig, daran ändern auch hohe Drehzahlen nichts. Nur das zornige Fauchen der Bypass-Ventile beim Gaswegnehmen verkündet etwas von der unbändigen Kraft, die in diesem neuen Motor steckt. Die Aufladung ergibt eine über einen weiten Bereich sehr flach verlaufende Drehmomentkurve, und deshalb spielt es auch keine große Rolle, welcher Gang gerade eingelegt ist, wenn der Fahrer das Gaspedal ans Bodenblech heftet. In jedem Fall stellt sich ein gewaltiger Schub ein, der durchaus geeignet ist, einem mit den herrschenden Leistungsverhältnissen nicht vertrauten Beifahrer den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben.  

Die für viele Turbomotoren übliche Verschnaufpause, gern auch als Turboloch bezeichnet, ist beim Esprit so gut wie nicht wahrnehmbar. Der Ladedruck wird auch schon bei niedrigen Drehzahlen blitzartig und dabei sehr gleichmäßig aufgebaut, wodurch das Triebwerk ähnlich spontan und kraftvoll aufs Gas reagiert wie ein konventioneller Saugmotor. Das spricht für eine gekonnte Abstimmung, aber auch dafür, daß Lotus die Möglichkeiten der Aufladung nicht ausgereizt hat. Denn natürlich könnte ein so modern konstruierter Biturbo- V8 aus 3,5 Liter Hubraum noch beträchtlich mehr Leistung holen als die jetzt vom Werk genannten 354 Pferdestärken. Dass diese tatsächlich vorhanden sind, daran lassen die gemessenen Fahrleistungswerte keinen Zweifel aufkommen. Dank der hohen Belastung der Antriebsräder und der extrem breiten Reifen an der Hinterachse (285/35 ZR 18) kennt der Esprit keine Traktionsprobleme. Er krallt sich bei einem rennmäßigen Start förmlich in den Asphalt und katapultiert sich in einer Art und Weise nach vorn, dass der Fahrer kaum mit dem Sortieren der Gänge nachkommt. Das Getriebe, es stammt noch aus dem längst verblichenen Renault-Sportwagen Alpine, macht ihm das allerdings auch nicht leicht: Die Schaltung erfordert einen hohen Kraftaufwand, die Plazierung des Schalthebels hoch auf der breiten Mittelkonsole ist alles andere als ergonomisch perfekt. Und zu allem Überfluss wirkt die Schaltführung hakelig und unexakt. Trotzdem: Nach nur 4,7 Sekunden überschreitet der Esprit die 100 km/h-Marke, nach 15,5 Sekunden ist er bereits 200 km/h schnell. Auch darüber geht es zügig weiter, bis dann die Höchstgeschwindigkeit von 282 km/h erreicht ist. Das sind absolute Weltklasse-Werte, die den Lotus Esprit in die Creme der teuersten Supersportwagen einreihen.  

