Mercedes A 200 CDI im Praxistest

Ist der Sinn fürs Praktische noch da?

Mercedes A 200 CDI AMG Sport, Frontansicht

Die Mercedes A-Klasse ist kein gemütlicher Hochsitz mehr, sondern ein Kompakter, der mit Audi A3 und BMW 1er um die Wette wedeln möchte. Der A 200 CDI im Praxistest.

Als "Pulsschlag einer neuen Generation" wird die neue Mercedes A-Klasse beworben, Umsteiger vom bisherigen Modell wird allerdings aus anderen Gründen der Puls hochgehen. Der bequeme Einstieg und die gute Übersicht – bisher immerhin Kaufgründe Nummer eins und zwei – sind beim Neuen Geschichte. Vor allem Mitfahrern nötigt der schmale, nach oben halbrund zulaufende Türausschnitt eine tiefe Verbeugung ab, bis sämtliche Gliedmaßen in die dunkle Fond-Höhle einsortiert sind.

Den Pulsschlag altgedienter Mercedes A-Klasse-Fahrer lässt der W 176 angesichts des flachen Heck-Sehschlitzes allenfalls beim Rangieren in die Höhe schnellen. Seit der Käfer-Nachfolge durch den Golf gab es im Automobilbau hierzulande wohl keinen so gravierenden Paradigmenwechsel mehr.

Endlich mit BMW 1er und Audi A3 messen

Dabei war der Schwenk auch Mercedes-intern nicht unumstritten. So sprachen sich viele im bis zu 3.000-köpfigen Mercedes A-Klasse-Team für eine Fortführung des funktionalen Konzeptes aus. Nachdem fünf verschiedene Karosserie-Varianten mit identischem Radstand aufgebaut und ausgiebig begutachtet wurden, setzte sich am Ende das Dynamik-Lager durch. Vor allem wollte man sich endlich mit den richtigen Gegnern messen, oder wie es Projektleiterin Eva Greiner ausdrückt: "Mich hat geärgert, dass viele meiner Studienfreunde einen BMW 1er oder Audi A3 fahren." Mit der B-Klasse haben die Schwaben zudem noch ein Auto für Pragmatiker im Angebot, das zu rund 80 Prozent aus Technik-Gleichteilen besteht.

Durch den fehlenden Sandwich-Boden fällt die neue Mercedes A-Klasse 16 Zentimeter flacher aus und streckt seine lange Schnauze aufreizend selbstbewusst in den Wind. Mit 341 Liter Volumen bleibt das Gepäckabteil zwar noch im klassenüblichen Rahmen, doch da die massiven Rücklichter nicht mit der Heckklappe nach oben schwenken, muss es über einen schmalen Ausschnitt beladen werden.

Dafür hat Mercedes alles getan, damit es der anvisierten Zielgruppe ganz vorn gefällt. Da die Sitzhöhe mit 174 Millimetern noch stärker als das Dach tiefergelegt wurde, kommen zarte SLK-Gefühle auf, die im Testwagen von einem AMG-Paket samt Sportsitzen, roten Kontrastnähten und galvanisierten Kunststoffteilen unterstützt werden. Wem die teure AMG-Optik zu testosteronlastig ausfällt, der bekommt die neue Mercedes A-Klasse jedoch auch als Style oder Urban, was nebenbei viel peppiger klingt als die bisherigen Varianten Classic oder Elegance mit ihrem Schwarzwald-Holzdekor. Noch mehr beeindruckt der Innenraum freilich mit rundherum hochwertigen Materialien und einer übersichtlichen Gestaltung, die die Bedienelemente für Klimatisierung oder Infotainment in separate Einheiten zusammenfasst. Dass der Sinn fürs Praktische nicht ganz abhanden gekommen ist, zeigen Details wie die herausnehmbaren Gummieinlagen in den Türtaschen, dank derer sich kleinere Getränke-Unfälle leicht abwaschen lassen.

Multimedia-Stecker in den Tiefen der Mittelarmlehne

Etwas Pingeligere mäkeln höchstens über Multimedia-Stecker, die aus den Tiefen der Mittelarmlehne gefischt werden wollen oder über Assistenzsysteme, die sich nur per Lenkrad-Fernbedienung konfigurieren lassen. Zudem verwundert, dass die Controlling-Abteilung anstelle eines standesgemäßen Motorhauben-Liftes eine banale Klemmstange durchsetzen konnte. Denn ansonsten fällt die Serienausstattung der Mercedes A-Klasse mit Klimaanlage, Multifunktionslenkrad, CD-Radio samt USB-Anschluss und einem radarbasierten Kollisionswarner alles andere als ärmlich aus.

