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Maserati Quattroporte V8

Der Maserati Quattroporte V8 im Test

26 Bilder

Seit die ehemals marode, in Modena ansässige Edelschmiede von Fiat übernommen wurde, lebt Maserati wieder auf. Die viertürige Limousine Quattroporte soll an die sportlichen Glanzzeiten anschließen. An den Fahleistungen wird dies sicher nicht scheitern.  

02.01.1996 Eckhard Eybl

Nur jemand wie Benvenuto Cellini, Florentiner Goldschmiede- Maestro der Renaissance, könnte aus purem Gold eine Schablone ziselieren, die auf den Quattroporte passt. Der Maserati für glückliche Familien ist vier Zentimeter kürzer als ein VW Passat Variant, fast genauso teuer wie ein Mercedes S 500, hat mehr Kofferraumvolumen als ein BMW M3, nur ein PS weniger Leistung als ein Porsche Carrera und ist noch exclusiver als der viersitzige Ferrari 456 GT. Im Preis von 141 200 Mark sind unter anderen enthalten: eine Karosserie im Niemandsland zwischen königlichem Understatement und bürgerlicher Schlichtheit, vier Türen, Ulmenwurzelholz-Einlagen am Armaturenbrett, ein 2,8 Liter- V6, die schönste Borduhr der jüngeren Automobilgeschichte, elektronisch verstellbare Dämpfer, Sitzpolster aus handvernähtem Florentiner Leder, zwei japanische IHI-Abgas- Turbolader, insgesamt 21 mal das Maserati-Wappen mit Dreizack, ABS, ein Vierstufen- Automatik-Getriebe von ZF sowie 80 Jahre Automobilgeschichte, in denen Blut und Tränen reichlicher geflossen sind als Lambrusco. Seine Maße – 455 Zentimeter lang, innen fast so geräumig wie der neue Fünfer- BMW – etablieren den Maserati Quattroporte in einer oberen Mittelklasse, die gerne mit Pseudo-Noblesse protzt. Diesem Geltungsbedürfnis entzieht sich der Quattroporte mit einer Karosserie hart an der Grenze zur Langeweile. Kein Schriftzug verrät das Inkognito, aber der Dreizack im Kühlergrill und am Kofferraumdeckel informiert Eingeweihte mit Diskretion. Die Legende der sieben Brüder Maserati entfaltet sich in voller Pracht über einem Innenraum, der nach Großserienkriterien als leidlich funktionell gilt und das Niveau der anderen großen Limousinen aus dem Fiat-Konzern, Alfa Romeo und Lancia, hält. In den vier gut ausgeformten Sitzen lässt sich auch bei der Höchstgeschwindigkeit von 252 km/h entspannt ruhen. Kleinigkeiten wie die unsensiblen Schalter für die elektrische Sitzverstellung und die nicht ausreichende Höhenverstellung des Lenkrads müssen hingenommen werden.  

Wer sich darüber mokiert, weiß nicht, dass der große Juan Manuel Fangio den letzten seiner fünf Weltmeistertitel in einem Maserati 250 F erfuhr und Wilbur Shaw das 500 Meilen- Rennen von Indianapolis zweimal mit einem Boyle Special gewann, hinter dem sich ein Maserati 8 CTF verbarg. Der Geist von damals ist im Quattroporte schon deshalb noch lebendig, weil er noch immer in jener Modenaer Backsteinfabrik gebaut wird, die das Unternehmen 1939 bezog. Auch die Herstellungsmethoden dürften sich nicht dramatisch verändert haben, seit auto motor und sport-Gründer Paul Pietsch 1939 beim Grand Prix auf dem Nürburgring auf einem Maserati Dritter wurde. Auch 1996 entsteht ein Quattroporte in Handarbeit, nochmals veredelt durch weitere Nobelmarken. Pininfarina baut die Rohkarossen. Ferrari überzieht die Karosserien in der neuen Lackiererei nicht nur mit diskretem Dunkelblau, Anthrazit oder Bordeaux, sondern auch mit dem automobilen Glanz der Emilia Romagna. Dementsprechend knistern im Leder, im Holz und auch in der Karosserie alle guten Geister, als müssten sie einen dieser damaligen, gewaltigen Reihenachtzylinder-Rennmotoren übertönen. Doch der 2,8 Liter-V6 mit 90 Grad Zylinderwinkel säuselt trotz rauhen Laufs bestenfalls wie ein guterzogener Sängerknabe, weil das hochtourige Pfeifen der beiden Turbos, deren Ladeluft luftgekühlt wird, die Arie der Mechanik überdeckt. Die Lader reagieren praktisch ohne Verzögerung. Die Antriebskräfte malen zunächst eine Drehmomentkurve ins Leistungsdiagramm, die zwischen 3000/min und 5000/min aussieht wie eine Hochebene, und katapultieren die 1662 Kilogramm schwere Limousine bei Bedarf wie einen Sprinter aus den Startblöcken.

