Opel Zafira Tourer 1.4 Turbo im Test: Lounge auf vier Rädern

Opel Zafira Tourer 1.4 Turbo

Die dritte Generation Opel Zafira bekommt den Namenszusatz Tourer und rüstet noch an anderen Stellen auf: Aufwendiges Adaptiv-Fahrwerk, zahlreiche Assistenzsysteme, modifizierter 1,4-Liter-Benziner. Großer Praxistest.

Nur selten schaffen es Trends in der Gastronomie, Impulse für die Gestaltung eines Automobils zu geben. So warten Freunde der Kaffeehauskultur noch immer darauf, dass endlich Espressomaschinen als fester Bestandteil in die Aufpreislisten der Hersteller einziehen.

Opel greift nun allerdings das Konzept der in den Metropolen dieser Welt zunehmend stark frequentierten Lounges auf und nimmt für sich in Anspruch, beim neuen Opel Zafira Tourer erstmals das großzügige Raumgefühl dieser Lokalitäten in einem Fahrzeug zu realisieren. Dabei reicht bereits die Basisausstattung aus, um die Familie mit netten Klapp- und Schiebespielchen zu bespaßen.

Flexible Rückbank mit verstellbarer Lehne

So lassen sich die drei Einzelsitze in der zweiten Reihe, die nun im Opel Zafira Tourer die etwas sperrige Bank des Vorgängers ersetzen, jeweils um 100 Millimeter nach vorne und um 110 Millimeter nach hinten verschieben. Zudem neigt sich die Lehne nach Bedarf um 16, 20 oder 24 Grad. Während die Verschiebeprozedur im fließbandfrischen Testwagen teils noch etwas ruckelig vonstattenging, schwingen die beiden zusätzlichen, bei der Ausstattung Edition 700 Euro teuren Sitze in der dritten Reihe leicht und elegant aus ihrer Versenkung, wie es eine Theaterchoreografie nicht besser vorsehen könnte - ganz einfach per Zug an einer Schlaufe.

Und wie war das jetzt mit der Lounge? Dazu rutschen die äußeren Sitze um weitere sieben Zentimeter nach hinten und fünf Zentimeter nach innen. Aus dem mittleren Sitz lässt sich dann eine üppige, bequem gepolsterte Mittelarmlehne basteln, indem er zunächst unspektakulär nach vorne fällt. Nach entsprechender Entriegelung klappen nun die Flanken der Rückenlehne nach oben - macht 295 Euro extra, schließlich kostet auch der Cappuccino in einer schicken Lounge mehr als beim Italiener um die Ecke. Nun dürfen zwei Mitreisende im Opel Zafira Tourer entspannt die Beine übereinanderschlagen und ein erstklassiges Raumgefühl genießen.

Zum überzeugenden Komforteindruck tragen die straffe Polsterung sowie die ausreichende Größe des Opel Zafira Tourer entscheidend bei, zudem sparten die Entwickler nicht an Innenbreite - nur wenige Fahrzeuge verkraften gleich drei Kindersitze in der zweiten Reihe, die sich sogar ohne größere Blessuren montieren lassen. Um den Nachwuchs im Blick zu behalten, wünschen sich die Eltern allerdings einen kleinen Zusatz-Panoramaspiegel, wie ihn beispielsweise die Wettbewerber aus Frankreich bieten.

Panoramablick im Opel Zafira Tourer

Wie sieht es eigentlich sonst so in der ersten Reihe aus? Alles Opel sozusagen – zumindest, was die Instrumente betrifft. Dank der üppig dimensionierten Dreiecksfenster genießen Fahrer und Beifahrer jedoch einen herrlichen Panoramablick, der durch die schmalen Dachpfosten kaum eingeschränkt wird. Nach mehr Durchblick verlangt dagegen das Armaturenbrett im Opel Zafira Tourer: Nicht weniger als vierzig Drucktasten und vier Drehregler balgen sich allein auf der Mittelkonsole - das macht die Bedienung für Geübte schnell, Ungeübte nehmen besser die Betriebsanleitung als Gute-Nacht-Lektüre mit nach Hause.

