Lotus Exige Cup 260 22 Bilder Zoom

Einzeltest des neuen Lotus Exige Cup 260: Wie das Testareal zum Spielplatz mutiert

Um sich auf dem Kleinen Kurs von Hockenheim mit einer Rundenzeit von rund 1.12 Minuten zu schmücken, bedarf es keineswegs Leistungen von mindestens 400 PS - wie der neue Lotus Exige Cup 260 im Einzeltest blendend unter Beweis stellt.

Selig sind die Unwissenden, die Derartiges abschätzig als Spielwarenabteilung titulieren. Kindern und Kennern geht beim Anblick hingegen hoffnungsfroh das Herz auf. Den Youngstern, weil die Ausmaße eines Lotus Exige der eigenen Körpergröße fast wie auf den Leib geschneidert scheinen. Und weil die Kriegsbeklebung sowie der Heckspoiler zu einer treffsicheren Aussage führen: "Ui, ein Rennauto". Kindermund tut eben Wahrheit kund.
 
Lotus-Philosophie: Weniger ist mehr
 
Schließlich kommt der Intimus der Sportwagenszene zur identischen Erkenntnis, wenn auch mit einer deutlich fundierteren Begründung: Weniger die Größe als die daraus resultierende Masse macht‘s. Doch wirklich zählt nur das Gewicht. Und in dieser Hinsicht ist weniger schließlich mehr. Eine Philosophie, der sich Lotus seit Anfang an verschrieben hat, und die, basierend auf dem fast schon ehrwürdigen Aluminium-Chassis der Elise, in vielerlei Blüten gedeiht. Im jüngsten Fall in Form des Exige Cup 260.
 
Ein bekannt auf Presspassung geschneiderter Zweisitzer, dem es im Grunde seines von Toyota stammenden Herzens auf direktem Weg vom öffentlichen Straßenverkehr auf die Rennstrecke treibt. Weniger, weil der effektvoll beklebte und mit vielen positiven Blicken beschenkte Brite optisch regelrecht danach schreit. Sondern vielmehr, weil ihn ein großes Sammelsurium an technischen Ingredienzen dazu auszeichnet.
 
Rennwagen-Ausstattung ist mit an Bord
 
Platt ausgedrückt bedarf es nur noch einer feuerfesten Textilie und eines entsprechenden Helms, um sich in die Startaufstellung zu schlängeln. Alle sonstigen für den Rennbetrieb auszeichnenden Feinheiten sind mit an Bord beziehungsweise werden mitgeliefert. Wie zum Beispiel der vordere, nachträglich montierbare Teil des Überrollkäfigs. Ein Feuerlöschsystem nebst Aktivierung von innen und außen sowie zwei Notausschalter gehören ebenso zum Rundum-Rennstrecken-Paket wie HANS-taugliche, karge, erleichterte Schalensitze.

20 Kilogramm weniger als Exige S
 
Nun tragen die Sicherheitsfeatures bezüglich der zu bewegenden Masse zweifellos etwas auf. Andererseits speckt der Cup 260 im Vergleich zur Exige S an geeigneter Stelle ab. Unterm Strich sind es immerhin 20 Kilogramm - vornehmlich durch den gezielten Einsatz von Kohlefaserkomponenten.
 
Offensichtlich werden diese Diät-Maßnahmen schließlich beim neckisch vorspringenden Frontspoiler, den seitlichen Kühllufteinlässen sowie dem üppigen Heckflügel. Fahrdynamisch wirkungsvoller, weil den Schwerpunkt senkend, zeigt sich der Einsatz des hochfesten und leichten Materials beim Dach und der Heckklappe.
 
Dank 260 PS ein Leistungsgewicht von 3,5 kg/PS
 
Mit vollem Tank und aus Gründen der besseren Praktikabilität mit reduziertem Bügelgeflecht bringt der straßenlegitime und renntaugliche Cup-Exige exakt 920 Kilogramm auf die Waage. Zwar verfehlt er damit die versprochenen 890 kg ein wenig. Doch das brillante Leistungsgewicht von 3,5 kg/PS kündet trotzdem von einer verlockenden Basis, um die fahrdynamische Spielwiese entsprechend tiefschürfend zu beackern. Um jene 3,5 kg/PS zu realisieren, muss sich nach der Gesetzmäßigkeit des Dreisatzes auch unter der Kunststoffhaut des Exige das eine oder andere getan haben.
 
Dank eines größeren Kompressors und Modifikationen an der Steuerelektronik wirft der 1,8 Liter große Vierzylinder also 260 PS in die Schlacht. Angesichts des kleinen Wagens ein hübsches Leistungssümmchen.

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Hockenheim-Rundenzeit: 1.12,8 Minuten

Beim Kurvenpuzzle auf der Rennstrecke offenbart sich, welchen Tiefgang die Formel Leistung in Bezug auf Gewicht tatsächlich in sich birgt. Noch mehr Leistung kann noch mehr Gewicht zwar kaschieren. Aber nur längsdynamisch. Und auch dann nur eindimensional. Das passende Umfeld vorausgesetzt genügen schmächtige vier Zylinder, um eine Zwölfer-Zeit in den Kleinen Kurs von Hockenheim zu brennen.
 
