Den Kopf devot gesenkt vor dem Einschlag der Dachholmkeule, die Beine gekrümmt in Erwartung harter Querträger-Attacken und den Rücken zum Davon- rät-jeder-Physiotherapeut-ab-Bogen gespannt. „Über die Qual zur Freude“ darf getrost als Leitspruch für den üblichen Einstieg in einen Lotus gelten. Da riefen auch echte Freaks schon mal nach einem Komfort-Exige mit etwas mehr Schattenparker- Bequemlichkeit und einer Prise mehr Laderaum. Beides gibt es jetzt. Doch nicht als Exige, sondern als Europa S. So nennt sich der neue Mini-GT mit größerer Einstiegsluke und auf 154 Liter gewachsener Kofferraumkapazität.
„Happy birthday“ stimmen da Lotus-Kenner gleich an, denn im Dezember vor 40 Jahren ließ Colin Chapman erstmals einen Europa bauen – mit mittig sitzendem Renault-16-Motor und 78 PS. Der lief mit kleineren Änderungen und zuletzt 126 PS im Europa Twin Cam Special bis 1975. Der Neue hat mit dem Urmodell außer zwei Sitzen und dem direkt im Nacken pochenden Mittelmotor wenig gemein. Dafür teilt er das ultraleichte Aluminium-Chassis mit dem aktuellen Exige sowie Elise.
Komplett neu ist nur der modisch gerundete Kunststoffbody, denn technisch ist er ein Stiefbruder des inzwischen eingestellten, auch in Hethel bei Norwich gebauten Opel Speedster, dessen 200-PS-Turbomotor in einem Stahlgerüst quer im Heck wütet. Der Zweiliter pfeift bei jedem Lastwechsel sein Wastegate-Liedchen und brüllt die Ein-Tonnen-Fuhre mit hektischem Vierzylinder- Gekreische nach vorne. Untenrum gleichmäßig, aber um 4000/min eher britisch zurückhaltend, setzt der Vierventiler erst ab 5000/min den richtigen Drehmoment-Kick. Und rauscht auch gleich souverän um eine knappe halbe Sekunde an der Null-auf-100-Werksangabe vorbei.
An der Lotus-Tradition optimistischer Messwerte hat sich bisher jedoch kein Connaisseur ernsthaft gestört. Leistung ist im Reich der ultraleichten Sportflitzer ein echtes Relativum, bei dem mehr der Charakter als die absolute Zahl interessiert. Doch gerade an Wesensstärke fehlt es dem maßgeblich von Lotus-Ingenieuren entwickelten Aggregat etwas. Erst beißt der Vierventiler auf Gaspedalbefehl verzögert und nicht böse genug zu, dann lässt der Turbo-Hund aber nicht richtig los, wenn das Herrchen schon längst die Kupplung tritt.
Das schlanke Alu-Stöckchen zum Schalten des neuen, knackig rastenden M32-Sechsganggetriebes sollte also eher mit Bedacht als Eile geworfen werden. Don’t panic, der Europa S zieht trotzdem kräftig und emotionalisiert schon nach kurzer Zeit in echter Lotus-Manier. Er ist hemmungslos kurvenverliebt, konsequent hyperagil und gibt dem Fahrer übers Lenkrad freimütig jedes Straßendetail preis.




