Mercedes CL 500 im Test: Tschüss Sauger, hallo Biturbo

Mercedes CL 500 Cgi

Erster Test des Mercedes CL 500. Das dezente Facelift könnte man glatt übersehen - aber ihn zu überholen, dass geht kaum: Ein neuer 4,7-Liter-V8 mit  435 PS und 700 Nm treibt das schwere Luxuscoupé zu beeindruckender Längsdynamik.

Er hat ausgebrabbelt, M273 verlässt uns. Torpediert von kommenden Abgasnormen und CO2-Anforderungen, muss einer der besten Achtzylinder der Welt seinen Zylinderhut nehmen. Ihnen läuft ein Tropfen feinstes 0W40 aus dem Augenwinkel? Uns auch.

Tschüss Sauger, hallo Biturbo

Nicht wenige sagen, einen besseren Motor haben die Stuttgarter nie gebaut. Aber die Sterne stehen eben schlecht für Saugmotoren, seien sie auch noch so elastisch und sparsam wie M273 - besser bekannt als der 500er. Und deshalb macht Mercedes auch im CL 500 kurzen Prozess. Selbst der gerade vier Jahre alte 6,2-Liter-AMG-V8 räumt bald die Motorlager für einen Biturbo der neuen V8-Reihe (dort M157 genannt).

Turbo, Direkteinspritzung - das klingt nach Werkstatt-Abo für den Mercedes CL 500

Jetzt erwischt es auch den Mercedes CL 500. Zum Facelift des sportlichen Luxus-Liners nabelt das Unzternehmen den neuen M278 an die Antriebswelle. Argwöhnisch beäugt von allen, die die Haltbarkeit des großvolumigeren Saugers so sehr schätzten. M278 ist kleiner - 4,7 statt 5,5 Liter -, stärker - 435 statt 388 PS - und lässt einen Turbo pro Zylinderbank pusten, Direkteinspritzung inklusive. Das klingt für Traditionalisten wie ein Abo für die Werkstatt.

Mercedes CL 500 muss kein Drehwunder mehr sein

Wir werden sehen - und fühlen: Der Antritt des neuen 90-Grad-Blocks zerstäubt erst mal das 0W40-Tränchen auf der Kopfstütze und klatscht den 2,1 Tonnern schweren Mercedes CL 500 im Test so mühelos nach vorne wie bisher das Zylinder-Dutzend des 600ers. Gönnte sich der Vorgänger noch eine subtile Kraftsenke unterhalb von 2.000 Touren, springt der neue Mercedes CL 500 mit der maximalen Kraft von 700 Nm so impulsiv darüber, dass ältere Piloten über eine stärkere Haftcreme für die Dritten nachdenken sollten. Da muss er dann auch kein Drehwunder mehr sein: Bei 6.500/min ist Schluss. In 4,6 Sekunden, so das Test-Ergebnis (Werk: 4,9), schnurrt die Tachonadel auf Tempo 100. Auch wenn früher schon alles prächtig war, geht manches heute offensichtlich noch viel prächtiger.

Nichts für ungut, alter Kerl, aber der neue Alu-Bolide wirkt wie mit Testosteron geschmiert und strotzt vor Kraft und Leistungswillen. Das winzige Turboloch beim Mercedes CL 500 zu detektieren, fordert mehr Mutwillen als Feinsinn. Dazu blubbert sein höchst eleganter V8-Bass noch ein Härchen-Profil auf den Unterarm. Vorausgesetzt, durch die offenen Fenster strömt Frischluft. Denn im geschlossenen Innenraum bei Teillast summt er im Test leiser als eine schwäbische Hausfrau bei der Kehrwoche.

M278 - ein Motorgigant arbeitet im Mercedes CL 500

Die Dame würde bestimmt auch sehr goutieren, dass der Daimler (wie der Schwabe sagt) im Test deutlich unter zehn Liter minimal konsumiert und sich selbst bei etwas forscherer Fahrweise bei rund 13 Liter pro 100 km einpendelt. Woran auch die schnelle Siebengang-Automatik mit Start-Stopp-System (herrlich sanft) und bedarfsgerecht geregelte Systeme (Generator, Servolenkung und Klimaanlage) ihren Anteil haben. Diese Ambivalenz aus Emotion und Kultiviertheit, Kraft und Sparsamkeit macht M278 zu mehr als einem würdigen Nachfolger von M273. Es befördert ihn vom Start weg zum Motorgiganten.

Damit wären 90 Prozent der Modellpflege besprochen. Was gibt es sonst noch? Der Kühlergrill strebt jetzt pointierter nach vorne - wo Mercedes ja laut Vorstandschef Dieter Zetsche bekanntlich sein soll, und die Leuchteinheiten schauen mit ihrem LED-Lidschatten grimmiger. Das Fahrverhalten bleibt hingegen exzellent. Zumindest solange man den CL als schnellen Reisekreuzer und nicht als Kurvenkratzer deutet. Sonst offenbart der Schwabenpfeil eine gemütliche Indirektheit bei der Reaktion auf schnelle Lenkbefehle und eine konservative ESP-Konsequenz, die den Spaß unmissverständlich bremsen.

Letzteres macht der Mercedes CL 500 besonders gerne. Er verzögert im Test selbstständig beim gefährlichen Spurwechsel, beim Spurverlassen und kurioserweise auch bei gebogenen Tunneln, die der Notbremsassistent gerne mal als unüberwindbares Hindernis interpretiert - nicht gerade zur Freude des nachfolgenden Verkehrs. Und er stoppt auf Pedalbefehl - den gibt es auch noch - mit hervorragenden Werten um 36 Meter aus 100 km/h. Wer einen Mercedes CL 500 kauft, hat die wilden Jahre hinter sich.

Kuschelweicher Komfort und konservatives Interieur

Dazu passt das weitgehend unverändert barock-konservative Interieur des Mercedes CL 500  mit der hervorragenden Standard-, aber umständlichen Assistenzfunktionsbedienung. Zudem umgarnt seine Passagiere das elektrohydraulisch geregelte ABC (Active Body Control)-Fahrwerk mit geringem Wanken und kuschelweichem Komfort. Unterstützt vom flüsterleisen Windgesang und Ledersesseln, für die mancher gerne seine Wohnung umräumen würde, selbst wenn man darin zu hoch thront. Das ganze elektrische Einstellgedöns hebt die Sitzfläche gefühlt um zwei Zentimeter zu den Standardsitzen an. Jetzt fehlen nur noch mindestens 118.346 Euro – viel für ein Auto, angemessen für den Mercedes CL 500.

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