Das im Testwagen Mercedes A 200 CDI eingebaute Infotainment-System zeigt allerdings, dass die Zielgruppen-Verjüngung noch nicht ganz abgeschlossen ist. Zwar beherrscht das Comand-System einige Online-Funktionen, jedoch nur dann, wenn ein Handy mit seltenem Bluetooth-Protokoll DUN (Dial Up Network) gekoppelt ist. Immerhin haben findige Bastler eine Android-App programmiert, so dass News- oder Wetterportale über das Testhandy Samsung Galaxy S3 abgerufen werden konnten. Apple-Besitzer schauen jedoch noch in die Röhre, denn erst Anfang 2013 soll ein "Drive-Kit Plus" für das iPhone lieferbar sein, das dessen Inhalte auf den Bordmonitor zaubert. Wer vor der Bestellung des rund 3.200 Euro teuren Comand-Systems zurückschreckt, sollte daher zumindest das Monitor-Radio "Audio 20" nehmen, an das sich wahlweise auch ein im Vergleich eher günstiges Becker-Navi nachrüsten lässt.

Mercedes A 200 CDI wuselt motiviert und sparsam

Von der Datenautobahn jetzt aber endlich ab auf die Straße und Motor an. Als Mercedes A 200 CDI mit 136 PS hält die A-Klasse beim Ampelstart nicht ganz, was die AMG-Optik verspricht. Dafür überzeugt die neue 1,8-Liter-Variante von Daimlers Diesel-Allrounder OM 651 nach kurzem Kaltstart-Nageln mit guten Manieren und gleichmäßiger Kraftentfaltung schon knapp über Leerlauf. Zudem wuselt der Vierzylinder motiviert bis knapp an die 5.000er-Marke heran. Und das, ohne zum Trinker zu werden. Auch dank des Start-Stopp-Systems, das den Direkteinspritzer sanft aus- und ruckfrei wieder anknipst, bleiben Test- und Minimalverbrauch mit 6,0 bzw. 4,1 L/100 km im Rahmen.

Zu den Highlights der neuen Mercedes A-Klasse gehört zweifellos die elektromechanische Lenkung, die sich unnötiges Agilitäts-Posing verkneift, den Fronttriebler jedoch bei Bedarf ansatzlos und dabei gelassen sowie leicht kontrollierbar ums Eck wirft. Bei einsetzendem Untersteuern reicht meist ein leichter Gaspedallupfer, um den Baby-Benz mit seiner großteils aus Alu gefertigten Vierlenker-Hinterachse wieder auf Spur zu bringen. So sehr sich altgediente A-Klasse-Fahrer an die neue Karosserie gewöhnen müssen – wer den Mercedes A 200 CDI erst einmal fährt, legt das Fremdeln nach ein paar Metern ab.

Und was sagt die Stoppuhr? Angesichts der stark frontlastigen Gewichtsverteilung dürften die Fahrdynamik-Trauben doch ziemlich hoch hängen. Tatsächlich sollen die ersten Prototypen ausgerechnet in diesem Punkt geschwächelt haben. Drei Millionen Testkilometer und tausende Stunden im Fahrsimulator brachten jedoch den Durchbruch: Mit 64,5 km/h beim Slalom sowie 130,7 Sachen im ISO-Parcours wedelt der Mercedes A 200 CDI exakt auf dem Niveau der bayerischen Handling-Profis.

A-Klasse mit Federungskomfort eines BMW 1er - leider

Mit denen teilt sich der Mercedes A 200 CDI jedoch auch den herben Federungskomfort. So referiert das AMG-Sportfahrwerk in Kombination mit den 18-Zoll-Rädern nahezu ununterbrochen über die Straßenbeschaffenheit. Ein zum Vergleich gefahrenes Modell mit Serienfederung federt zwar geschmeidiger, stellt kurze Stöße oder Querrippen jedoch knackig durch. Einstellbare Dämpfer sucht man übrigens vergeblich, bei Mercedes übernimmt man das Setup noch selbst, anstatt den Kunden per Schalter rumprobieren zu lassen. Wer jedoch auf das markentypische Schwebegefühl einer C- oder E-Klasse im Kompaktsegment gehofft hatte, wird enttäuscht.

Die anvisierte Zielgruppe dürfte dies kaum stören. Immerhin meldet Mercedes für die neue A-Klasse schon 40.000 Interessenten, die den Kompaktsportler gleich in den ersten vier Wochen nach Verkaufsstart bestellten. Das Wagnis des neuen Konzepts hat sich offenbar gelohnt, weswegen die Endmontage im Werk Rastatt ab Oktober auf Dreischichtbetrieb umstellt. Was bei den Mercedes-Verantwortlichen wiederum zu einem deutlich reduzierten Puls führen dürfte.

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Dirk Gulde

Autor:

auto motor und sport, Heft 20 / 2012

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