Porsche 911 GT3 RS 4.0 im Test: Rennwagen für die Straße

Porsche 911 GT3 RS 4.0, Felge, Rad, Heckspoiler

Puristischer und wilder ging ein Porsche 911 noch nie auf die Pirsch. Mit 500 PS und weiteren technischen Raffinessen treibt der GT3 RS 4.0 das Boxermotor-Konzept auf eine neue Spitze.

Wissen Sie, wer diesen Porsche nicht verdient hat? Jeder, der sich wünscht, er trüge wenigstens einen Hybrid-Schriftzug. Und jeder, der Angst hat, ein Auto wie der neue GT3 RS 4.0 sei in manchen Augen so politisch inkorrekt wie überhaupt möglich. Denn schon der gewaltige Flügel auf dem Heck signalisiert, dass die Rennstrecke das richtige Betätigungsfeld für diesen Super-Porsche ist. Dort gehört er hin.

600 Auserwählte, die bereits die komplette Auflage des ultimativen GT3 erworben haben, sind also nicht verrückt und ohne Gespür für die Zeichen der Zeit. 85 Prozent erfreuen sich ihres Sportwagens tatsächlich in sportlichen Wettbewerben. Der Rest? Mit hoher Wahrscheinlichkeit Technik-Verliebte, die das Ultimative besitzen wollen, was Porsche auf vier Räder stellen kann. Menschen also, die auch angesichts eines hochkarätigen Chronographen aus dem Häuschen geraten.

Geballtes Technik-Knowhow

Tatsächlich ist der Porsche 911 GT3 ein für die Straße zugelassener Rennwagen. Porsche hat da alles hineingesteckt, was das Know-how seiner Techniker zu liefern vermag. Und einiges weggelassen. So gibt es kleine Schlaufen statt der Türgriffe innen und einen verzweigten Überrollbügel statt der ohnehin nur für Kleinkinder tauglichen Rücksitze. Die Klimaanlage wird durch eine Belüftung ersetzt, die weniger Durchsatz liefert als einst beim Renault 4. Und statt eines Radios macht der Motor die Musik. Es ist dies der letzte Vertreter des klassischen Porsche-Boxertriebwerks, das als Referenz an seinen Konstrukteur in der Firma auch Mezger-Motor genannt wird. Sein Großvater hat schon bei den 24 Stunden von Le Mans gewonnen.

Vier Liter Hubraum hat der Sechszylinder nun, und er ist vollgestopft mit allem, was gut und teuer ist. Titanpleuel, Trockensumpfschmierung, Luftfilter mit Carbon-Gehäuse. Ohne die Unterstützung eines Turboladers kommt der Boxer auf glatte 500 PS, was einer Literleistung von 125 PS entspricht und damit nicht weit entfernt ist von dem, was der erfolgreichste Formel 1-Motor aller Zeiten, der Cosworth-V8, zu Beginn seiner Karriere leistete. Doch mit dem wären Sie morgens nicht zum Bäcker gefahren.

Der Boxer rasselt, aber geht extrem gut

Der Vierliter kann das. Seine Umgangsformen sind überraschend zivil und problemlos. Er zieht schon bei niedriger Drehzahl und reagiert sanft auf einen vorsichtigen Gasfuß. Dass es aus dem Getriebe rasselt wie Omas alte Kaffeemühle, das kennt der Porsche-Vertraute. Das akustische Wohlverhalten wurde erst den jüngsten Elfer-Generationen anerzogen.

Der Porsche 911 GT3 hat es nicht, auch deshalb nicht, weil kein überflüssiges Gramm in die Geräuschdämmung investiert wurde. Der Mezger-Motor war nie ein Flüsterer. Bei ihm dominieren nicht nur das Ansaugen und das Auspuffen, sondern auch eine Fülle mechanischer Geräusche. Rau, unverwechselbar. Er hat eine verrauchte Mit-Single-Malt-Gurgeln-Stimme.

Wenn man drauftritt, muss er schießen, soll Ferry Porsche einmal postuliert haben. Der Porsche 911 GT3 schießt nicht, er feuert eine ganze Breitseite. Schmetternd dreht er hoch bis auf über 8.000 Umdrehungen, reagiert so ekstatisch aufs Gas wie der Gourmet auf eine Portion Beluga-Kaviar. Die Leistungsleiter raufzuklettern stellt ein einzigartiges Vergnügen dar – eines, das nur ein hochgezüchteter Sauger bieten kann und das auf dem ungewöhnlich breiten nutzbaren Drehzahlband und einer homogenen Leistungsentfaltung beruht.

Obwohl der Porsche 911 GT3 extrem gut geht, findet keine Explosion statt. Der Dampf entfaltet sich linear mit der Drehzahl, was für eine perfekte Kontrollierbarkeit sorgt und durch das eng gestufte Getriebe trefflich unterstützt wird. Dessen verkürzte Schaltwege machen das Schalten schnell, aber auch knochig und kraftaufwendig. Geht es zu schwer, bist du zu schwach.

Überraschend komfortabel

Porsche 911 GT3-Fahren ist Fahren ohne Dämpfung. Es gibt keine Assistenzsysteme, die selbstverständliche Aufgaben übernehmen. Nur ABS und ESP, die in vielen Fällen begabter sind als der tüchtigste Fahrer. Ansonsten der unverdünnte Cocktail der Fahrmechanik: eine Lenkung, die auf den Gedanken zu reagieren scheint, ein hochpräzises Fahrverhalten, eine Bremse, die den Hals lang macht und für die Kapitulation ein Fremdwort ist. Erstaunlich eigentlich, dass die Federung wirklich federt, denn Komfort würde man am allerwenigsten erwarten.

Dass es ihn gibt, spricht für eine überzeugende Ingenieurleistung. Dieses, Freunde, ist die endgültige Inkarnation des klassischen Porsche. Und die wenigen, die einen bekommen haben, dürfen sich auch noch über den Eintrag in unserem Datenblatt freuen: "geringer Wertverlust".

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Götz Leyrer

Autor:

auto motor und sport, Heft 16 / 2011

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