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Range Rover im Test

Münchner Kindl

Foto: Achim Hartmann

Der neue Range Rover ist eine BMW-Hinterlassenschaft an die englischen Offroad-Spezialisten von Land Rover. Hanben die Bayern ein faules Ei gelegt, oder ist der Luxus-Offroader bereits flügge?

02.03.2002

Da behaupte noch einer, BMW habe sich unehrenhaftaus der Rover-Beziehungskiste verabschiedet. Dass die Liebe der Münchner zu den Engländern von aufrichtiger Natur war, beweist zumindest der soeben vom Stapel gelaufene und noch unter BMW-Regie komplett neu aufgebaute Range Rover.

Nach vollzogener Scheidung streitet sich das Elternpaar – Land Rover gehört mittlerweile zum Marken-Portfolio der Premier Automotive Group von Ford – nun eifrig über den jeweiligen genetischen Beitrag zum sichtlich gut geratenen Sprössling. Die Frage, wie groß der deutsche Einfluss auf die urbritische Geländewagen-Ikone war, wird allerdings mit dem ersten Blick ins Cockpit des stämmigen Offroadersgeklärt: So viel „Best of BMW“ findet sich nicht einmal im neuen BMW 7er. Knöpfe und Schalter, HiFi- und Navigationssystem, ja selbst das Geräusch, mit dem die Armauflagen-Klappe zufällt, oder der Radius, den die Türinnenverkleidung in Richtung Fensterdichtung beschreibt – allem haftet unverkennbar der BMW-Stallgeruch an.

Ebenfalls sehr teutonisch erscheinen die hervorragende Funktionalität und die grundsolide, knisterfreie Verarbeitungsqualität. Alle Bedienelemente sitzen am rechten Fleck. Superbe Übersicht aus luftiger Höhe. Klar erkennbare Fahrzeugabmessungen kombiniert mit dem hilfreichen Park-Radar helfen dem Riesen durch die Stadt. Ein großer, komfortabler Raum. Bequeme Sitze, üppige Beinfreiheit vorne wie hinten. Lederselbst an den Haltegriffen. Und dann das wunderbare Interieur: Stämmige Kirschholzsäulen, die den Armaturenträger zu stützen scheinen, machen Schluss mit dem überkommenen Wurzelholz-Diktat in der Luxusklasse. Nobel ins Holz eingelassene Ambient-Strahler verbreiten Designermöbel-Flair. Flauschiger Teppich im höhlenartigen Kofferraum (535 Liter). Robuste Gummimatten – ja, Gummimatten – mit neckischen Metallecken zieren den Fußraum. Zuerst klappen nur die Rückenlehnen im Fond.

Dann erweitert die nun vollständig wegklappbare Rückbank den Gepäckraum auf sagenhafte 1.756 Liter Volumen. Gepäcknetz. Steckdosen. Staufächer. Und so weiter. Drei Dinge sind hierzu noch festzustellen: Der neue Range Rover ist ein Auto geworden, dem man auf unaufdringlich-gepflegte Art anmerkt, wie viel er gekostet hat. Nämlich mindestens 72.000 EUR. Zweitens hat er jegliche englisch-barocken Schnörkel verloren. Und trotzdem. Der neue Range Rover ist – drittens – ein echter Brite geworden. Radikal wurde die viktorianische Kulturträgheit hinausgefegt, hinein durfte das neue England. Mister R. R. ist nun trendy wie Manchester United-Fußballer David Beckham, urban wie Londons Drum’n’Bass-König Goldie, cool wie der durchgeknallte Schweine- und Diamanten-Filmer Guy Ritchie.

Teetrinken? Barbour-Jacken? Landregen? After Eight-Romantik? Fehlanzeige. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Und das ist gut so. Der neue Range Rover hat nicht nur das Zeug, seinen Vorgänger einigermaßen zufriedenstellend abzulösen, er ist fast ein Lehrstück geworden, wie ein moderner Geländewagen eben auszusehen hat. Formal kommt der neue Range Rover seinem Vorgänger auf den ersten Blick noch sehr nahe, aber im direkten Vergleich scheinen fast zwei Modell-Generationen zwischen Neu und Alt zu passen.

Kraftstrotzend, mit gierig klaffenden Kiemen und enormer Oberflächenspannung wirkt der neue Range, nur an Front und Heck konterkarieren runde Leuchtenelemente die fast kubische Form. Eine Form mit Format. Und ein Format, das Nachteile hat. So fängt sich der Fahrtwind an der aufragenden Silhouette schon ab moderatem Tempo mit deutlich vernehmbarem Pfeifen, der Benzinverbrauch steigt mit dem Luftwiderstand in fast utopische Dimensionen (max. 22,1 Liter auf 100 km). Selbst bei Bummeltempo zwingt das stattliche Leergewicht von 2.555 Kilogramm den Verbrauch empor. Unter 12,3 Liter ist der BMW-V8 nur mit abgestellter Zündung zu kriegen. Dass derartige Suff-Arien auch die Kostenbilanz beeinflussen, ist nur die Hälfte der Medaille: Denn kostentreibend wirkt sich auch der Umstand aus, dass der Range-V8 lediglich Euro 2-Abgasgrenzwerte schafft und vom Finanzamt entsprechend abgestraft wird. Einen in dieser Hinsicht zweifelhaften Vorteil bietet da immerhin das hohe Gewicht. Auf Antrag kann der Range Rover steuerbegünstigt als Lkw zugelassen werden. Dass die Autobahn doch noch zum bevorzugten Revier des trinkfesten Briten wird, dafür sorgt der voluminöse 100-Liter-Tank.