Proportional zum Drehzahlmesser steigt auch der Quattroporte- Faktor, nämlich die Eigenschaft, hohe Fahrleistungen durch viel Luxus und etwas Komfort so zu filtern, bis aus dem 284 PS starken schwarzen Espresso ein cremiger Cappuccino geworden ist. Die betont weich schaltende Vierstufen-Automatik von ZF nimmt dem Motor einerseits ein wenig Biss, andererseits sorgt sie dafür, dass die unbändige Kraft gebändigt auf die Straße kommt und nicht permanent die Räder durchdrehen. Zwar schwillt auch der Innengeräuschpegel über die zivilen Werte vergleichbarer Mercedes und BMW an, aber die Tonstärke der vorwiegend an den A-Säulen auftretendenWindgeräusche bewahrt auch bei Tempo 160 Belcanto-Qualitäten. Ein bisschen High Tech erhöht den Unterhaltungswert. Deshalb werden die glatt polierten Holzintarsien der Mittelkonsole von einem grauen Softtouch- Schalter mit LED-Anzeige gestört, über den sich die Härte der Koni-Stoßdämpfer elektronisch verändern lässt. Der automatisch eingestellte Mittelwert der Stufe zwei entpuppt sich als ordentlicher Kompromiss, die weiche Stufe eins gilt als Damenstellung, die harte Stufe vier als Maserati Cup-Abstimmung. Im Fahrverhalten leistet sich der Maserati Quattroporte jene Dosis Diskrepanz, mit der Bewunderer deutlich mehr renommieren als Kunden. In Kurven ohne Last zunächst neutral bis sanft untersteuernd, zieht einsetzender Ladedruck und der damit verbundene Lastwechsel dem Fahrwerk das Schafsfell von der Einzelradaufhängung: Der Quattroporte wird zum dynamisch übersteuernden Hecktriebler, dessen Hinterräder von 46 Prozent Achslast nicht allzu stark auf die Fahrbahn gedrückt werden. Erstklassige Bremsen, die sehr gut verzögern und keinerlei Fading aufweisen, fangen ihn bei Bedarf sicher ein. 

Automobile Pflichten erfüllt der Quattroporte erstens vornehm und zweitens besser als jeder andere Maserati. Natürlich wird der eine oder andere Transportkapazitätsfetischist der Versuchung erliegen, fürs gleiche Geld anstatt eines Quattroporte drei VW Sharan GL zu kaufen, aber diese Zielgruppe hat Maserati nicht im Visier. Ein Quattroporte-Käufer darf serienmäßig in italienische Automobilkultur und -geschichte investieren und erhält als Gegenwert exakt jene Quantität Luxus, ohne die das Leben einfach ärmer ist. Einmal mit den Fingerkuppen über den Holzknauf des Automatik-Wahlhebels gestreichelt, einmal den Schalter für die Beleuchtung dieser Borduhr betätigt, einmal den Ladedruck auf den Maximalwert gekitzelt, und der alltägliche Bedarf an Quattroporte geht nach oben wie der Benzinverbrauch bei Vollgas. Die leidenschaftlichsten Argumente für den Kauf eines Quattroporte liefert die Konkurrenz. Von allen kompakten Sportlimousinen ist er die Exclusivste.    

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • befriedigendes Innenraumangebot und Kofferraumvolumen
  • gute Übersichtlichkeit
  • funktionelle Bedienungselemente
  • luxuriöse Ausstattung
  • mäßige Verarbeitungsqualität und Torsionssteifigkeit
  • starke Knistergeräusche
Fahrkomfort
  • Stoßdämpferhärte elektronisch verstellbar
  • auf ebener Fahrbahn komfortable Basisabstimmung
  • bequeme Sitze
  • auf welliger Fahrbahn und Bodenunebenheiten unterdämpft
  • etwas zuviel Seitenneigung in Kurven
  • bei hohem Tempo Windgeräusche
Antrieb
  • leiser und sehr durchzugsstarker V6-Biturbo mit sportwagenähnlichen Fahrleistungen
  • harmonisch abgestimmte Vierstufen-Automatik
  • etwas rauher Motor
  • ab 5000 U/min nicht mehr ganz so drehfreudig
  • Automatik schluckt Leistung
Fahreigenschaften
  • guter Geradeauslauf
  • angenehmes Handling
  • weitgehend neutrales Kurvenverhalten
  • unter Last gut kontrollierbares Übersteuern
  • erstklassige und standfeste Bremsen
  • eingeschränkte Traktion auf nasser Fahrbahn
  • zuwenig Fahrbahn-Rückmeldung in der Lenkung
Sicherheit/Umwelt
  • Vier-Sensoren-ABS serienmäßig
  • Seitenaufprallschutz in den Türen
  • serienmäßig Fahrer-Airbag
  • Gurtstraffer
  • Crash-Schalter für Benzinpumpe
  • FCKW-freie Klimaanlage
  • Beifahrer-Airbag erst später gegen Aufpreis lieferbar
Kosten
  • Liebhaberfahrzeug mit luxuriöser Serienausstattung
  • in Kleinserie vorwiegend handgefertigt
  • hoher Anschaffungspreis
  • voraussichtlich hoher Wertverlust
  • dünnes Werkstätten- und Händlernetz
  • hoher Benzinverbrauch
  • teurer Unterhalt
Technische Daten
Maserati Quattroporte 2.8
Grundpreis64.648 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4550 x 1810 x 1380 mm
KofferraumvolumenVDA495 L
Hubraum / Motor2790 cm³ / 6-Zylinder
Leistung206 kW / 280 PS (397 Nm)
Höchstgeschwindigkeit255 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h5,9 s
Testverbrauch14,8 L/100 km
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