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Opel Vectra 1,8 16V im Test

Im Zeichen des Blitzes

Foto: Opel

Im Zeichen des Opel-Blitzes sind schon immer vernünftige Autos entstanden. Wie der neue Vectra, der große Fortschritte in Komfort, Fahrverhalten und Sicherheit verspricht.

02.04.2003 Götz Leyrer

Da kommt ein neues Auto auf den Markt, und keiner guckt hin. Bei Opel wird man das zwar nicht gern hören, aber es ist die Wahrheit: Der Vectra der zweiten Generation, der jetzt auf der IAA Premiere feiert, besitzt den Auffälligkeitsgrad einer gut getarnten Radarfalle. Noch nicht einmal Fahrer des alten Modells lassen erkennen, daß sie gerade dem Auto begegnen, das vielleicht ihr nächstes sein könnte. Dabei wurde für den Vectra kein Stückchen Blech vom Vorgänger übernommen. Opel spricht sogar von einer völlig neuen Architektur, weil der Radstand um 40 Millimeter verlängert und die Frontscheibe um 45 Millimeter weiter vorn angesetzt wurde. Ein Schuß des ursprünglich von Chrysler propagierten „Cab forward-Designs“ also, das für eine besonders gute Raumausnutzung sorgen soll. Tatsächlich bietet der Vectra jetzt mehr Platz, wenngleich immer noch ein spürbarer Abstand bleibt zum diesbezüglich besten Auto dieser Klasse, dem VW Passat.

Knie- und Kopfraum im Fond sind ausreichend – mehr nicht. Zumal die Meßwerte den subjektiven Raumeindruck nicht exakt widerspiegeln. Der rückt den Vectra eher in die Nähe des Astra als in die des größeren Omega. Besonders im Fond entsteht nicht der Eindruck von Großzügigkeit, weil die Gürtellinie nach hinten stark ansteigt und den Insassen damit bis zur Schulterhöhe reicht. Doch die positiven Eigenschaften der neuen Karosse überwiegen. Da ist zunächst einmal die gute Übersichtlichkeit. Der Fahrer kann nicht nur die Frontpartie gut einsehen, sondern er erspäht auch ohne Halsverrenkungen die Kante des Kofferraumdeckels. Und in der Aerodynamik nimmt der Vectra mit einem cW-Wert von nun 0,28 einen Spitzenplatz ein. Die Außenspiegel, deren Gehäuse fließend in die Motorhaube übergehen, tragen mit dazu bei, sind aber als Folge dieser eigenwilligen Formgebung zu klein geraten. Ansonsten beeinträchtigt die Aerodynamik die Funktionalität nur im üblich gewordenen Umfang.

Die Lüftung, obwohl mit hohem Durchsatz arbeitend, wird mit der Aufheizung des Innenraums bei Sonneneinstrahlung kaum fertig, was die Klimaanlage als besonders empfehlenswertes Extra erscheinen läßt. Andererseits sorgt die strömungsgünstige Form dafür, daß sich die Windgeräusche auf dezentes Rauschen beschränken. Erst ab 200 km/h zeigte sich beim Testwagen ein lästiges Zischen wegen einer nicht exakt eingepaßten Fahrertür. Ein defekter Aschenbecher und flackernde Bremsleuchten gehören ebenfalls zu den Mängeln, die in der Serienproduktion hoffentlich nicht mehr das vorherrschende Bild routinierter Verarbeitung trüben. Es läßt sich nicht übersehen, daß die Karosseriequalität viel besser geworden ist. Die laut Opel 42prozentige Erhöhung der Steifigkeit erscheint glaubhaft, sobald der Vectra eine holprige Straße unter die Räder nimmt.