Und das bestechende Überholprestige des fliegenden Wohnzimmers. Wird im Rückspiegel der massive Kühlergrill des Range größer, dann suchen selbst drängelnde Kleintransporter mit Links-Abonnement schleunigstden rechten Fahrbahnrand. Darüber hinaus erweist sich der bei Reisetempo flüsterleise auftretende V8 als optimaler Tourenbegleiter. Auch das luftgefederte Fahrwerk nimmt Bodenunebenheiten jeder Amplitude und Wellenlänge souverän. Das komfortable Triebwerk steht in Sachen Fahrleistung allerdings wenn auch nicht gerade auf verlorenem, so doch weit vorgeschobenem Außenposten: Die rund 2,5 Tonnen Fahrzeuggewicht hängen zäh an dem sonst so energisch agierenden Triebwerk. Lauwarme Beschleunigungswerte (0 auf 100 km/h in 9,9 Sekunden) und die moderate Höchstgeschwindigkeit von 208 km/h sprechen eine deutliche Sprache.

In der Praxis kaschieren sein kräftiger Antritt aus niedrigen Drehzahlen und der sonore Sound des V8 zwar subjektiv die nur befriedigenden Fahrleistungen, allerdings fallen forsch bewegte Turbodiesel-Kombis selbst bei Kick-down-Zwischensprints nur äußerst zäh aus dem Windschatten. So fühlt sich der Range Rover bei genüsslichem Cruising-Tempo am wohlsten. Dann ist auch das überaus komfortable Fahrwerk in seinem Element. Mit leichtgängiger Lenkung schippert der hochbeinige Luxusliner nonchalant dahin, wirkt unaufgeregt, gleichzeitig vertrauenerweckend und für einen Offroader dieser Größenordnung sogar recht präzise. Selbst kleine Sträßchen dritter Ordnung trabt der Reise-Riese in der flinken Manier eines antiken Kampf-Elefanten hinunter, erlaubt noch auf schlechter Fahrbahn eine Gangart, die in seinem Vorgänger für herbe Schweißausbrüche gesorgt hätte, und verliert auch bei rauer Gangart erst spät die Fassung.

Trotz dieser grundlegenden Agilität beweist der Range Rover, dass bei seiner Entwicklung vor allem der Komfort und die Geländeeigenschaften im Vordergrund standen. Mutige Fahrmanöver absolviert er mit kräftiger Seitenneigung und quietschenden Reifen. Allerdings kann es während abrupter Ausweichmanöver bei hoher Geschwindigkeit durchaus dazu kommen, dass der schwere Geländewagen das Hindernis in waghalsiger Schräglage auf nur zwei Rädern umrundet. Das elektronische Stabilitätsprogramm DSC hat dann alle Bremszangen voll zu tun, den Range Rover mit gezieltem Bremseneingriff sicher auf Kurs zu halten. Diese Einschränkungen kommen dem Range Rover aber im Gelände zugute: Per Schalter wird die Getriebereduktion eingelegt, das Luftfahrwerk auf Hochniveau verlegt, und dann klettert der Range trotz Einzelradaufhängung und fehlender Differenzialsperren an den Achsen wie einganz Harter. Unter ordentlichem Getöse – die Funktion der Differenzialsperren übernehmen ständige Bremseingriffe an durchdrehenden Rädern – rumort der RangeRover die steilsten Böschungen hinauf und dank Hill Descent Control – eine ebenfalls bremsgestützte Abseil-Hilfe – auf der anderen Seite wieder sicher hinunter.

Einem echten Gelände-Ass wie dem Mercedes G-Modell kann der Range Rover zwar keine Konkurrenz machen, was der englische Haudegen aber nur mit Bodenfreiheit, selbstsperrendem Zentraldifferenzial und Elektronik-Hilfeschafft, ist enorm. Genau wie die Kombination aus limousinenhaftem Federungskomfort, geradezu entrücktem Luxus und hochmodernem Charakter-Design. Glückwunsch, BMW?

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gute Übersichtlichkeit
  • einfache Bedienung
  • gutes Platzangebot
  • hohe Zuladung
Antrieb
  • laufruhiger Motor
  • befriedigende Fahrleistungen
  • hoher Verbrauch
Fahrkomfort
  • bequeme Sitze
  • gute Klimatisierung
  • schluckfreudige Federung
  • niedriges Geräuschniveau
Fahreigenschaften
  • sicheres Kurvenverhalten
  • exakte Lenkung
  • guter Geradeauslauf
  • gute Geländeeigenschaften
  • starke Wankneigung
Sicherheit
  • umfangreiche Sicherheitsausstattung
  • befriedigende Bremsen
  • seriemäßiges DSC
Kosten
  • LKW-Zulassung möglich
  • 6 Jahre Garantie gegen Durchrostung
  • hohe Kraftstoffkosten
  • hohe Festkosten
Umwelt
  • hoher CO²-Ausstoß
  • erfüllt nur Euro 2-Norm

Fazit

Er ist kultiviert, kräftig, charakterstark, ungemein komfortabel, praktisch, geländegänig und schlicht schön. Den vielen Vorteilen des neuen Range Rover stehen allerdings einige wenige Nachteile gegenüber, die schwer wiegen: immenser Verbrauch, hoher Preis und starke Wankneigung.

Technische Daten
Land Rover Range Rover 4.4
Grundpreis73.400 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4950 x 1956 x 1863 mm
KofferraumvolumenVDA535 bis 1756 L
Hubraum / Motor4398 cm³ / 8-Zylinder
Leistung210 kW / 286 PS (440 Nm)
Höchstgeschwindigkeit208 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h9,2 s
Verbrauch16,2 L/100 km
Testverbrauch16,8 L/100 km
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