Mercedes S 400 Hybrid: Die S-Klasse mit Hybridantrieb im Einzeltest

Mercedes S 400 Hybrid

Mit der überarbeiteten S-Klasse startet Mercedes ins Hybrid-Zeitalter. Ein 20 PS starker Elektromotor im Antriebsstrang soll den Verbrauch senken - bei gleichzeitig erhöhtem Fahrspaß. Kann der S 400 Hybrid Luxus mit gutem Gewissen verbinden?

Vorbei die Zeit der Schmach. Eine gefühlte Ewigkeit lang mussten sich deutsche Autobauer hänseln lassen, den Hybrid-Trend schlicht verschlafen zu haben. Vor allem für Mercedes ist dieser Vorwurf bitter, schließlich definiert sich kaum ein Hersteller so sehr über seine Innovationen und Patente wie der Erfinder des Automobils. Höchste Zeit also, mit dem S 400 Hybrid all denjenigen Käufern eine Spritspar-Alternative zu den genügsamen Diesel-Modellen zu bieten, für die ein Selbstzünder nicht so recht in ein Luxus-Auto passen mag.

Der Mercedes ist der erste Serienhybrid mit Lithium-Ionen-Akku

Obwohl Toyota schon seit über zehn Jahren Verbrennungs und Elektromotor kombiniert, steckt in der S-Klasse ein Stück schwäbischer Pioniergeist: Schließlich kommt zum ersten Mal in einem Serienhybrid ein Lithium-Ionen-Akku zum Einsatz, der mehr Energie auf gleichem Raum speichert als die bisher verwendeten Nickel-Metallhydrit-Batterien. Über einen 20 PS starken E-Motor soll das Hybridmodul den V6 mit seinen 279 PS auf einen Normverbrauch von nur 7,9 Litern drücken. 186 Gramm CO2 pro Kilometer bedeuten ebenfalls Oberklasse-Rekord. (Fahrbericht Mercedes S 400 Hybrid)

Für rein elektrisches Fahren ist der S 400 allerdings nicht ausgelegt. Im Gegensatz zum Konkurrenten Lexus LS 600h dient der im Gehäuse der bekannten Siebengang-Automatik untergebrachte Synchronmotor von ZF-Sachs ausschließlich zur Unterstützung des Sechszylinders. Dafür kann der Benziner im Gegenzug besonders spritsparend ausgelegt werden, wodurch er sich auch in Situationen genügsam gibt, in denen Hybridtechnik allein noch keinen Spareffekt verspricht - etwa auf der Autobahn. Die Ingenieure machen sich dabei einen Atkinson-Prinzip genannten Kniff zunutze, bei dem die Einlassventile zwischen Ansaugen und Verdichten etwas länger offen bleiben. Atkinson klingt nicht nur nach Diät; durch den geringeren Verdichtungs-Gegendruck sowie niedrigere Abgastemperaturen reduziert sich tatsächlich der Verbrauch. Allerdings leidet auch das Durchzugsvermögen, weswegen nicht alle Motoren mit dieser Auslegung arbeiten.

Bremsenergie-Rückgewinnung im Mercedes S 400 Hybrid

Doch genau hier kommt der E-Motor ins Spiel und wuchtet beim Beschleunigen (bis 150 km/h) maximal 160 Newtonmeter zusätzlich auf die Antriebswelle - mehr als ein VW Golf 1.6 an Drehmoment zu bieten hat. Durch den Verzicht auf elektrisches Fahren kann der Akku des Mildhybrids mit 0,9 Kilowattstunden Kapazität vergleichsweise klein und leicht ausfallen. So sitzt der Saftspender von Continental im Motorraum, wo sich sonst die Starterbatterie befindet. Damit es den empfindlichen Zellen nicht zu heiß wird, sind sie in den Kreislauf der Klimaanlage integriert, die durch ihren elektrischen Antrieb auch im Stand kühlt, wenn das Start-Stopp-System den Motor abschaltet.

