Porsche Cayenne S Hybrid im Test: Dynamischer Hybrid-Offroader

Porsche Cayenne S Hybrid

Porsche zündet die Friedenspfeife an: Der Cayenne S Hybrid soll mit seinem beeindruckend niedrigen Normverbrauch SUV-Kritiker milde stimmen. Rechtfertigt die teure Spritspartechnik im Test tatsächlich eine weiße Weste?

Zufall oder Absicht? Während der Porsche Cayenne meistens in dunklen Metallic-Farben vom Band läuft, kleidet sich der Testwagen in reinem Weiß. Und für alle, die immer noch nicht ganz seinem geläuterten Wesen trauen, trägt er an den Flanken den Schriftzug Hybrid. 

78.636 Euro müssen in den Cayenne Hybrid investiert werden

Er weist darauf hin, dass im Porsche Cayenne S Hybrid im Test nach BMW X6, Lexus RX 450h und dem Schwestermodell VW Touareg ein Verbrennungs- und ein Elektromotor gemeinsame Sache machen, um den großen, schweren SUV vom Verdacht des Energieverschwenders reinzuwaschen.Um den 4,85 Meter langen SUV in Verbrauch und CO2-Ausstoß auf Mittelklasse-Niveau zu drücken, müssen aber zunächst mindestens 78.636 Euro investiert werden - gut 19.000 Euro mehr als für den schwächeren, aber noch sparsameren V6-Diesel (240 PS) und immer noch knapp 6.000 Euro mehr als für den 400 PS starken V8-Benziner, der zudem über 100 Kilogramm weniger wiegt. Da sollte der Cayenne S Hybrid im Verbrauch schon deutlich unter dessen 15,3 L/100 km liegen, damit die Rechnung nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Besitzer aufgeht.

Von null auf 100 km/h in 6,5 Sekunden

Tatsächlich helfen im Porsche Cayenne S Hybrid im Test schon die Informationen über den Energiefluss im Display, den Fahrer möglichst oft in den E-Betrieb zu locken. Das gelingt allerdings höchstens kurzfristig und nur dann, wenn man den Cayenne mehr als Spar- denn als Fahrzeug behandelt. Außerdem verführen schon die Schaltpaddel am Lenkrad zum Spielen und zum Eingreifen in das hoch komplexe Zusammenspiel der Achtstufen-Automatik und der beiden Motoren, ohne die Fahrleistungen zu verbessern. Denn mit seiner Systemleistung von 380 PS stürmt der über 2,3 Tonnen schwere im Porsche Cayenne S Hybrid im Test in beeindruckenden 6,5 Sekunden von null auf 100 km/h. Damit bleibt er dicht an seinem 400 PS starken V8-Bruder (6,2 Sekunden) und überholt knapp den VW Touareg mit identischem Hybrid-Antriebsstrang (6,7 Sekunden).

Bei den Fahrdynamik-Werten ergibt sich die gleiche Reihenfolge, trotz 107 Kilogramm Mehrgewicht gegenüber dem Cayenne S fegt der Hybrid äußerst flott durch die Pylonengasse - und bleibt mit allen vier Rädern am Boden, was dem V8-SUV nicht gelang. Hier wirkt sich das zusätzliche Gewicht der unter dem Kofferraumboden eingebauten Batterie beruhigend aus.

Spar-Ambitionen trotz 580 Nm Drehmoment

Zur erforderlichen Kühlung zieht sich der Nickel-Metallhydrid-Akku des Porsche Cayenne S Hybrid im Test mit einem Energiegehalt von 1,7 kWh Luft aus dem Innenraum. An besonders heißen Tagen - wenn die Klimaanlage länger damit beschäftigt ist, den Innenraum zu temperieren - wird die elektrische Leistung messbar zurückhaltender abgegeben. Doch das bleibt die Ausnahme, in der Regel stellt das System seine üppigen 580 Nm Drehmoment bei lediglich 1.000 Umdrehungen anstandslos bereit. Einmal abgesehen vom blutleeren Klang des von Audi stammenden Kompressor-Benziners kommt also kein Zweifel daran auf, in einem echten Porsche unterwegs zu sein.

Und dann passiert es: Selbst wenn das Energieflussdisplay ausgeschaltet ist, überkommen den Fahrer im Porsche Cayenne S Hybrid Spar-Ambitionen. Er hat die Gleitfunktion entdeckt, die den Verbrenner ausschaltet und abkoppelt - erkennbar an der in Nullstellung verharrenden Nadel des Drehzahlmessers. Das funktioniert bereits bei milden Bergab-Passagen, der Schwung hält oft lange an. Spätestens bei 156 km/h mischt sich der V6 wieder ein, da bei höheren Geschwindigkeiten der Motor zu lange brauchen würde, um auf die entsprechende Drehzahl zu kommen und ruckfrei einzukuppeln. Ohne die im Vergleich zum S längere Achsübersetzung läge die Schwelle noch etwas niedriger.

Porsche Cayenne S Hybrid erreicht Testverbrauch von 11,9 L/100 km

Der Ehrgeiz zum Knausern ist also geweckt, die Verbrauchsanzeige im Porsche Cayenne S Hybrid im Test fokussiert. Und tatsächlich: Ein Testverbrauch von 11,9 L/100 km stellt angesichts der häufig ausgenutzten Fahrleistungen einen sehr respektablen Wert dar und liegt auf dem Niveau des VW Touareg Hybrid. Wer nur gegen das Gaspedal pustet und alle elektrischen Verbraucher ausschaltet, kommt mit 8,2 Litern aus. Im Stadtverkehr, der bei Hybrid-Fahrzeugen gesondert ermittelt wird, spielt der Elektromotor dann seine Stärken aus. Zwar liegt der Wert von 11,5 L/100 km deutlich über der Werksangabe, spiegelt aber die Realität und nicht die sterile Scheinwelt des Prüfstands wider.

In engen Häuserschluchten wird indes schnell klar, dass der Porsche Cayenne S Hybrid nicht zum City-Hopper taugt. Die geräumige Karosserie mit verschiebbarer Rückbank verkraftet problemlos die Beute ausgedehnter Einkaufsbummel, während ihre Enden für den Fahrer nur schwer einzusehen sind. Zudem spricht das Fahrwerk trotz optionaler Luftfederung und aufpreispflichtiger 19-Zöller bei Stadttempo etwas unmotiviert an. Kurze Bodenwellen verpuffen auch bei Überlandpartien erst in den sehr bequemen, vielfach verstellbaren Sportsitzen. Sie sind Bestandteil der unfassbar langen Aufpreisliste zusätzlich zum stolzen Grundpreis. Da empfiehlt es sich, die Spritspar-Anzeige stets eingeschaltet zu lassen.

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Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 17 / 2010

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