Vantypisch wölbt sich drum herum ein üppiger Instrumententräger, der aus diversen, nicht immer passgenau verarbeiteten Kunststoffen unterschiedlicher Qualität besteht. Dort, wo die Insassen zuerst hin fassen, ertasten die Finger angenehm unterschäumte Materialien, die sich bis in die Türverkleidungen fortsetzen des Opel Zafira Tourer. Alles andere besteht aus Hartkunststoff, der - abgesehen von den nicht immer optimalen Spaltmaßen - solide verarbeitet scheint und während der Testdauer keinerlei Geräusche von sich gab.

Völlig daneben: die scharfen Kanten an allen vier Türablagekästen - bitte ändern! Schließlich werden sie wegen ihres ordentlichen Fassungsvermögens sicher häufig genutzt. Gleiches gilt für die Mittelkonsole im Opel Zafira Tourer, die sich in drei Etagen gliedert. Als zentrale Verankerung dienen zwei Aluminium-Schienen, auf denen sich eine Armlehne mit kleinem Fach sowie der darunter liegende, bei Bedarf entnehmbaren Halter für zwei Getränkedosen verschieben und in unterschiedlichen Positionen arretieren lassen. Darunter befindet sich nochmals eine große Box - selbst die angesagten Lounges benötigen schließlich schnöden Nutzraum.

Sitze mit ausziehbarer Oberschenkelauflage und üppigen Seitenwangen

Damit nicht genug. Weitere Ablagefächer finden sich in der Dachkonsole, vor dem Bordmonitor, in Höhe des linken Fahrerknies, unter den Sitzen sowie vor dem Beifahrer als doppeltes Handschuhfach. Nettes Detail: Die meisten Verstecke im Opel Zafira Tourer bekamen eine Filzauskleidung spendiert, was die dort abgelegten Utensilien, aber auch das Fach selbst vor Kratzern bewahrt - und die Insassen vor Klappergeräuschen.

So weit, so praxistauglich, Fahrer und Beifahrer haben nun alles verstaut. Aber was ist das? Sitze mit ausziehbarer Oberschenkelauflage und üppigen Seitenwangen? Das gehört doch eher in einen Sportwagen, oder? Nein, denn entspannter als in den so genannten AGR- (Aktion gesunder Rücken) Sitzen lassen sich lange Strecken nur in wenigen Modellen absolvieren. Natürlich kostet der Komfort im Opel Zafira Tourer extra - immerhin 685 Euro. Zu viel für das Budget? Dann lieber auf schicke Felgen verzichten.

Nochmals teurer: die umfangreiche Sicherheitsausstattung mit Spurwechsel- und Toter-Winkel-Assistent, Kollisionswarnung, Verkehrszeichenerkennung sowie Abstandsregeltempomat - in diesem Segment einmalig. Ebenfalls nicht selbstverständlich: das optionale, Flexride getaufte Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern. Na endlich - Zeit, dass der Opel Zafira Tourer seine fahrdynamischen Talente unter Beweis stellt. Ein 1,4-Liter-Benziner soll den immerhin 1,7 Tonnen schweren Van in Schwung bringen. Dazu bekommt der Vierzylinder die Frischluft von einem Turbolader in die Brennräume gepustet - macht 140 PS und ein maximales Drehmoment von 200 Newtonmetern bei 1.850 Umdrehungen. Über eine spritsparende Direkteinspritzung verfügt das Triebwerk allerdings nicht, weshalb das manuelle Sechsganggetriebe sowie die Start-Stopp-Automatik als Effizienzmaßnahmen ausreichen müssen.

