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Mercedes SL 65 AMG im Test

Power-Kraut

Foto: Hans-Dieter Seufert 14 Bilder

Starker Tobak von Mercedes: Wem die 500 PS im SL 600 oder SL 55 AMG zu wenig sind, dem kann ab sofort geholfen werden. Die neue Topversion des SL mit sechs Liter Hubraum verfügt über satte 612 PS und 1.000 Nm Drehmoment.

01.07.2004 Wolfgang König

Wieso übertrieben? Schließlich leben wir in Zeiten, in denen weltweit immer mehr Menschen nicht nur ein Auto besitzen, sondern je eines für jede Gelegenheit. Ein Range Rover zum Beispiel ist im Durchschnitt ein Drittwagen (in Kalifornien sogar der Siebtwagen). Die Leute haben den robusten Geländewagen, um damit die Kinder zur Schule zu bringen, den Ferrari für die Drehzahlorgie am Wochenende, und zum DVDGucken legen sie sich in den opulenten Fond ihrer Maybach- Limousine. Doch mehr als 600 PS, mit denen man al fresco und ganz gemütlich zum Supermarkt fahren kann, fehlten bislang im Angebot. Nun füllt Mercedes diese Marktlücke, genauer gesagt die für Tuningaufgaben verantwortliche Mercedes-Tochter AMG. Die PS-Köche vergrößerten den 5,5-Liter-V12 der Mutter auf sechs Liter, tauschten die beiden Turbolader gegen größere, verbesserten die Ladeluftkühlung und sorgten dafür, dass das Ganze anschließend nicht auseinander fliegt.

Das Ergebnis ist der stärkste Serienmotor, den die Welt zurzeit kennt. Zugegeben, 612 PS und mehr gibt es auch anderswo, aber keines dieser Aggregate schafft 1000 Nm Drehmoment. Eigentlich wären es sogar 1200 Nm, doch mit Rücksicht auf die Fünfgangautomatik, obgleich in verstärkter Ausführung, muss die Kraftentfaltung elektronisch begrenzt werden. Das Außergewöhnliche daran: Während dergleichen sonst nur in Autos zu finden ist, die wie verhinderte Rennwagen aussehen, versenkt AMG dieses Monstertriebwerk in einen gewöhnlichen SL (wahlweise auch in den CL oder in die S-Klasse). Das ist so, als würde man sich die Zigarre mit dem Vesuv anzünden.

201 840 Euro kostet die Parforce- Nummer SL 65 AMG – anders ausgedrückt so viel wie zwei SL 500, deren 306-PS-V8- Motoren sich im Vergleich allerdings wie Paraffin-Kocher ausnehmen. Oder so viel wie ein SL 600 beziehungsweise SL 55 AMG, mit 500 PS keineswegs schwächelnd, plus 672 Tankfüllungen. Dennoch kann man dem SL 65 einen gewissen Schnäppchen- Charakter nicht absprechen: Der SLR (626 PS) aus dem gleichen Haus kommt auf mehr als das Doppelte. Und schneller ist man damit auch nicht, jedenfalls nicht bis Tempo 250, wo AMG – politisch korrekt – beim SL elektronisch die Grenze zieht.

Zwar wird unter der Hand auch eine entfesselte Variante angeboten, aber bei 300 km/h ist endgültig Schluss – der Reifen wegen, heißt es, denn ganz offen könnte es ein SL 65, wie man bei AMG raunt, auch mit den 334 km/h des SLR locker aufnehmen. Ein unvergleichliches Erlebnis ist es allemal, denn der Begriff Beschleunigung beschreibt das, was die Insassen beim Niedertreten des Gaspedals erleben, nur unzureichend. Beamen wäre passender.

Völlig unaufgeregt schleudert der Biturbo-V12 seine nicht unerhebliche Fracht (Leergewicht: 2057 Kilogramm) in die anvisierte Richtung, so vehement, als wäre höhere Gewalt im Spiel. Doch allenfalls das hysterische Gelächter argloser Beifahrer stört in diesen Momenten die Stille, vom sportiv abgestimmten Auspuffsound ist im geschlossenen Wagen indessen fast nichts zu hören. In 3,9 Sekunden fliegt der SL 65 auf Tempo 100, bis 200 km/h dauert es 12,6 Sekunden, aber auch jenseits der 200 hängt man als träge Masse im Sitz, während sich das Auto mit kaum verminderter Wucht der technisch verordneten Tempobegrenzung nähert. Und noch immer gebärdet sich die Bestie sanft wie ein Plüschtier, der Kontrast zum Feuer speienden SLR könnte größer kaum sein. Zum Vergleich dessen Werte: 3,8 und 11,3 Sekunden. Bekömmlicher lässt sich so viel Leistung nicht zubereiten, und genau das ist denn auch die Nische des SL 65.