Im obersten Geschwindigkeitsbereich verursacht die Karosserie infernalische Windgeräusche, die das Brummen des Motors in den Hintergrund drängen, ansonsten aber hat der Fahrer keinen Grund zur Klage: Der Geradeauslauf ist beruhigend stabil, die Bremsen, geliefert von der renommierten italienischen Firma Brembo, verzögern bei Bedarf unnachgiebig und ohne ein Zeichen von thermischer Überlastung. Nur ein kräftiges Rubbeln wird bei extremer Beanspruchung spürbar, aber das verschwindet wieder, wenn die Temperaturspitzen abgebaut sind. Auch das Fahrverhalten unterstreicht das hohe Potential an aktiver Fahrsicherheit. Mit der Einschränkung, dass seine Karosserie extrem unübersichtlich ist, zeigt der Lotus eine vorzügliche Handlichkeit. Er reagiert spontan und exakt auf Lenkbewegungen, und er ist in der Lage, in Kurven eine Querbeschleunigung aufzubauen, die auf öffentlichen Straßen weit jenseits von Gut und Böse liegt. Bei zunehmendem Kurventempo sorgt ein verstärktes Untersteuern für ein Gefühl der Sicherheit, das gerade bei einem Mittelmotorauto nicht als selbstverständlich gelten kann. Leistungsübersteuern ist möglich, kein Wunder bei dem gebotenen Dampf, aber das Heck bricht dabei nicht blitzartig aus. Lenkkorrekturen wollen allerdings feinfühlig und exakt dosiert werden. Der Lotus verlangt nach einem Piloten mit Fingerspitzengefühl und weichem, sauberem Fahrstil. Wer ihm mit Gewalt seinen Willen aufzwingen will, kann vor allem bei Nässe lernen, dass sich auch ein gut abgestimmter Mittelmotor-Sportwagen an das Überraschungsmoment erinnert, das seine geringe Trägheit um die Hochachse bereithält. So bleibt auch die jüngste Ausführung des Esprit etwas für hartgesottene Fans, die sich mit all den traditionellen Mängeln abfinden: dem mühsamen Einstieg, der bisweilen groteske Verrenkungen erfordert, den winzigen, sich schmerzhaft in die Fußsohlen bohrenden Pedalen, der sorglosen Verarbeitung vieler Karosseriedetails. Ein Exot reinsten Wassers eben, der zumindest optisch jedem Porsche Turbo die Schau stiehlt. Den wenigen Lotus-Kunden genügt das. Und sie sind sich einig in der Hoffnung, dass ein potenter Geldgeber die Fortsetzung der Produktion ermöglicht.  

Vor- und Nachteile

Kosten
  • Langlebige Konstruktion mit verzinktem Rahmen und Kunststoffkarosserie
  • Wartung für zwei Jahre im Preis enthalten
  • Hoher Wertverlust zu erwarten, hohe Wartungsund Reparaturkosten
  • teure Ersatzteile
  • sehr dünnes Händler- und Servicenetz in Deutschland
Karosserie
  • Gute Verwindungssteifigkeit
  • reichhaltige und weitgehend funktionelle Ausstattung
  • ausreichend großer Kofferraum
  • Eingeschränktes Platzangebot im Innenraum
  • unbequemer Einstieg
  • schlechte Übersichtlichkeit
  • mäßige Verarbeitungsqualität
Fahrkomfort
  • Federung mit befriedigendem Schluckvermögen
  • bequeme Sitze mit guter Seitenführung
  • Starke Aufheizung des Innenraums
  • teilweise unübersichtliche Bedienung
  • Schaltung und Kupplung mit hohen Bedienungskräften
  • laute Windund Abrollgeräusche
Antrieb
  • Turbomotor mit sehr hoher Leistung und spontanem Ansprechen auf Gaspedalbewegungen
  • exzellente Beschleunigungsund Elastizitätswerte
  • harmonisch abgestuftes Fünfganggetriebe
  • Ordinäres Vierzylindergeräusch
  • hakelige Schaltung
Fahreigenschaften
  • Gute Handlichkeit, hohe Kurvenstabilität mit nahezu neutralem Eigenlenkverhalten unter Last
  • präzise Lenkung mit gutem Fahrbahnkontakt
  • standfeste Bremsen
  • Lastwechselreaktionen im Grenzbereich
  • eingeschränkter Geradeauslauf auf Längsrillen
Sicherheit/Umwelt
  • Ausführung für Deutschland serienmäßig mit Airbags für Fahrer und Beifahrer
  • steife Rahmenkonstruktion
  • Liebhaberobjekt ohne Recyclingprobleme
  • Crashverhalten nicht ermittelt
  • hoher, aber den Fahrleistungen noch angemessener Verbrauch
Technische Daten
Lotus Esprit V8
Grundpreis81.072 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4415 x 1885 x 1150 mm
Hubraum / Motor3506 cm³ / 8-Zylinder
Leistung260 kW / 354 PS (400 Nm)
Höchstgeschwindigkeit282 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h4,8 s
Verbrauch13,2 L/100 km
Testverbrauch17,2 L/100 km
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