Da knistert und klappert nichts, da zittert auch keine Lenksäule, wie es beim Vormodell üblich war. Der Innenraum präsentiert sich in der erwarteten Sachlichkeit, mit übersichtlichen Instrumenten und Bedienungshebeln. Gewöhnungsbedürftige Details sind weggefallen: Der Schalter für die heizbare Heckscheibe ist nicht mehr in die Heizungsbedienung integriert, und die umständliche Sitzhöhenverstellung mit einer Kurbel wich einer Lösung, für die das C-Modell von Mercedes Pate stand. Überzeugend auch die Qualität der Sitze, die ausreichend dimensioniert sind und gute Seitenführung bieten. Nur die Sitzposition hinter dem Lenkrad macht nicht glücklich, weil Fahrer mittlerer Größe bereits zu hoch sitzen. In der passiven Sicherheit befindet sich der Vectra ganz auf der Höhe der Zeit, wenn man einmal davon absieht, daß seitliche Airbags erst ab Frühjahr 1996 lieferbar sein werden. Aber Airbags für Fahrer und Beifahrer sind ebenso serienmäßig wie pyrotechnische Gurtstraffer und der Seitenaufprallschutz einschließlich energieabsorbierender Türpolster.

Gegen Aufpreis gibt es eine dritte Fond-Kopfstütze. Die Voraussetzungen dafür, daß all dies seinen präventiven Charakter behalten darf, sind beim Vectra bestens. Denn sein neu konstruiertes Fahrwerk, das vorn jetzt über einen Fahrschemel verfügt und hinten eine aufwendige Mehrlenkerachse aufweist, erfüllt bezüglich der aktiven Sicherheit auch hochgesteckte Erwartungen. Der Geradeauslauf und die hohen möglichen Kurvengeschwindigkeiten flößen Vertrauen ein. Die Grenzen der Haftung kündigen sich durch verstärktes Schieben über die Vorderräder ausgeprochen gutmütig an. Wer jetzt das Gas wegnimmt, provoziert damit keine destabilisierende Lastwechselreaktion. Die nicht zu leichtgängige und präzisen Fahrbahnkontakt vermittelnde Lenkung trägt ebenfalls zu dem guten Gefühl bei, den Vectra jederzeit sicher in der Hand zu haben.

Und die Bremsen erzielen nicht nur eine hohe Kaltverzögerung. Sie leiden auch bei extremer Beanspruchung nicht nennenswert unter Fading. Die Qualität des Fahrwerks unterstreicht nicht zuletzt der Federungskomfort. Der Vectra verfügt über eine straffe Grundabstimmung, die den Karosseriebewegungen Grenzen setzt. Kurze wie lange Bodenwellen schluckt die Federung willig. Nur bei sehr groben Unebenheiten und hoher Zuladung macht sich eine nicht ausreichende Dämpfung durch leichtes Nachschwingen bemerkbar. Der 1,8 Liter-Motor mit 115 PS paßt gut zum komfortablen Vectra-Charakter. Im vorwiegend genutzten Drehzahlbereich läuft der Vierzylinder erfreulich kultiviert – überraschend für eine Opel-Konstruktion, denn bisher genossen hoher Mitteldruck und günstiges Verbrauchsverhalten Priorität bei den Technikern in Rüsselsheim.

Ein rauhes Motorgeräusch nahmen sie dafür in Kauf. Beim Vectra haben sie bewiesen, daß eines das andere nicht ausschließt. Denn zur Laufkultur, die nur bei hohen Drehzahlen durch ein vierzylindertypisches Brummen beeinträchtigt wird, gesellt sich vorbildlicher Verbrauch. Mit knapp über sieben Liter/100 Kilometer unterwegs zu sein, ist kein Problem. Wer die Zehn-Liter- Grenze deutlich überschreitet, darf mit einem Ehrenamt im Verein der Bleifüße rechnen. Zugunsten der Sparsamkeit des Vectra wirkt auch die lange Gesamtübersetzung. Die allerdings hat auch eine Kehrseite: Obwohl sich die Drehmomententfaltung des Opel-Motors sehen lassen kann (siehe Tabelle auf Seite 15), ergeben sich nur durchschnittliche Werte in der Elastizität.

Die lange Achse erhöht den Komfort durch reduzierte Drehzahl und verringertes Geräusch, bedeutet aber auch zusätzliche Arbeit für den Fahrer, der häufig zur leichtgängigen, aber immer noch nicht vorbildlich exakten Schaltung greifen muß. Daß kleine Mängel die Freundschaft trüben – wer hätte es anders erwartet? Aber daß es so wenige sind, wird den Vectra wohl wieder in jene Rolle schlüpfen lassen, die sein Vorgänger schon erfolgreich gespielt hat: Hauptdarsteller in der Mittelklasse.

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