Lotus Evora im Test: Der Elise-Bruder mit V6 und 280 PS

Lotus Evora

Entgegen dem Trend zum Downsizing rüstet Lotus auf und bietet mit dem Evora einen reizvollen 2+2-sitzigen Sportwagen - den derzeit einzigen mit Mittelmotor und den ersten in der Firmenhistorie mit V6-Triebwerk.

Größe ist relativ, sie liegt am Blickwinkel der Betrachtung. Für die Traditionsmarke Lotus jedenfalls ist der Evora ein riesengroßer, wichtiger Schritt, denn die Briten verlassen damit den seit vielen Jahren verfolgten Pfad. Möglichst klein, leicht, teils fragil, für manche monothematisch, ist nicht mehr bindend. Es darf also ein bisschen mehr sein, ohne jedoch die ursprünglichen Tugenden und Talente zu verwerfen. Die Plattform - komplett neu entwickelt und kein weiteres Lotus Elise-Derivat - besteht traditionell aus Aluminium. Die Karosserie wird nicht in Blech gepresst, sondern aus Kunststoff laminiert. Und wirklich neu ist das Thema 2+2-Sitzer bei Lotus ebensowenig.

Der Lotus Evora läuft nicht aus dem Ruder

Elan +2, Elite, Eclat und auch Excel vergrößerten schon von 1967 bis 1992 das Produktportfolio um eine Notsitzreihe. Weder genetisch noch optisch läuft der Lotus Evora also aus dem Ruder. Trotz einer Länge von deutlich über vier Meter bewahrt sich der Zweitürer den Nimbus der Leichtigkeit. Er ist kein optisches Schwergewicht, den die Trägheit der Masse schon im Stand lähmt - ganz Lotus-Philosophie eben. Unter der flachen Frontpartie schmiegen sich die Kühler eng an den Hilfsrahmen aus Aluminium. Hinter der schlanken Taille erwächst ein wohl proportioniertes, kräftiges Heck - breit genug, um einen Kofferraum zu bieten, der einen Golfbag aufnimmt.

Der Lotus Evora beschleunigt besser als ein Porsche Cayman

Und kurz davor, klassisch zwischen den Achsen, pulsiert das Triebwerk. Ein für Lotus-Verhältnisse riesiges Aggregat mit sechs Zylindern und opulenten 3,5 Liter Hubraum. Kein quäkender Vierzylinder müht sich um Vortrieb, sondern standesgemäß klingende 280 PS und ein maximales Drehmoment von 350 Newtonmeter, resultierend aus der langjährigen Partnerschaft mit Toyota. Womit der Lotus Evora aus technischer Sicht auf Augenhöhe zu seinen neuen Klassenkameraden rangiert und bezüglich der Beschleunigung beispielsweise vor einem Porsche Cayman herumturnt.

Um beim Thema Turnen zu bleiben: Beim Einsteigen ringt der Lotus Evora seinen Piloten keine extremen Leibesübungen mehr ab. Anders als beim Lotus Exige beispielsweise wird mehr eingestiegen als eingefädelt. Nicht wirklich graziös, aber ohne Muskelzerrung gehts hinein in das edel belederte und überzeugend verarbeitete Innere.

Die hintere Sitzreihe des Lotus Evora taugt nur für absolute Notfälle

Man taucht durch weit öffnende Türen, hinweg über tiefe, breite Schweller auf direktem Weg in perfekt konturierte, bequeme Recaro- Sitze. Ein Audi TT lässt sich zweifellos leichter entern. Dennoch geht es im Lotus Evora keinesfalls so eng zu, dass Klaustrophobe einen Bogen um den Briten machen müssen. Der Platz ist angemessen, solange nicht mit der hinteren Sitzreihe geliebäugelt wird. Die Notsitze taugen tatsächlich nur zur allerhöchsten Not für Halbwüchsige. Am besten jedoch als Gepäckablage, womit sich der Nutzwert des Briten nicht groß von dem der Konkurrenz unterscheidet. 3.510 Euro Aufpreis für die zweite Reihe ist allerdings stattlich, trotz Isofix-System inklusive. Besser scheint die gleiche Summe ins optionale Tech-Pack investiert. Also in einen Tempomat, eine Reifendruckkontrollanzeige, Parksensoren sowie in ein HiFi-System mit DVD-Player und Navigationsgerät.