Ihren Strom beziehen die Akkus vom E-Motor, der beim Bremsen zum Generator mutiert. Daher packen die mechanischen Bremsen erst ab einer Verzögerung von über 0,15 g zu. Mit bis zu acht Prozent entfällt der größte Spar-Anteil der Hybridtechnik damit auf die Bremsenergie-Rekuperation. Vom komplexen Zusammenspiel aus elektrischem und konventionellem Antrieb merkt der Fahrer herzlich wenig. Nach einem Stopp erwacht der V6 mit nur leichtem Ruckeln zum Leben und spurtet dank Drehmoment-Boost vor allem auf den ersten Metern leichtfüßig los. Bei höherem Tempo auf sich allein gestellt, überzeugt der Sechszylinder jedoch eher mit Laufruhe denn schierer Kraft.

Kurze Gewöhnung fordert allerdings das schwergängige Bremspedal sowie ein synthetisches Gefühl beim elektrischen Bremsen. Immerhin steht der Mercedes S 400 Hybrid genauso schnell wie seine konventionell bremsenden Brüder aus früheren Tests - trotz rollwiderstandsoptimierter Reifen, die seit dem Facelift in der gesamten Baureihe zum Einsatz kommen.

Hoher Fahrkomfort im Mercedes S 400 Hybrid

Da Mercedes die komplette Spritspartechnik ohne Modifikationen an der Rohkarosse unterbringen konnte, bleibt das Platzangebot für Passagiere und Gepäck unangetastet. Keine Selbstverständlichkeit, schließlich kupieren die großen Batterien den Kofferraum des Lexus LS 600h auf Kompaktklasse-Niveau. In ihrem Kern unverändert, gehört die Mercedes S-Klasse auch als Hybrid zu den komfortabelsten Limousinen überhaupt, deren serienmäßige Luftfederung vor allem kurze Stöße oder Querfugen verblüffend gekonnt einsaugt. Und wer einen bequemeren Ort sucht als die nochmals verfeinerten Sitze mit optionaler Massage- und Belüftungsfunktion, muss schon auf einer Kumulus-Wolke Platz nehmen.

Der Mercedes S 400 Hybrid glänzt mit niedrigem Verbrauch

Auch wenn der Zweitonner eher durch Reife und Gelassenheit denn spitzes Einlenken überzeugt: Gegen allzu zügig angegangene Kehren protestiert er lediglich mit etwas Reifenwimmern, bleibt ansonsten aber lang neutral und problemlos beherrschbar. (Sicherheit: Mercedes S400 Hybrid mit Bremsairbag)

Doch all das war bisher schon bekannt. Spannender ist, ob der Hybrid tatsächlich spart. Und das tut er: Auch wenn zu diesem frühen Zeitpunkt noch kein facegelifteter S 350 zum direkten Vergleich verfügbar war, darf ein Testverbrauch von 10,9 Litern als äußerst respektabel bezeichnet werden. Mit etwas leichterem Gasfuß sind problemlos Werte unter neun Liter drin, womit der S 400 Hybrid zu den genügsamsten Benzinern der Luxusklasse gehört.

Der Hybridantrieb im Mercedes S 400 kostet 4.500 Euro Aufpreis

Ob die Spritspartechnik einen Aufpreis von rund 9.000 Euro wert ist, muss jedoch jeder für sich selbst entscheiden. Selbst ausstattungsbereinigt (unter anderem Navigationssystem, LED-Paket und Media-Interface serienmäßig) beträgt der Unterschied zur Basis noch rund 4.500 Euro. Legt man den von Mercedes angegebenen Minderverbrauch von rund zwei Litern zugrunde, dürfte sich der Hybrid beim Gros seiner Käufer erst am Ende seiner Nutzung über den zu erwartenden höheren Wiederverkaufswert amortisieren.

Was jedoch nichts daran ändert, dass Mercedes mit dem S 400 einen späten, aber gelungenen Einstand ins Hybrid-Zeitalter feiert und mit überschaubarem Aufwand den Verbrauch spürbar senkt. Auch wenn der große Benz nur einen Stern auf der Haube trägt: Da die Zusatz-Technik zu keinen Abstrichen bei Platzangebot und Alltagstauglichkeit zwingt, hat er sich seine fünf Sterne redlich verdient.

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Dirk Gulde

Autor:

auto motor und sport, Heft 13 / 2009

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