Mercedes SL 350 im Test: Facecar

Facelift für den Mercedes SL. Kann der kräftig aufgefrischte Sechszylinder-Sportmotor mit 316 PS im SL 350 halten, was der grimmige Gesichtsausdruck verspricht?

Man glaubt es kaum, aber so steht es grün auf weiß in den Fahrzeugpapieren: Der Mercedes SL ist eine Kabrio/Limousine. Typisch Amtsdeutsch, denn das war der Zweisitzer noch nie. Ein Roadster - wie ihn Mercedes nennt - aber auch nicht, denn mit Raub einen vom Schlage eines Morgan oder Triumph TR 3 hat der aktuelle SL etwa so viel gemeinsam wie ein iPod Touch mit einem Walkman von 1979.

Und von SL wie super leicht hat sich Mercedes schon lange verabschiedet, wie der jüngste SL 350 mit üppigen 1,8 Tonnen eindrücklich beweist. Da kommt die Leistungsspritze für den 3,5-Liter-V6 geraderecht, wobei die Mercedes-Techniker zu bewährten Mitteln griffen: Erhöhung der Verdichtung, geänderte Nockenwellen, überarbeiteter Ansaugtrakt und Feinarbeit am Zylinderkopf. Das Resultat sind 44 zusätzliche PS, das maximale Drehmoment von 360 Nm fällt bei 4.900/min an. Der alte 3,5-Liter-V6 musste seine Kurbelwelle für 350 Nm lediglich gemächliche 2.400/min rotieren lassen. Ist der Neue deshalb eine Drehorgel ohne Kick von unten raus?

V6 schiebt gut voran

Auf den Punch eines V8 wartet man vergebens, aber ein Mangel an Kraft herrscht im SL 350 nicht. Ein Druck aufs Gaspedal, und der SL schiebt standesgemäß voran, begleitet von einer verhalten metallisch klingenden Fanfare aus den beiden Endrohren. Obwohl der Testwagen die Werksangabe für den Standard-Sprint von null auf 100 km/h um eine halbe Sekunde verfehlt, wirkt der SL bei dieser Übung, die er in 6,7 Sekunden absolviert, keinesfalls müde. Was zum einen daran liegt, dass der Motor sämig und mühelos an Drehzahl zulegt, und zum anderen, dass Siebenstufen-Automatik und V6 miteinander harmonieren. Es kommt nur sehr selten vor, dass nicht automatisch der passende Gang eingelegt ist.

Die Schaltpaddel für 297 Euro wird man nur auf sehr eng gewundenen Straßen bemühen oder wenn man aktiv den vernehmlich brotzelnden Zwischengasstoßauslösen möchte, für den die Motorsteuerung beim Herunterschalten sorgt. Im Testmittel inhaliert der V6 12,2 L/100 km, auf der zurückhaltend gefahrenen Normrunde braucht der Zweisitzer gar nur 8,4 L/100 km - da sage noch einer, dass alle Sportler trinksüchtig wären.

Mercedes-Trumpf: der Komfort

Ein gelungener Motor allein macht freilich noch keinen Sportwagen aus, doch bei Lenkung und Fahrwerk waren zur Modellpflege nur moderate Eingriffe nötig. Komfort und verbindliche Anbindung an die Straße gingen beim SL seit seiner Vorstellung 2001 Hand in Hand. Tatsächlich lässt sich der Federungskomfort mit dem einer großen Limousine vergleichen. Einschränkungen bringen kleine Rippen und Dellen in der Straßenoberfläche, dann sprechen die Dämpfer etwas steif an. Lange Wellen schluckt er dagegen souverän. Erfreulicherweise geht die Geschmeidigkeit nicht mit Torkeln und Wiegen einher - selbst dann nicht, wenn der Wagen wie im Test auf das ABC-Fahrwerk verzichtet. Sicher, so spielerisch und präzise wie ein Lotus lässt sich der SL nicht um die Ecken werfen, aber der Fahrspaß ist erheblich.

Dazu trägt die neue Direktlenkung (178 Euro)einen großen Teil bei. Ihre Zahnstange weist eine variable Übersetzung auf, was ihr um die Mittellage die Nervosität nimmt - das kommt dem Geradeauslauf zugute. Hat man das Lenkrad allerdings mehr als fünf Grad eingeschlagen, wird das System sehr direkt. Das fördert wiederum die Handlichkeit und hilft, den SL-Hüftspeck zu kaschieren. Der ist traditionell auch eine Folge der soliden Verarbeitung.

Airscarf und Windschott kosten extra

Denn der massive SL bleibt unter allen Umständen steif wie eine Eisenbahnschiene. Klappern oder Knackengehören definitiv nicht zu seinen Lebens-Äußerungen. Säuseln dagegen schon, wenn man den Airscarf für 595Euro ordert. Dieser Nackenföhn, bestehend aus dezent summenden Lüftern und einem Heizelement, sitzt in der Kopfstütze und bemüht sich um angenehme Temperaturen im Genick der Passagiere - mercedestypisch in drei Stufen einstellbar. Kleinere Zeitgenossen berichten von einer wohltuenden Wirkung, ab 1,90 Meter Körpergröße wird dagegen lediglich der Jackenkragen temperiert. Immerhin schützt das Windschott (428 Euro) vor frostiger Zugluft.

Ist das 1.130 Euro teure Harman Kardon-Soundsystem an Bord, lässt sich ein akustischer Sturm entfachen. Raumklang mit verblüffender Auflösung ist garantiert. Für mehr Unterhaltung und Information sorgt das Comand-System für 2.332 Euro mit Navigationsgerät. Die Routenwahl gelingt präzise, Staus werden frühzeitig angezeigt und alternative Routenschnell berechnet. Einen Dreh-Drück-Steller wie in der S-Klasse gibt es nicht, das SL-Comand wird über Knöpfe rundum den hoch auflösenden Monitor bedient. Oder über die gut funktionierende Sprachbedienung. Überhaupt macht es der SL seinen Passagieren leicht, mit ihm umzugehen und ihn zu schätzen.

Verarbeitung und Bremsen überzeugen

Bei der Verarbeitung gibt es nichts zu bekritteln. Die Aluminium-Zierteile wirken extrem hochwertig und liebevoll eingepasst, die Kunststoffteilestehen hier nicht zurück – dieses übersichtlich gestaltete Armaturenbrett schaut man gern an. Die Sitzposition lässt sich auf unterschiedlichste Staturen einstellen, Komfortsitze mit Heizung und Belüftung (1.226 Euro) schmeichelndem Rücken und bieten ausreichend Seitenhalt. Werkstatt Teil- lieber Volllederbezüge möchte, muss allerdings mindestens 1.035 Euro ausgeben.

Die elektrohydraulische SBC-Bremse ist hingegen weiterhin serienmäßig an Bord und mittlerweile nicht mehr von einer reinhydraulischen Anlage zu unterscheiden. Bremsleistung und Standfestigkeit überzeugen ebenfalls. Nach all dem Lob gibt es, neben der Preispolitik, ein paar Punkte zu kritisieren.

Die Übersichtlichkeit ist vor allem bei geschlossenem Dach eher dürftig, der Platz hinter den Sitzen als Ablage schlecht nutzbar. Und dann sind da noch diese halbstarken Beulen in der Motorhaube, die übrigens bei den wirklich starken AMG-Versionen nicht zu finden sind. Tatsächlich haben sie keine Funktion. Sie geben dem SL einen Mehr-Schein-als-Sein-Auftritt. Nötig hat er ihn nicht.

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Christian Bangemann

Autor:

Mercedes SL: Ein gelungenes Facelift?
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