Opel Zafira Tourer temperamentvoll bis 3.500/min

In zahlreichen Opel-Modellen hat sich das Aggregat den Ruf eines braven Antriebs mit leichtem Phlegma erarbeitet - trotz Aufladung. Im Opel Zafira Tourer legt es überraschend spontan los, reagiert nahezu verzögerungsfrei auf Gaspedalbefehle und versumpft auch nicht in einem Turboloch. Alles anders als bisher also? Nein, denn bereits ab 3.500/min nimmt das Temperament spürbar ab, um knapp über 4.000 Umdrehungen beinahe vollständig auszutrocknen und den Weg zum Begrenzer bei 6.500/min extrem lang zu gestalten. Immerhin stimmt es dabei keinen Klagegesang an, wenngleich ein paar Dröhnfrequenzen weniger die Stimmung an Bord durchaus heben könnten.

Der Vierzylinder im Opel Zafira Tourer fühlt sich in den unteren Drehzahlregionen deutlich wohler, ebnet allerdings nur geringe Steigungen lässig mit seinem Drehmoment ein. Vor allem in den oberen Gängen des etwas hakelig zu schaltenden Getriebes kommt er ähnlich fix in Schwung wie Schüler morgens aus den Federn und bleibt vor allem in der sechsten Stufe gerne etwas länger liegen. Beweise? Bitte, gerne. Die Beschleunigung von elf Sekunden für den Sprint von null auf 100 km/h bleibt erwartungsgemäß hinter der Werksangabe von 10,7 Sekunden zurück, die Elastizitätswerte stellen ebenfalls keine neue Bestmarke auf.

Im Sport-Modus krempelt der Opel Zafira Tourer die Ärmel hoch

Spart der Opel Zafira Tourer wenigstens ordentlich? Der Testverbrauch (9,2 L/100 km) lässt viel Luft zu den vom Hersteller versprochenen 6,3 Liter/100 km. Immerhin: Auf der betont zurückhaltend gefahrenen auto motor und sport-Verbrauchsrunde schafft der Van 6,5 Liter/100 km. Bei Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn weht dagegen wieder ein bisschen Harmonie durch den Antriebsstrang, und das Fahrwerk legt noch eine Schippe drauf. Bereits in der Normalstellung fertigen die Dämpfer ungeachtet der straffen Grundabstimmung Unebenheiten lässig ab, lassen höchstens fiese Querfugen etwas zu trocken durch. Ein Druck auf die Tour-Taste hilft, schon sprechen sie spürbar sensibler an und ermöglichen so einen äußerst angenehmen Federungskomfort. Dennoch bleiben Karosseriebewegungen auf einem magenfreundlichen Niveau, erst bei voller Beladung nehmen die Vertikalbewegungen spürbar zu.

Im Sport-Modus krempelt der brave Opel Zafira Tourer dagegen die Ärmel hoch und ballt die Fäuste. Mit rot glimmenden Armaturen, geschärften Kennlinien für Lenkung und Gaspedal sowie deutlich gestrafftem Fahrwerk erklärt er nun maximale Querbeschleunigung zur relevanten Größe. Subjektiv macht das mächtig Eindruck, bringt objektiv allerdings keinen durchschlagenden Erfolg, sondern höchstens durchschlagende kurze Bodenwellen. Bereits das Basis-Setup vermittelt ungeachtet der etwas synthetisch wirkenden Lenkung ein dynamisches Handling, was den Fahrspaß abseits langweiliger Langstrecken durchaus steigert. Und wenn es brenzlig wird, wirft der Opel Zafira Tourer in höchster Sorge um die Insassen ziemlich ruppig den elektronischen Rettungsanker ESP. Überlisten lässt er sich übrigens nicht, denn selbst wenn nach langem Tastendruck das Zentraldisplay "ESP deaktiviert" meldet, bleibt das System aktiviert – gut so.

Die wirklich gelungene Fahrwerksabstimmung hätte also vor allem einen etwas temperamentvolleren und effizienteren Motor verdient, damit das Lounge-Konzept auch als Automobil einwandfrei funktioniert - selbst ohne Espressomaschine.

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Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 02 / 2012

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