Im Alltag benimmt er sich so zivilisiert und handzahm wie jeder andere SL – samstägliches Brötchenholen inklusive. Die Automatik arbeitet perfekt, so dass man die von AMG vorgesehenen Schalttasten am Lenkrad in der Praxis getrost vergessen kann. Er erfüllt die Euro 4-Abgasnorm, die Serienausstattung umfasst den vollen SL-Luxus, und bei Bedarf sind die 612 PS auf Knopfdruck SL-mäßig unter freiem Himmel zu genießen. Auch der Komfort wurde nicht abgeschafft – der Versuchung, beim schnellsten aller SL das Fahrwerk mit Eisen zu füttern, hat man bei AMG gottlob widerstanden.

Das Topmodell der Baureihe nutzt wie die minderen Versionen die Vorzüge der aktiven ABC-Federung. Zwar wurde alles eine Idee gestrafft, gleichwohl sorgt der ABC-Computer im üblichen Fahrmodus weiterhin dafür, dass sich Unebenheiten nur selten störend bemerkbar machen. Die Vorzüge der AMG-Abstimmung zeigen sich wie versprochen beim Kurvenfahren. Im Vergleich zum zivileren SL 600 wechselt der SL 65 bereitwilliger den Kurs, neigt beim Einlenken weniger zum Untersteuern und beglückt sportlich ambitionierte Fahrer mit einer zusätzlichen Dosis Präzision. Logisch, dass die Kräfte, die hier an den Antriebsrädern zerren, bedacht sein wollen. Schon eine sanfte Berührung des rechten Pedals bewirkt einen Drehmomentschwall, der die Erwartungen deutlich übersteigt. Wer herzhafter zutritt, muss damit rechnen, dass bereits bei 1000/min unter der Haube 570 Nm ausgeschüttet werden, während nur 500/min später sogar 830 Nm zur Verfügung stehen. Da trifft es sich gut, dass auch die Traktionsreserven zulegten.

Im Preis enthalten sind üppiger gummierte Räder (vorn 255/35 ZR 19, hinten 285/30 ZR 19) sowie – besonders willkommen – ein Sperrdifferenzial, das die Umsetzung der Leistung in Vortrieb enorm erleichtert. Folglich fallen die Eingriffe der Antriebsschlupfregelung spärlicher aus. Aufgerüstet wurden auch die Bremsen: Die im SL eingebaute elektrohydraulische SBCBremse kombiniert AMG mit größeren Scheiben und Bremssätteln. Das Ergebnis ist, wie der Bremsentest beweist, über jeden Zweifel erhaben, allerdings könnte das Pedalgefühl etwas straffer sein.

Das alles freut den forschen Lenker natürlich, ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch der SL 65 im Grunde seines Wesens ein SL bleibt. Da sich die Physik bekanntlich nicht überlisten lässt, vermag er eben auch die Nachteile seines hohen Gewichts nicht vollends zu übertünchen. Schwer bleibt schwer, und so animiert auch der SL 65 keineswegs zwangsläufig zum Rasen. Wie alle SL brilliert er als gepflegter Cruiser, wenngleich dank den 612 PS mit eingebautem Zeitraffer. Klarer Fall also: Wer sich auch sonst alles gönnt, sollte zugreifen.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • geräumiger Zweisitzer reichlich Ablagen im Innenraum praktisches Hardtop großer Kofferraum (geschlossen)
  • kleiner Kofferraum (offen)
Fahrkomfort
  • guter Federungskomfort niedriger Geräuschpegel bequeme Sitze wirkungsvolle Klimaanlage
Antrieb
  • durchzugsstarker Motor Fahrleistungen auf höchstem Niveau harmonische Automatik hohe Laufkultur
Fahreigenschaften
  • guter Geradeauslauf hohe Kurvenfestigkeit ausreichende Traktion
  • eingeschränkte Handlichkeit
Sicherheit
  • umfangreiche Sicherheitsausstattung standfeste Bremsen
Umwelt
  • erfüllt Euro 4-Abgasnorm
  • hoher Verbrauch
Kosten
  • hoher Anschaffungspreis teurer Unterhalt

Fazit

Ein Auto ohnegleichen: Der SL 65 AMG kombiniert die Fahrleistungen der weltschnellsten Supersportwagen mit dem Komfort, der Alltagstauglichkeit und der Sicherheit eines SL. Nachteile? Hoher Preis, hoher Verbrauch.

Technische Daten
Mercedes SL 65 AMG
Grundpreis204.624 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4535 x 1815 x 1298 mm
KofferraumvolumenVDA317 L
Hubraum / Motor5980 cm³ / 12-Zylinder
Leistung450 kW / 612 PS (1.000 Nm)
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h4,2 s
Verbrauch15,2 L/100 km
Testverbrauch16,9 L/100 km
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