Mini Roadster Cooper S im Test: Rasanter Roadster für Unvernünftige

Mini Roadster Cooper S, Front

Endlich muss Mini mal kein neues Segment erfinden wie das der unpraktischen Kombis (Clubman) oder hyperaktiven SUV (Countryman). Der Roadster darf nun ein beinahe vergessenes, höchst emotionales Fahrzeugkonzept aufleben lassen - am besten mit 184 PS starkem S-Motor.

Gelegentlich holt dich dein eigenes übermütiges Gebrabbel empfindlich schmerzend ein. Hier am Zirler Berg ist es mal wieder soweit. Wer sagt, es gebe keine Entschuldigung, ein Cabrio geschlossen zu fahren, muss da jetzt durch. Das Thermometer titscht an die Null-Grad-Grenze, gelegentlich flockt es aus dem wolkenverhangenen Himmel - egal. Das Verdeck bleibt offen, auch als der Mini Roadster Cooper S mit einem Bruchteil seiner stattlichen Leistung von 184 PS gelangweilt über die tempolimitierte Brennerautobahn rollt. Das Ziel: der Gardasee, natürlich nur der Bilder wegen.

Bis dahin bleibt ein bisschen Zeit zu reflektieren, was Mini nun schon wieder angestellt hat. Scheinbar vergeht kaum eine Woche, in der die BMW-Tochter nicht über eine neue Variante oder wenigstens ein Sondermodell frohlockt. Spielte dabei bislang die Ratio manchmal noch eine untergeordnete Rolle, scheint sie beim Mini Roadster völlig von Emotionen k.o. geschlagen. Das bekannt aufwendige Fahrwerk mit Multilenker-Hinterachse, nur mehr zwei Sitze sowie ein Stofffetzen als Dach, der an einer flacher stehenden Frontscheibe andockt, reichen als Qualifikation für die Aufnahme im Roadster-Club.

Mini Roadster verliert sich in typischer Verspieltheit

Zudem liegt gegenüber dem Cabrio der Schwerpunkt tiefer, und auf der Vorderachse lastet mit 62,5 Prozent etwas mehr Gewicht als beim Cabrio (60,8 Prozent). Ansonsten verliert sich der Mini Roadster in der typischen Verspieltheit der Marke, was sich einmal mehr in der optisch eigenständigen, aber völlig unpraktischen Gestaltung des Interieurs äußert.

Ebenso unverändert: die maue Materialanmutung. Immerhin kostet der Mini Roadster einen Tausender weniger als das Cabrio, bleibt aber mit einem Grundpreis von 26.750 Euro für das S-Modell eine teure Kiste - und eine tierisch schnelle obendrein. Ungeachtet seiner langhubigen Auslegung tobt der 1,6-Liter-Turbomotor gerne durch das Drehzahldickicht und schiebt den 1.252 Kilogramm schweren Zweisitzer in 7,2 Sekunden von null auf 100 km/h.

Viel wichtiger als die Längsdynamik: Wie zackig biegt der Mini Roadster ab? Also runter von der Autobahn und rein in die Berge. Dort vermittelt der Roadster jenes Fahrgefühl, das zwar nicht direkt mit einem Gokart, sehr wohl aber mit exzellenter Agilität zu tun hat: Die Lenkung arbeitet exakt, liefert zuverlässige Rückmeldung, und mit Hilfe des präzise schaltbaren Getriebes findet jeder Fahrer schnell den passenden Gang (künstlich, aber toll: das Auspuff-Ploppen beim Herunterschalten). Die leicht knisternde und nicht hundertprozentig verwindungssteife Karosserie neigt sich kaum zur Seite, und das Heck arbeitet fleißig mit - gelegentlich sogar ein bisschen zu viel.

Es gibt keine Entschuldigung, geschlossen zu fahren

Mit zunehmender Geschwindigkeit ließ der auf 16-Zoll-Rädern angetretene Mini Roadster sein Heck ziemlich übermotiviert als Reaktion auf Lastwechsel heraushängen, was zu häufigeren und rigideren ESP-Eingriffen als üblich führt. Wer damit umgehen kann, hat natürlich seinen Spaß. Doch unbedarften Autofahrern jagt das durchaus einen Schrecken ein. In den Fahrdynamik-Werten schlägt sich das früh eingreifende ESP in deutlich niedrigeren Geschwindigkeiten als bei anderen, meist mit sportlich bereiften 17-Zoll-Felgen ausgerüsteten Minis nieder.

Dafür rollt der Mini Roadster geschmeidiger ab - wobei: Alu ist auch weicher als Stahl, mit dem Kopf dagegenrennen möchte man dennoch nicht. Lieber das Haupthaar vom Fahrtwind kraulen lassen, also Seitenscheiben runter, Windschott raus. Selbst dann rauscht die Luft nicht orkanartig durch das Interieur, doch die Dosis ist gegenüber dem Cabrio merklich gestiegen. Dabei ragen selbst über 1,90 Meter lange Fahrer dank der tiefen Sitzposition nicht über den Scheibenrahmen hinaus, und gegen flaue Temperaturen bollert zusätzlich die sehr wirkungsvolle Heizung an.

Für das Mädchen im Mann: Auch die Sitzheizung wärmt sehr ordentlich. Am Komfort der mit weichem Lounge-Leder (sehr teuer) bezogenen Sportsitze (nicht ganz so teuer) gibt es immer noch nichts zu meckern. So bleibt es schlussendlich dabei: Es gibt keine Entschuldigung, geschlossen zu fahren.

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Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 08 / 2012

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