Der Lotus Evora-V6 ist kein wildes Tier

Die verbaute Alpine- Anlage scheint freilich von einer Tuningmesse aus den 90ern zu stammen und bietet bei ihrer Handhabe mehr Rätsel als Lösungen an. Schluss mit dem elektronischen Kleinkram. Ein Lotus ist nicht zum Wohnen, sondern zum Fahren gedacht. Genau hierfür stellt er dann auch die passenden Mittel parat. Zunächst einen aus ergonomischer Sicht gelungenen Innenraum, auch wenn der linke Fuss durch den weit in den Innenraum ragenden Schweller keinen Ruheplatz findet. Trotzdem: Zeit, den wahren Geist zu wecken. Der mit einem Kunststoffpaneel abgedeckte V6 räuspert sich mit vorgehaltener Hand, stimmt ein unauffälliges Verbrennungslied an. Er ist kein wildes Tier, das die Besatzung zu irgendeiner Zeit böse anblafft, auch kein giftiger Sportmotor, der latent am Nervenkostüm zupft.

Kurze Schaltwege im Lotus Evora

Gemach erhebt der Vierventiler ab 3.000 Umdrehungen den Ton. Ab 4.500/min verschärft die Nockenwellenverstellung dann den Biss. Noch 2.000 Touren, bis die erste der insgesamt drei Schaltlampen ein Zeichen setzt. Der metallisch klackende Schaltknauf begnügt sich mit erfreulich kurzen Wegen. Beim engagierten Führen durch die Gassen geht die ursprüngliche Exaktheit allerdings in den Tiefen des Mitteltunnels verloren. Puristen wird erfreuen, dass das Fahren im Lotus Evora nicht synthetischer Natur ist, die Erfahrung nicht in Watte gepackt wird. Es ist ein ehrliches, direktes Erlebnis, das jedoch eine passende Dosis Langstreckenkomfort in sich birgt. Von einer übertrieben harten Hand werden die doppelten Aluminium- Dreieckslenker nämlich nicht geführt. Straff, aber ausgewogen gehen die Feder-Dämpfer-Elemente zu Werke. Nur kurzer Querfugen wird der Lotus nicht Herr, die schlagen bis ins kleine Lenkrad durch.

An Board des Lotus Evora gibt es kein vollwertiges ESP

In gegensätzlicher Richtung ist an der Befehlskette nichts zu mäkeln. Seiner präzisen und direkten Lenkung folgt der Hecktriebler ansatzlos, ohne gleich übertrieben spitz zu agieren. Auch die Anfälligkeit auf Spurrillen ist vertretbar. Da fällt die Reaktion auf Lastwechsel schon deutlicher aus. Zumal lediglich eine Traktionskontrolle und kein vollwertiges ESP an Bord ist. Könner werden es goutieren, wenn das Heck mit dem Gaspedal gekitzelt werden kann. Andere sollten sich in den Kurven einen gleichbleibenden Lastzustand aneignen. Sodann ist der Grenzbereich von einer überzeugenden Neutralität geprägt.

Mit dem Lotus Evora ist Engagement im Motorsport geplant

Fahrdynamisch ist der Lotus Evora (der Lotus Evora im Fahrbericht) eine Wucht - ein von feinster Agilität durchzogenes Handlingspielzeug mit einer bestens zu dosierenden und standfest greifenden Bremsanlage. Dass letztlich doch nicht mehr als drei Sterne herausspringen, liegt an der lückenhaften Sicherheitsausstattung. Für das kommende Modelljahr ist ein ESP geplant, und auch sonst hat man bei Lotus mit dem Evora noch Großes vor. Eine Variante mit Automatikgetriebe steht ebenso auf der Agenda wie eine Version mit Kompressor-Motor. Und ein Motorsport-Engagement hat der neue Firmenlenker Dany Bahar ebenfalls im Fokus.

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Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 01 / 2010

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