Mit 1.12,8 Minuten dreht der Exige Cup 260 so manch Potenterem und vor allem Teurerem eine lange Nase. Auf den Geraden verliert er, aber vor, in und kurz nach der Kurve gewinnt er. Eine laxe Rennfahrerweisheit gewinnt plötzlich an plakativer Relevanz: Wer später bremst, ist länger schnell. Es ist die tatsächliche Masse, die im wahrsten Wortsinn das entscheidende Zünglein an der Waage spielt. Zum Beispiel vor der Sachskurve, wo der Cup-Exige den Bremspunkt eines Audi R8 über zehn Meter später setzt - und sich allein mit dieser einen Aktion einige Zehntelsekunden holt.
 
Rekordverdächtige Bremsen
 
Bildlich gesprochen ist es ein riesiger Anker, den der kleine Wagen zu werfen im Stande ist. Vor der Ameisenkurve verzögert der Exige mit 12,3 m/s². Kein Zufallstreffer, wie der Blick auf die Messwerte zeigt: Auch beim Verzögern aus Tempo 200 presst der Lotus die Besatzung mit gleicher Vehemenz in die Gurte. 125,4 Meter genügen für jene Übung: rekordverdächtig. Dass die erste von zehn Vollbremsungen aus 100 km/h relativ bescheiden ausfällt, zeugt gleichfalls von den Rennsportgenen. Erst wenn die speziellen Pagid-Beläge auf eine entsprechend angewärmte Bremsscheibe zupacken und auch die gripfreudigen Yokohama-Reifen auf Betriebstemperatur sind, ist das System scharf, um absolute Höchstleistungen zu liefern.
 
Um hingegen die Insassen des Cup 260 nicht zu überhitzen, steht als einer der wenigen Punkte eine Klimaanlage in der Optionsliste. Jedoch dürfte dies für puristische Lotus-Fetischisten als ebenso entbehrlich gelten wie die serienmäßige, in zehn Stufen justierbare Traktionskontrolle. An Grip mangelt es dem umtriebigen Briten nämlich höchstens auf nassem Geläuf. Bei Trockenheit segelt der mit 37,5 zu 62,5 Prozent hecklastig austarierte Freibeuter der Rennstrecke absolut verlässlich auf Kurs. Ein im Umgang ungefährliches Präzisionsinstrument. Bestens geeignet, um die Ideallinie mit einem sauberen Schnitt zu filetieren.

Neutralität ist die Seele des Lotus-Spiels
 
Im Grenzbereich entpuppt sich der Cup 260 als enger Vertrauter, geradezu hörig wenn es gilt, bereits kleinsten Lenkbefehlen Folge zu leisten. Und der es nicht einmal im Ansatz krumm nimmt, wenn er am Kurvenlimit früh mit Last beschickt wird. Neutralität ist die Seele des Lotus-Spiels. Von zickigen Reaktionen spricht sich der Hecktriebler frei.
 
Dabei entgegnet er Lastwechseln in einer sanftmütigen Art, die den sportlich versierten Fahrer keineswegs vor unlösbare Aufgaben stellt. Im Gegenteil: Der fahrdynamische Kick ist sogar noch weiter auszureizen. Ein einstellbarer vorderer Stabilisator und gleichfalls justierbare Bilstein-Dämpfer stellen das dafür nötige Rüstzeug bereit. Letztlich geht der Exige Cup 260 also doch als Spielzeug durch. Als eines aus der Fachabteilung Fahrdynamik, das mit einem Grundpreis von 67.600 Euro zweifellos nicht günstig kommt. Aber im Vergleich zu in Hockenheim ähnlich schnellen Edel-PS-Protzen doch als Schnäppchen gilt. Das seinen Fahrer reich beschenkt, ihn andernorts aber auch Verzicht lehrt. Weil das geringe Gewicht zwangsläufig nicht mit üppigem Ausstattungsbrokat einhergeht.
 
Feinheiten im Innenraum sind Mangelware
 
Wenngleich die Teilvertäfelung mit Wildleder und Kohlefaser-Elementen bestens mit dem Gesamtauftritt harmoniert. Und auch die hochfrequente, schrille Geräuschkulisse des mit maximal 8.500 Touren frenetisch jubilierenden Motors darf als hohes Lied der Fahrfreude gewertet werden.
 
Der Lotus Exige Cup 260 erfordert eben eine spezielle Art der Betrachtung. Auch bezüglich der Tatsache, dass an manchen Ecken und Enden eine doch etwas lasche Einstellung zur Verarbeitungsqualität anzutreffen ist. Aber solche Marginalien sind Ansichtssache: Für die einen zählt der äußere und innere Schein, für die anderen nur das in Rundenzeiten ausgedrückte Sein.

Jochen Übler

Autor

Foto

Rossen Gargalov

Datum

18. Juni 2009
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 05/2009.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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