Porsche Carrera GT: Schauer of Power

Er ist der stärkste, gewaltigste, aufregendste Straßen-Porsche in der Geschichte des Hauses. Im Test muss der Carrera GT zeigen, ob er auch hält, was er verspricht.

Was macht einen Sportwagen zum Supersportwagen? Einfach: Supersportwagen, die den Namen verdienen, bewegen sich jenseits der Realität, sind ohne jeden praktischen Nutzen, mehr kinetische Kunst als Auto. Man kann damit nicht zum Einkaufen fahren, Frauen mit kurzen Röcken können nicht einsteigen, man kann sie nicht einmal parken, ohne befürchten zu müs­sen, dass jemand Säure über das Dach leert. Es sind die Autos, die Jungs an ihrer Schlafzimmerwand sehen wollen, Traumwagen. Und wer hat schon vernünftige Träume? Ausgenommen vielleicht die Ingenieure von Porsche. Als sie die Fangemeinde zuletzt mit einem Supersportwagen beglückten, sah dieser aus wie ein 911, der er im Prinzip auch war – viel schneller und viel teurer zwar, aber genauso praktisch: der 959 von 1985. Danach beschränkte man sich auf eine Handvoll notdürftig verkappter Rennwagen. Auch das macht den Carrera GT zum Meilenstein: Zum ers­ten Mal in der Geschichte des Hauses wagt es Porsche, einen Supersportwagen auf Kiel zu ­legen, der Vernunftaspekte souverän negiert, aber kein TÜV-gerecht umgebautes Rennauto darstellt. Dergleichen leistet sich zurzeit nur Ferrari. Der Carrera GT ist der Enzo Ferrari von Porsche. Man hät­te ihn deshalb vielleicht besser Ferdinand nennen sollen, denn weder ist er Carrera noch GT. Beides bestätigt schon ein flüchtiger Blick: Was hier auf der Fahrbahn kauert, hat mit gängigen Vorstellungen von einem Serien-Porsche nichts zu tun. Auf 4,6 Meter Länge, 1,9 Meter Breite, aber nur 1,2 Meter Höhe vereinen sich Aluminium, Titan, Magnesium und Carbon zu einem Gebilde, das einem den Schauer des Respekts über den Rücken rieseln lässt. Das riesige Heck, eine weit nach vorn verschobene Fahrgastzelle, klaffende Lüftungsschlitze – der von Chefstylist Harm Lagaay gemixte Cocktail veredelt die Aura reinrassiger Rennsportwagen mit der hohen Kunst des Designs, die im Heckbereich in zwei gewölbten Siebblechen gipfelt: Als durchsichtiges „Negligee“ (Lagaay) gestatten sie auch bei geschlossener Haube den Blick auf einen Bilderbuchmotor. Dieses in der Wagenmitte verstaute V10-Aggregat (siehe Heft 12/2003) ist so exklusiv wie das ganze Auto. Ursprünglich als Rennmotor für den Le Mans-Einsatz konstruiert, aber nie eingesetzt, arbeitet es nun in ziviler Form im Carrera GT – elektronisch gezüchtigt und abgasseitig gereinigt. Jetzt erfüllt der von 5,5 auf 5,7 Liter vergrößerte V10 sogar artig die ­Euro 4-Abgasnorm. Rennmäßig blieb indessen die Leistung (612 PS bei 8000/min), die über eine neu­artige, besonders kompakt bauende Keramikkupplung, ein quer hinter dem Motor platziertes Sechsganggetriebe, einen zusätzlichen Zahnradsatz und ein Sperrdifferenzial auf die Hinterräder geleitet wird. Dort angekommen, erwartet sie wenig Widerstand, denn im Zuge fortgeschrittenen Leichtbaus wurden überflüssige Kilos weitgehend eliminiert.

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Wolfgang König

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